aus: Alzheimer Info 01/2007

Bewegung und Körperwahrnehmung

Beobachtungen und Anregungen aus Sicht der Ergotherapie

Gudrun Schaade ist seit 1965 Ergotherapeutin. 1983 begann sie mit der Arbeit mit Demenzkranken und entwickelte neue Konzepte.

Im frühen Stadium einer Demenzerkrankung ist es noch möglich, die Alltagsfertigkeiten der Erkrankten zu fördern. Doch dann kommt ein Zeitpunkt, an dem dies nicht mehr möglich ist und andere Wege gefunden werden müssen, um die Kranken zu unterstützen.

Bei der Beobachtung eines dementiell erkrankten Menschen im mittleren Stadium kann man feststellen, dass er häufig in Bewegung ist und kaum ruhig sitzen kann. Er bewegt seine Hände, wischt über den Tisch, nestelt an seiner Kleidung und kramt in Taschen. Die Hände sind für alle Menschen wichtig für die Körperwahrnehmung. Sie können tasten, fühlen, fassen und greifen und sind in Bewegung. Dadurch wird deutlich, wie sehr Bewegung und Körperwahrnehmung miteinander verschmelzen.

Ein an Alzheimer erkrankter Mensch versucht, sich auf seine Weise durch Bewegung Körperwahrnehmung zu verschaffen. Deshalb sollte man ihm viele Möglichkeiten des "Begreifens" geben. Man kann verschiedene Gegenstände zu zugehörigen Bildern anfassen lassen und dabei das Langzeitgedächtnis ansprechen. Schwere Gegenstände geben bessere Informationen als leichte. Man muss dem Kranken Möglichkeiten zum "Kramen" geben, denn dies bringt sehr viel Bewegung und damit Körperwahrnehmung mit sich. Ein kleines Auto auf einem Tisch kann die Aufmerksamkeit und damit die Lust auf Bewegung hervorlocken. Das Auto oder auch ein Ball werden zunächst vielleicht nicht wahrgenommen. Erst die Bewegung des Gegenstandes ruft eine eigene Bewegung des Kranken hervor und er greift danach.

Legen Sie viele Gegenstände auf den Tisch, damit sie "begriffen" werden können. Nehmen Sie Steckspiele, wie "Vier gewinnt", und lassen Sie den kranken Menschen die bunten Plättchen einfach in den Rahmen stecken.

Es bringt Bewegung und Freude, gemeinsam mit den kranken Menschen zu Liedern, Walzer- oder Marschmusik zu klatschen und zu schunkeln. Wenn ein Mensch durch Krankheit in seiner Bewegungsmöglichkeit eingeschränkt ist, wie es im fortgeschrittenen Stadium der Alzheimer Erkrankung oft der Fall ist, bedeutet dies, "dass er keine Möglichkeit hat, nach seinen Vorstellungen Situationen zu beeinflussen. Dort wo Bewegung über lange Zeit nicht möglich ist, verlieren sich Konturen und Strukturen des eigenen Körpers" (Fröhlich, 1996). Dies macht oft Angst.

"Bewegung muss nicht Fortbewegung sein, jegliche Bewegung von der Atembewegung angefangen bis hin zur feinsten motorisch koordinierten Bewegungsabfolge zählt dazu" (Fröhlich, 1996). Aus diesem Grund muss man im schweren Stadium sehr viel Körperinformation durch äußere "Einwirkungen" vermitteln. Nehmen Sie Schwämme, Bürsten, Sandsäckchen, Säckchen mit Materialien wie Bohnen, Kirschkernen usw. gefüllt und berühren Sie mit Bewegung gezielt den Körper, vor allem die Gelenke.

Wichtig ist es auch, dass man bei Essensproblemen nicht zu schnell das Essen reicht, sondern versucht, eine eigene Bewegung anzubahnen, indem man z.B. unterstützend den Arm mit dem Löffel zum Mund führt. Man sollte versuchen, spielerisch Anreize für Bewegung zu geben, damit vor allem ein Sich-Spüren entsteht.

Gudrun Schaade, Hamburg,

Kontakt: gudrun[at]schaade.de

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