Mein Mann und ich sind seit 30 Jahren verheiratet. Ich bin 53 Jahre alt, er ist 55. Seit 25 Jahren betreiben wir gemeinsam einen Handwerksbetrieb mit 4-5 Angestellten. Das heißt, wir haben den Betrieb zusammen aufgebaut. Er hat sich ums Handwerk gekümmert, ich um den Verkauf.

Im Herbst letzten Jahres haben wir die Diagnose FTD erhalten. Von dieser Krankheit hatte ich vorher noch nie etwas gehört. Das Tückische an dieser Sache ist, dass man bei bestimmten Verhaltensweisen nie genau weiß, ist das jetzt die Krankheit oder nicht. Man meint halt immer, etwas dagegen tun zu müssen. Ihn ermahnen oder maßregeln und ich habe immer noch nicht ganz kapiert, wie ich richtig damit umgehe...

Er wurde immer ungerechter mir gegenüber

Seit einigen Jahren hat sich mein Mann hauptsächlich im Umgang mit mir sehr verändert. Er ist eigentlich ein recht netter ruhiger Mensch. Doch in den letzten fünf Jahren wurde er immer ungerechter, immer gab er mir die Schuld an allen Problemen. Er selbst hat sich um Dinge in der Firma wie Abläufe, Telefonate, organisatorische Angelegenheiten immer weniger bis gar nicht mehr gekümmert. (Heute weiß ich, dass er geschäftliche Telefonate nicht mehr richtig führen kann, weil er die Wörter und Namen nicht mehr schnell genug verarbeiten kann.)

Unsere Angestellten standen eines Tages heulend vor mir und sagten, sie könnten die Situation nicht mehr ertragen. Das hätte ich als Frau nicht verdient, dass er so mit mir umgehe. Eine Mitarbeiterin hat sofort gekündigt. Mein Mann war der Meinung, das liege alles an mir. Ich glaubte, wir hätten uns so stark auseinandergelebt, dass einfach nichts mehr funktionierte.

Allen gerecht zu werden, ist sehr schwierig

Ein Besuch beim Neurologen erbrachte die Diagnose „Alzheimer-Demenz“. Seine Aussage war, mein Mann könne höchstens noch 1-2 Jahre in der Firma arbeiten, und dann gehe nichts mehr. Das war ein Schock für mich. Nach einiger Suche nach weiteren Diagnosen sind wir schließlich in der Klinik der TU München gelandet, wo dann FTD festgestellt wurde. Bei meinem Mann bin ich mir bis heute nicht sicher, ob er das überhaupt selbst wahrnimmt oder realisiert. Für mich heißt es nun, die Firma irgendwie weiter zu führen und dabei meinen Mann nach seinen Fähigkeiten zu integrieren. Das ist wahnsinnig schwierig, weil man jedem gerecht werden muss. Den Angestellten, den Kunden, dem ganzen geschäftlichen Umfeld und eben meinem Mann.

Auf der anderen Seite ist mein Mann noch weit davon entfernt, ihn komplett zuhause zu lassen oder gar in eine Einrichtung zu geben. Ich habe das Gefühl, je mehr er gefordert wird, desto langsamer verschlechtern sich manche Dinge. Das Traurige an der Situation ist die Wesensveränderung auch mir gegenüber. Er behandelt mich als ein „Wesen.“ Er erzählt den ganzen Tag vom Wetter, aber es gibt keine Möglichkeit mehr sich richtig zu unterhalten. Wenn ich anderer Meinung bin als er, erhalte ich immer die gleiche Antwort: „Ich mach ja eh‘ alles verkehrt.“ Da weiß man nie, soll man sich ärgern oder Mitleid haben?

Die Kränkungen gehen tief

Mit Humor könnte es vielleicht leichter gehen, wenn nur die Seele nicht so gekränkt wäre. Durch diese lange Zeit der Kränkungen hat sich in meine Seele eine tiefe Wunde gerissen. Ich wünschte, dass wenigstens diese wieder zuheilt. So könnte ich vielleicht auch, wie man es im Internet oft nachlesen kann, mit Liebe und Humor an die Sache heran gehen. Aber so ist es einfach schrecklich schwierig. Manchmal, wenn wir in Gesellschaft sind, benimmt mein Mann sich wie ein 5jähriges Kind. Im Geschäftsleben ist das natürlich genau das Richtige… Trotz allem werde ich natürlich bei meinem Mann bleiben und ihm zur Seite stehen.

Wenn nur die Scham nicht wäre

Ich muss jetzt mit dieser Krankheit an die Öffentlichkeit gehen, bzw. muss ich die Menschen in unserem Umfeld schön langsam darüber informieren. Ich wünschte mir, dass ich mich für meinen Mann nicht so schämen würde. Es fällt mir ausgesprochen schwer, mit Geschäftspartnern über die Situation zu sprechen. Da möchte ich im Erdboden versinken. Ich weiß nicht warum: wenn jemand Krebs hat, spricht man offen darüber, bei dieser Krankheit aber habe ich eine riesige Hemmschwelle. Ich habe ja noch wenig Erfahrung mit dieser Situation, aber es hat mir wirklich geholfen, als ich zur FTD-Angehörigengruppe gegangen bin. Denn dort sind meine letzten Zweifel, dass es ja vielleicht doch etwas anderes sein könnte, weniger geworden.

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