In Fachartikeln über Alzheimer wird immer wieder auf Weglauftendenz bzw. Hinlauftendenz, wie neuerdings formuliert wird, aufmerksam gemacht. Egal wie es bezeichnet wird, auch Zwecke lebt in permanenter Unruhe. Häufig verspürt sie den Drang auf Toilette zu gehen. Oft stellt sie aber fest, dass sie gar nicht muss. Drängt es sie nicht auf Toilette, drängt es sie in den Korridor um sich ihre Schuhe anzuziehen. Solches Drängen ist für mich untrügliches Zeichen, dass es Zeit ist, etwas gemeinsam zu unternehmen. Wenn zu Hause nichts ansteht, ziehen wir uns an und gehen raus.

Stehen wir vor einem Geschäft, verspürt sie den Drang hineinzugehen. Kaum das wir drin sind, drängt es sie zum Ausgang. Kommen wir an Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel, verspürt sie den Drang in Bahn oder Bus einzusteigen, egal wohin sie fahren. Kaum dass wir in Bahn oder Bus sitzen, verspürt sie den Drang auszusteigen. Auf dem Weg vom S-Bahnhof Alexanderplatz bis zum S-Bahnhof Marzahn will sie zehnmal aussteigen. Bei jeder Haltestelle schaut sie mich fragend an. Erklärungen, wie viele Stationen wir noch fahren müssen bis nach Hause, quittiert sie mit ACH SOO, hat´s jedoch bis zur nächsten Station wieder vergessen.

Als wirklich geeignete Unruhebekämpfungsmaßnahmen bieten sich eben nur Außerhausaktionen an. Allein in den vergangen vier Wochen besuchten wir deshalb, neben den täglichen Einkaufsrunden im näheren Umfeld, mehrmals das EINMAL HIN, ALLES DRIN, den Türkenmarkt am Maibachufer, den russischen MIXMARKT in der Jan-Petersen-Straße, den vietnamesischen Großmarkt in der Herzbergstraße, Einkaufstempel am Alexanderplatz und wenigstens einmal wöchentlich die Gärten der Welt in Marzahn. Wir haben Exkursionen durchgeführt zum Regattafest in Berlin Grünau, zum neu eröffneten KARLS-Hof in Wustermark, zum Tierpark in Kunsterspring, zum Geburtsort von Zwecke, in meine frühere Heimat, zur Brandenburger Landwirtschaftsaustellung in Paaren, auf die Berliner Schlossbaustelle, zum Umweltfest am Brandenburger Tor, zur Tochter nach Magdeburg, zum Karneval der Kulturen in Neukölln/Kreuzberg, zum Russisch-Deutschen Fest auf der Trabrennbahn Karlshorst, zum Ritterfest im Schloss Oranienburg, zum 53. Köpenicker Sommer – mehr war nicht. 

Eigentlich wird Zwecke immer dann besonders unruhig, wenn ich mit irgendetwas beschäftigt bin, an dem sie nicht Anteil nehmen kann, z. B. mit Suchen in irgendeinem Geschäft, mit oder am PC im Arbeitszimmer, bei der Essenszubereitung in der Küche – garantieret immer dann, wenn ich sie allein im Wohnzimmer am Fernseher geparkt habe. Ein Fernsehprogramm, das ihre Aufmerksamkeit mehr fordert als ihre permanente Unruhe, ist ganz, ganz schwer zu finden. 

Meist steht sie nach spätestens drei bis vier Minuten hinter mir, mit vorwurfsvoll-fragendem Blick. Wenn das mal nicht so ist, schaue ich vorsichtig mal nach ihr und stelle fest, dass Zwecke auf dem Sofa eingeschlafen ist. Nun habe ich etwas Zeit für mich und kann mir Gedanken machen, wie ich Zweckes zwei wesentliche Verhaltenszustände – SCHLAFEN und UNRUHE – in annehmbarer Weise in den Griff bekomme. 

In den letzten Wochen habe ich festgestellt, dass der Schlafzustand mehr und mehr Zeit bindet, oder anders betrachtet, Zeit für mich freigibt. 

Zwecke drängt es abends immer eher ins Bett, so 20:00/21:00 Uhr, und sie verlässt morgens ihr Bett zwischen 07:00/08:00 Uhr, von mehrmaligen Toilettenbesuchen in der Nacht mal abgesehen.

Es mag wohl daran liegen, dass meine täglichen Unruhebekämpfungsmaßnahmen Zwecke müde machen – weniger physisch – mehr psychisch. Ich finde, das ist ein durchaus praktikabler Weg und ich werde diesen Weg so weiter gehen. 

PS: Meine Gesundheitskasse braucht immer höchstens drei Tage für die Abweisung oder Ablehnung eines Antrages oder einer Anfrage mit einem vorgefertigten Textbaustein. Auf eine Entscheidung über meinen Widerspruch gegen die Ablehnung meines Kurantrages warte ich nun schon mehr als drei Wochen. Wahrscheinlich ist das ein gutes Zeichen, denn nach Zusendung der vielen hierzu eingegangenen Meinungen von Zwecke-Freunden sowie einer aktuellen Stellungnahme ihres Neurologen, ist die Bewilligung des Antrags kaum noch abweisbar. Hierfür ist wahrscheinlich noch kein Textbaustein vorgefertigt. Ich selbst bin demzufolge nicht unruhig, wohl aber ungeduldig, fast schon verdrießlich.

Im Jahr 2014 veröffentlichte Hartmut Kretschel jede Woche einen Bericht über das Leben mit seiner Frau "Zwecke", die an Alzheimer erkrankt ist - auf seiner Facebook-Seite und auch auf dem Alzheimer Blog. Mittlerweile sind seine Geschichten als Buch erhältlich: Hartmut Kretschel: Leben im Jetzt, Alzheimer, Berichte über Liebe und Pflege, Edition Forsbach, 2015.