Aus: Alzheimer Info 03/2005

Oma Ingrid und Oma Mausi

Ich weiß, dass meine Oma früher ein sehr freundlicher und offener Mensch gewesen sein muss, anders kann und will ich mir es gar nicht vorstellen. Meine Erinnerung an sie ist sehr schwach. Ich glaube sie hat auch versucht, immer die eigene Meinung durchzusetzen und die Meinungen anderer auszulöschen. Das ist natürlich nicht immer gut, aber auch nicht immer schlecht. Wenn man nie seine Meinung sagt, ist das ja auch nicht gerade toll, finde ich. Ich weiß noch, dass ich immer gern zu ihr gefahren bin. Die Wohnung meiner Oma war sehr gemütlich und ich fühlte mich dort sehr geborgen. Überall standen Bilder und andere Kunstwerke umher. Meine Oma zeichnete sehr gern. Sie hat auch Teppiche gemacht und Tücher gefärbt. Sie hatte das Zeug zur Künstlerin: Fantasie, Kreativität und Begabung. Ich weiß auch noch, dass sie stets fröhlich war und oft lachte. Ich kann mich von damals an keine Anzeichen der Krankheit erinnern. Ich war ja auch erst vier oder fünf Jahre alt. Im Schlafzimmer hing eine selbst genähte Puppe, die mir etwas Angst einflößte, weil sie aussah wie eine Hexe. Diese Puppe hat übrigens bei uns ihr neues Zuhause gefunden. Dort hängt sie jetzt am Schuhregal und vermisst Oma sicher genauso wie wir. Ich erinnere mich noch, dass ich und meine Mutter mehrmals in ein Gericht gegangen sind, wo wir versucht haben, unsere Oma zu uns zu holen. Jedoch war alle Mühe und Not vergeblich, und meine Oma blieb bis zum heutigen Tage in der Obhut für uns fremder Leute. Wenn wir zu ihr fahren wollen, müssen wir einen Termin ausmachen, der den Leuten passt, und dann zwei Stunden nach Mülheim an der Ruhr fahren.

Kürzlich haben wir sie wieder einmal besucht. Wir liefen vom Auto aus in den Garten, denn es war ziemlich warm. Meine Schwester und ich sagten beide wie aus einem Munde: "Hallo Oma Mausi". - Jetzt wundert ihr euch bestimmt, warum wir sie "Oma Mausi" nennen: Als ich vier oder fünf Jahre alt war und meine Oma nur leichte Anzeichen der Krankheit hatte, nannte sie mich immer Maus. Ich wollte sie nachmachen und sagte deshalb einfach Oma Mausi zu ihr. Bis zu meinem achten Lebensjahr, als mein Vater es mir sagte, wusste ich nicht, dass sie eigentlich Ingrid hieß.

Oma Mausi und Oma Ingrid sind für mich zwei völlig verschiedene Personen: Oma Mausi habe ich fröhlich und nett in Erinnerung, sie war kein bisschen schweigsam und jeder, der sie kannte, hatte sie gern. Oma Ingrid kenne ich nur halb so gut. Sie liegt Tag für Tag in ihrem Bett, ich weiß nicht, was in ihr vorgeht und ob überhaupt etwas in ihr vorgeht. Vielleicht wäre es sogar besser für sie, wenn sie nichts mehr mit bekommt, denn sonst wäre wohl alles noch viel schlimmer für sie. Ich weiß eigentlich so gut wie gar nichts über sie. Ich habe nur großes Mitleid, dass gerade diese arme Person das Unglück treffen musste, Alzheimer zu haben. Als meine Mutter oder mein Vater das erste Mal davon erzählte, dass bei Oma Mausi Alzheimer vermutet wurde, war ich nicht geschockt. Ich wusste ja nicht, was das ist: Alzheimer. Erst später erfuhr ich, dass das eine schlimme und unheilbare Krankheit ist, die jeden treffen kann, egal wie intelligent man ist oder wie gut man war. Das Einzige, was mich erleichterte, war, dass man diese Krankheit noch nicht als Kind bekommen kann.

Ich erinnere mich noch daran, dass meine Eltern einmal nicht zu Hause waren und dass ich mich aufs Sofa gelegt und sehr lange über das schlimme Schicksal von Oma Mausi geweint habe. Bis ich zu dem Entschluss gekommen bin, dass ich etwas tun musste - nämlich Oma Mausi zu uns holen. Vielleicht, so dachte ich, wird sie dann wieder gesund und munter und bringt wieder das Lachen auf unsere Gesichter.

Aber die Zeit verging und ich kapierte, dass ich zu klein war, ich hatte nichts zu sagen. Und wenn Mama und Opa es nicht schafften, dann würde ich es bestimmt nicht schaffen.

Nun weiter zu meiner Geschichte: Oma schien uns kaum bemerkt zu haben und murmelte nur etwas Unverständliches. Es tat weh und versetzte meinem Herzen einen Stich, zu sehen, dass sie uns anscheinend schon vergessen hatte. Aber sie konnte ja nichts dafür. Wir setzten uns neben sie auf den heißen Stein. Ich sah sie an und meinte in ihren Augen den Schmerz, den sie erlitten hatte, zu lesen. Vielleicht weiß sie, dass sie sterben muss? Ihre Krankheit hat sie sehr mitgenommen. Nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich. Ihre Zähne sind fast alle schwarz und ihre Haare waren ungekämmt und streichholzkurz. Es ist nicht gut, die eigene Oma in einem solch schlimmen Zustand zu sehen. Ich hätte es bestimmt auch nicht gerne, wenn meine Verwandten mich so sehen würden.

Plötzlich hörte ich wieder ein Murmeln. Doch diesmal konnte ich ganz genau "Swetlana" heraushören. Was konnte sie gesagt haben? Daran will ich lieber nicht denken. Kurz darauf wurde sie rein gebracht und in ein Bett, ein typisches Krankenhausbett, gelegt. Im Radio lief Volksmusik. Schnell machten wir uns daran, einen anderen Sender zu suchen, weil Oma Mausi Volksmusik noch nie mochte. Früher hat sie immer klassische Musik gehört. Bald schon mussten wir gehen und hinterließen einen kleinen Schutzengel, den meine Mutter ergattert hatte. Auf ihm war ein "I" für Ingrid abgebildet. Wenn man daran zog, ertönte "Guten Abend, gute Nacht", eines der liebsten Lieder meiner Oma. Als wir uns verabschiedeten, meinte ich wieder "Swetlana" zu hören und war traurig, dass ich ihrer Bitte, oder was es war, nicht nachgehen konnte, da ich nur meinen Namen herausgehört hatte. Wenigstens wusste ich: Sie hatte mich nicht vergessen.

An alle, deren Verwandte oder die selbst Alzheimer haben.

Swetlana Fork, 12 Jahre

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