Kalenderblatt zum Corona-Virus

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie im März hat sich unser Leben sehr verändert. Täglich erreichen uns Nachrichten zur aktuellen Situation: Es geht um die Ansteckungsrate, Risikogruppen, das Ausbreitungsverhalten des Virus, Kontaktbeschränkungen, Hygienevorschriften und viele Einschränkungen des öffentlichen Lebens wie auch des ganz persönlichen Alltags. Angehörige von Menschen mit einer Demenz, Anbieter von Entlastungsangeboten, Träger von Pflegeeinrichtungen oder Pflegediensten und auch viele regionale Alzheimer-Gesellschaften und ehrenamtlich Engagierte stehen seit vielen Wochen vor organisatorischen und finanziellen Herausforderungen. Sie alle versuchen, in dieser Situation bestmögliche Lösungen zu finden, damit der Alltag für und mit Menschen mit Demenz gelingt. Durch die verschiedenen Kontaktbeschränkungen, Besuchsverbote in Pflegeeinrichtungen sowie fehlende ambulante Entlastungsangebote sind besonders pflegende Angehörige stark belastet. Am Alzheimer-Telefon berichten sie uns täglich von ihren Sorgen und Nöten. Uns erreichen aber auch viele Berichte von schönen Erlebnissen und kreativen Lösungen zum Umgang mit Kontaktbeschränkungen in dieser Zeit. Diese Berichte und Erfahrungen möchten wir teilen:

In unserem wöchentlich zweimal erscheinenden „Kalenderblatt“ stellen wir montags und donnerstags Erfahrungsberichte aus dem Alltag mit Demenz in Zeiten von Corona vor. Verschiedene Perspektiven sollen hier zu Wort kommen. Sie zeigen zum einen, welchen Fragen und Herausforderungen sich Angehörige stellen müssen und welche Sorgen sie gerade besonders bewegen. Zum anderen möchten wir mit den Berichten aber auch Mut machen, dass in dieser Zeit einiges möglich ist und viele Menschen mit dem gebotenen Abstand den Kontakt zueinander nicht verlieren müssen.

7. Kalenderblatt: „Kreative Wege für die Alltagsunterstützung“

Zeichnung einer älteren Frau mit einem Telefon (© Pixabay)


Alltagsunterstützende Angebote (AuA) können in Brandenburg aktuell auch in telefonischer oder virtueller Form stattfinden. Antje Baselau von der Alzheimer-Gesellschaft Brandenburg e.V. Selbsthilfe Demenz berichtet im heutigen Kalenderblatt über ihre Erfahrungen: „Für viele Familien und vor allem für Alleinlebende sind Alltagsunterstützende Angebote (AuA) eine wichtige Säule in der Strukturierung ihres Alltags. Aktuell können sie jedoch in ihrer gewohnten Form nicht mehr im vollen Umfang stattfinden. In Zeiten von Corona brauchen wir daher neue Formen und kreative Wege für die Alltagsunterstützung, weil vor allem die Gruppenangebote wegfallen. Daher haben wir uns mit unserem Kooperationsprojekt (gemeinsam mit Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V.) „Fachstelle Altern und Pflege im Quartier im Land Brandenburg“ an die AOK Nordost als verantwortliche Pflegekasse sowie das Landesamt für Soziales und Versorgung (unsere Anerkennungsbehörde) gewandt und gemeinsam eine gute Lösung gefunden:

Seit Ende März sind telefonische und virtuelle Gespräche als kontaktlose Alltagsunterstützung in Angeboten zur Unterstützung im Alltag nach § 45a SGB XI im Land Brandenburg für eine Übergangszeit bis zum 30. Sptember 2020 über den Entlastungsbetrag nach § 45b SGB XI abrechenbar.

Voraussetzungen dafür sind, dass

  • es sich bei den Angeboten um bereits anerkannte Angebote handelt und
  • die Angebotsform von den Betroffenen auch gewünscht und von diesen in Anspruch genommen wird.


Wir freuen uns sehr, dass wir Menschen mit Demenz und ihren Familien in dieser schwierigen Zeit zur Seite stehen und sie in ihrem Alltag unterstützen können.“

Ines Diewitz und Elke Kirschneck von der Strausberger Beratungsstelle für Menschen mit Demenz und deren Angehörige erzählen von den Ideen der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer: „Momentan finden viele Gespräche über das Telefon statt: Es wird gesungen oder vorgelesen - da sind unsere Ehrenamtlichen ganz kreativ! Einige schreiben auch regelmäßig Postkarten, Briefe oder schicken Fotos von den eigenen Haustieren, das ist auch eine schöne Abwechslung im Alltag. Spaziergänge auf Abstand können ebenfalls weiterhin stattfinden - hier schließen sich jetzt manchmal auch die Angehörigen an. Insgesamt haben wir festgestellt, dass in der Corona-Zeit besonders der Kontakt zu den Angehörigen enger geworden ist: Auch sie nutzen die Telefonate, um mit den Ehrenamtlichen zu sprechen und sich über den Alltag auszutauschen - oder auch, um sich einfach mal die Last von der Seele zu reden. Damit profitieren sie gerade in dieser schwierigen Zeit von unserem Angebot, nicht nur die Menschen mit Demenz. Ganz langsam nehmen wir nun auch die persönlichen Besuche zu Hause wieder auf - natürlich nach Absprache mit den Familien und den Ehrenamtlichen und mit den entsprechenden Schutzmaßnahmen. Der Kontakt ist für alle unglaublich wichtig und eine Bereicherung für beide Seiten.“

6. Kalenderblatt: Besuche im Pflegeheim: „Die schrittweisen Öffnungen lösen große Verunsicherung aus“

Mund-Nasen-Schutz und Abstandsregelung (© Pixabay)


Am Alzheimer-Telefon erreichen uns seit den schrittweisen Lockerungen der Besuchsverbote in Pflegeheimen viele Anrufe von verzweifelten Angehörigen, die uns ihre persönlichen Erfahrungen mit den Schutzmaßnahmen von Pflegeheimen schildern. So berichtete uns Luise M.* aus Bayern: „Mein Ehemann Heinrich* ist an Demenz und Prostatakrebs erkrankt und hat Pflegegrad 4. Er lebt seit März 2020 im Heim. Während der Kontaktsperre habe ich Heinrich nur von Weitem sehen dürfen; ich war im Garten, er im Wintergarten des Pflegeheims, und wir konnten uns zuwinken.

Nun darf ich Heinrich endlich wieder besuchen. Bei den Besuchen müssen wir beide aufgrund der Schutzmaßnahmen einen Mundschutz tragen und zusätzlich einen Abstand von mindestens zwei Metern einhalten. Dies wird von einer uns begleitenden Pflegekraft überprüft. Gestern war ich zum ersten Mal bei ihm. Doch durch den Mundschutz hat Heinrich mich nicht erkannt. Zusätzlich musste ich feststellen, dass er unter der Maske nur schlecht Luft bekam und sehr kurzatmig war. Heinrich wirkte sehr verängstigt. In dieser Situation konnte ich ihm überhaupt nicht helfen und ihn auch nicht in den Arm nehmen oder seine Hand streicheln, um ihn beruhigen - Körperkontakt ist nicht gestattet. Beim Abschied konnte ich meine Tränen nur mit Mühe zurückhalten. 

Auch bei meinem zweiten Besuch heute war Heinrich wieder sehr unruhig und verwirrt und hat mich mit der Maske im Gesicht nicht erkannt. Wir mussten den Besuch abbrechen, damit sich sein Zustand nicht verschlimmert. Gespräche mit der Heimleitung bzgl. einer Ausnahmeregelung von der Maskenpflicht waren bislang erfolglos. Ich war so erleichtert, als ich von den Lockerungen der Besuchsverbote gehört habe - nun geht es mir noch schlechter als zuvor.“

Wieder einmal wird uns bewusst, welche Belastung die aktuelle Situation vor allem für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen bedeutet. Die schrittweisen Öffnungen sowie die damit verbundenen Schutzmaßnahmen lösen bei allen Beteiligten große Unsicherheit aus und überschreiten viel zu häufig die Grenzen der Verhältnismäßigkeit.

*Name geändert

5. Kalenderblatt: Der „Seniorengarten Auszeit“ als Onlineangebot

Selbst gestalteter Mund-Nasen-Schutz (© Evang.-Luth. Gemeindeverein Traunreut e.V.)


Das Team vom „Seniorengarten Auszeit“ hat sich aufgrund der aktuellen Corona-Beschränkungen ein besonderes Konzept überlegt, um Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen weiterhin zu unterstützen: „Mitte März mussten wir unseren „Seniorengarten Auszeit“ zum Schutz unserer Gäste und Mitarbeiter leider bis auf Weiteres schließen. Uns ist bewusst, wie schwierig es für unsere an Demenz erkrankten Gäste und die pflegenden Angehörigen ist, dass diese liebgewonnene Betreuung und Entlastung derzeit wegfällt.

Deshalb hat das Leitungsteam des Seniorengartens ein Konzept entwickelt, wie Menschen mit Demenz auch in dieser kontaktarmen Zeit unterstützt werden können. Auch nach dem Ende der Corona-Pandemie kann dieses Online-Angebot sinnvoll genutzt werden, da es ja immer wieder betreuungsfreie Zeiten wie Wochenenden, Urlaube und Feiertage gibt.

Wir haben unsere „Ideen zur Beschäftigung für Menschen mit Demenz“ in folgende Kategorien gegliedert:

  • Gedichte, Geschichten, Kommunikation und Erinnerungspflege
  • Hobby, Haushalt und Gartenarbeit
  • Musik, Sitztanz und Bewegung
  • Sinneserfahrung und Berührungen
  • Spiele für Menschen mit Demenz. 


Aber nicht nur mit dem Download von Vorlagen und Audiodateien und Links wollen wir Ihnen Unterstützung anbieten. Wir stellen Ihnen auch ein spezifisches Angebot von Bastelsets und Masken-Nähservice zur Verfügung. Bei dem Masken-Nähservice wollen wir ein ganz individuelles Angebot unterbreiten, bei dem wir Ihnen aus Stoffen, die vorher mit Kartoffeldruck von Ihren an Demenz erkrankten Angehörigen gestaltet wurden, eine Mund-/Nasenschutzmaske nähen.

Weiterhin bieten wir Ihnen natürlich auch unsere Demenzberatung an, bei der wir Ihnen gerne telefonisch mit Rat und Tat zu allen Fragen der Demenzerkrankung zur Verfügung stehen.

Als speziellen Service können wir Ihnen auch eine Notfallunterstützung anbieten, bei der wir Sie trotz der bestehenden Einschränkungen und Regelungen im Einzelfall auch mit Hausbesuchen (natürlich unter Einhaltung von strengen Hygienevorschriften) durch unsere ausgebildeten Alltagsbegleiter unterstützen.

Wir gehen jetzt mit einem ersten Angebot an Beschäftigungs-Bausteinen ins Rennen, werden dieses Angebot aber kontinuierlich mit weiteren Ideen und Themen erweitern und ausbauen. Sehr gerne nehmen wir dazu auch geeignete Ideen und Vorschläge von Ihnen auf und sind auch dankbar für jeden Hinweis zur Verbesserung unseres Angebotes.

Natürlich ist uns bewusst, dass wir mit diesem Online-Angebot keinen vollwertigen Ersatz für die Betreuung unserer Gäste im Rahmen der Gruppenstunden anbieten können, hoffen aber, dass wir Ihnen einige Anregungen für eine zielgruppengerechte Beschäftigung Ihrer an Demenz erkrankten Angehörigen im häuslichen Umfeld geben können.“

 

Zum Angebot des Seniorengartens Auszeit

4. Kalenderblatt: „Kontaktverbot? - Meine Schwiegermutter umarmt jeden!“

Eine ältere Frau umarmt eine junge Frau (© Pixabay)


„Meine Schwiegermutter (57 Jahre alt) hat vor zwei Jahren die Diagnose Frontotemporale Demenz erhalten. Bisher konnte sie noch ohne große Probleme alleine leben und in ihrem Alltag zurechtkommen. Körperlich ist sie absolut fit, sie hat aber Wortfindungsstörungen und kann Texte und Unterhaltungen nicht verstehen - somit sind keine Gespräche mehr möglich. Leider sieht sie auch nicht, dass sie krank ist. Aufgrund der aktuellen Corona-Situation gibt es natürlich Probleme. Sie versteht das Kontaktverbot nicht und geht zu allen Nachbarn und umarmt und küsst alle.

Wir haben bereits von der Vermieterin einen Anruf diesbezüglich erhalten mit der Aufforderung, dass sie das unterlassen solle. Leider können wir dies meiner Schwiegermutter partout nicht verständlich machen und es ist uns auch nicht möglich, bei ihr zu wohnen und auf sie aufzupassen.“ 

Diese Geschichte, die uns am Alzheimer-Telefon erzählt wurde, macht einmal mehr deutlich, wie schwierig die Corona-Situation für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen zu bewältigen ist. Unser Rat dazu lautet: Das Umfeld über die Krankheit aufklären, um Verständnis werben und darum bitten, dass die Nachbarn von sich aus Abstand halten und eventuell auch die Tür nicht mehr öffnen, um sich selbst zu schützen. Zu erleben, dass die anderen offenbar nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen, ist für die Schwiegermutter sicherlich auch belastend. Aber aus Gründen des Gesundheitsschutzes in dieser Zeit wohl nichts anderes möglich.

3. Kalenderblatt: „Ein Lied für Mama“

Friederike Döring hat ein „Lied für Mama“ geschrieben, in dem sie ihrer Mutter erzählt, was sie in der Zeit von Corona gerne sagen würde.

Den Text des Liedes finden Sie hier: 

Ein Lied für Mama

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2. Kalenderblatt: „Nun hat die liebe Seele Ruhe“

Frau J. hat ihren an Frontotemporaler Demenz erkrankten Mann mehr als 15 Jahre lang durch seine Krankheit begleitet. Davon lebte er die letzten acht Jahre in einem Pflegeheim, wo ihn seine Frau täglich besuchte.

Am Telefon berichtet Frau J. uns, dass ihr Mann nun vor einer Woche friedlich eingeschlafen ist. „Es wäre furchtbar für mich gewesen, wenn ich ihn in den letzten Wochen seines Lebens wegen Corona nur noch durchs Fenster hätte sehen können. Zunächst war es schwierig, aber ich habe so lange gekämpft, bis die Heimleitung mir schließlich erlaubt hat, eine Stunde pro Tag bei ihm zu sein. So konnte ich zwar seinen letzten Atemzug nicht miterleben, aber ich habe jeden Tag seine Hand gehalten und weiß, dass er das auch noch gespürt hat. Und nun hat seine liebe Seele Ruhe.“

1. Kalenderblatt: „Rockdown im Lockdown“

Die Initiative „Konfetti im Kopf“ hatte eigentlich für den April wieder eine große Parade durch die Hamburger Innenstadt geplant. Stattdessen rufen sie nun zum „Rockdown im Lockdown“ auf: Mit Musik und viel guter Laune besuchen sie verschiedene Seniorenheime im Stadtgebiet und drehen die Musik so laut, dass sie auch von drinnen gut zu hören ist.

zu den Berichten vom „Rockdown im Lockdown“

Wir sind weiter für Sie da

Das Alzheimer-Telefon bleibt unter 030 – 259 37 95 14 bestmöglich für Sie erreichbar. Es ist Montag bis Donnerstag von 9 bis 18 Uhr, am Freitag von 9 bis 15 Uhr besetzt. Wir bitten um Verständnis, wenn Sie aufgrund der hohen Nachfrage mehrfache Versuche benötigen, um eine freie Leitung zu bekommen.

Alternativ können Sie uns auch eine schriftliche Beratungsanfrage schicken, entweder per E-Mail an info[at]deutsche-alzheimer.de oder besser noch über unsere Online-Beratungsplattform unter 
https://deutsche-alzheimer-gesellschaft.beranet.info/e-mailberatung