„Liebe mich dann, wenn ich es am wenigsten verdiene – dann brauche ich es am meisten!“

Vor jetzt schon 10 Jahren ging es irgendwie los. Mein Papa war seit ein paar Jahren in Rente, gab aber noch Nordic Walking Kurse und arbeitete als Vertretung manchmal noch als Sportlehrer. Es waren am Anfang relativ kleine Sachen: Verräumte Gegenstände, vom Zaun gebrochene Streits usw. Als dann aber immer öfter größere Summen Geld weg kamen, mein Papa fast nur noch wie gelähmt zu Hause saß und auch seine Kurse nicht mehr organisieren konnte, wurde es beängstigend. Ich dachte: er ist vielleicht Spiel – oder Alkoholsüchtig. Wir fragten oft: Was ist denn nur mit dir los? Ernteten aber nur patzige Antworten.

Ich erkannte meinen Papa, der sonst gerade mir gegenüber eigentlich nie wütend oder böse wurde, nicht wieder! Es zog mir eigentlich damals schon den Boden unter den Füßen weg. Ich war vor der Pubertät immer ein „Papa-Kind“ gewesen und wurde sehr von ihm verwöhnt. Aber auf einmal hatte ich das Gefühl, von ihm nicht mehr geliebt und wahrgenommen zu werden. Ich war damals ja gerade mal 15, dementsprechend konnte ich damit wirklich nicht umgehen!

Zum Glück ist meine Mama sehr rigoros und handlungsfähig in solchen Situationen! Sie schickte meinen Papa zu einem Neurologen, der aber nach nur 5 Minuten Gespräch sagte, es sei alles normal, was wir nicht glauben konnten. Deswegen gingen wir noch zu einem anderen Arzt, welcher bis heute meinen Papa behandelt. Er nahm sich Zeit und machte viele verschiedene Test. Dann bekamen wir die Diagnose: Alzheimer im Anfangsstadium…

Das steht dann da erstmal so da, aber was macht man damit? Man weiß nicht, was auf einen zukommt und was die nächsten Schritte sind. Es wurde zum Glück wirklich sehr früh erkannt. So konnte der Verlauf mit Medikamenten wirklich sehr verlangsamt werden und auch wir konnten uns nach und nach auf die neue Situation und auf die neuen Bedürfnisse von Papa, aber auch von uns, einstellen.

Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass ich die Zeit, die mir damals noch mit meinem Papa geblieben wäre, besser hätte nutzen können und sollen. Nur mit 15, 16, 17 Jahren realisiert man das einfach nicht und ist oft eben genervter, als man hätte sein sollen. In diesem Alter ist es, finde ich, auch einfach noch nicht dran, dass man sich so zurücknehmen und sich auf einen Elternteil so einstellen muss. Trotzdem bereue ich es, kann es aber leider nicht mehr ändern. Hinterher ist man ja immer schlauer…

Nach und nach kamen dann aber doch immer mal Schübe. Zum Beispiel ein „geklautes Auto“, als mein Papa einfach nicht mehr wusste, wo er es abgestellt hatte und ich mit ihm und einer Freundin zusammen bei 35 Grad stundenlang suchen mussten und es trotzdem nicht fanden. Auch wurde er mehr und mehr orientierungsloser und fand sich in neuen Umgebungen, zum Beispiel in Urlauben, nicht mehr zurecht.

Neben diesen offensichtlichen Symptomen war es aber vor allem der schleichende Persönlichkeitswandel, der mir sehr zusetze. Mein Papa war früher ein Mensch mit so viel Energie, Lebenslust und Ideen gewesen, wovon aber immer weniger zu spüren war. Er verbrachte jetzt eigentlich den ganzen Tag zu Hause, ohne dort aber wirklich etwas zu tun, den Garten zu pflegen zum Beispiel. Dies war, glaube ich, gerade für meine Mutti echt schwer, weil sie ja noch normal arbeiten ging und es oft nicht glauben konnte, dass jemand den ganzen Tag Zeit hat und daraus aber nichts macht. Dabei konnte es mein Papa schon einfach nicht mehr, weil er gar nicht mehr wusste, wo und wie er es hätte anpacken können. Dies ist eben das heimtückische an dieser Krankheit, sie ist so vielschichtig und komplex in ihren Auswirkungen, dass man nicht weiß wo es anfängt und wo das alles noch enden soll.

Trotzdem ging es, wie gesagt, aber viele Jahre noch recht gut auch zu Hause. Doch vor jetzt 2 Jahren kam ich nach 8 Wochen Auslandsaufenthalt wieder zurück zu meinem Eltern und realisierte: Es geht zu Hause nicht mehr! Wenn man so nah dran ist und eine Person jeden Tag sieht, erkennt man vieles doch nicht und sieht vieles als „normal“ an. Nach diesen 8 Wochen Abstand waren mir die Defizite meines Papas und die ganze Situation so bewusst, dass es mich nochmal ziemlich umgehauen hat! Er war 24h unruhig, schlief kaum noch und räumte und kramte den ganzen Tag. Dementsprechend ging es auch meiner Mutti, die jedes Mal, wenn er nachts aufstand, mit aufstehen musste. Man konnte nie wissen, ob er vielleicht doch nochmal „spazieren“ ging oder sowas. Wir waren eigentlich nur noch überfordert.

Es dauerte dann aber noch über ein halbes Jahr, bis wir den nächsten Schritt wirklich gehen konnten. Mein Papa ging da schon 3 Tage in der Woche in eine Tagespflege, was zumindest etwas half. Aber die Entscheidung, den Ehemann beziehungsweise Papa nicht mehr zu Hause wohnen lassen zu können ist glaube ich die schlimmste überhaupt! Es zerbricht dabei etwas in einem, was sich auch nicht wieder reparieren lässt.

Ein Stück weit wurde uns die Entscheidung in dem Sinne abgenommen, dass mein Papa vor sich selbst nicht mehr sicher war: An einem Abend kam ich in eine total stickende und verqualmte Küche und mein Papa saß mittendrin und las Zeitung. Er hatte einen Topf auf die heiße Herdplatte gestellt mit irgendwas festem drin, aber keinem Wasser…. Wäre dies passiert und wir wären erst 5 Stunden später nach Hause gekommen, hätten wir uns das nie verzeihen können.

So ist mein Papa nun seit ein bisschen mehr als einem Jahr in einer speziellen Einrichtung für Demenzerkrankte und trotzdem ist die Situation für uns alle die Beste, die wir gerade haben können. Es nimmt unheimlich viel Druck von einem, zu wissen, dass mein Papa versorgt und sicher ist! Ich fahre trotzdem oft hin, aber kann mich dann (meistens) zu 100 % auf ihn einlassen, ohne mich um die Grundbedürfnisse kümmern zu müssen.

Sicher gibt es einige Stimmen, die diesen Schritt nicht verstehen: einen Angehörigen abschieben, ihn nicht mehr haben wollen. Ja, sowas lässt sich von außen einfach sagen. Aber meinem Papa tut es auch nicht gut, wenn ich oder wir immer nur gestresst und angespannt sind und sich dies ja auch auf ihn überträgt. Er kann ja nicht verstehen, warum, und würde sich immer fragen, was er denn wieder falsch gemacht hat. Dabei ist er krank und kann einfach nichts dafür!