Mit dem morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich soll verhindert werden, dass Krankenkassen eine Selektion ihrer Versicherten betreiben. Es soll stattdessen dafür gesorgt werden, dass die mit einer "ungünstigen" Versicherungsstruktur belasteten Kassen für die Versorgung von schwer Erkrankten, insbesondere chronischkranken Patienten einen Ausgleich erhalten.

Das vorgelegte wissenschaftliche Gutachten enttäuscht aus Sicht der Deutschen Alzheimer Gesellschaft sehr, weil weder die Alzheimer-Krankheit noch andere Demenzformen in der Liste enthalten sind. Aus unserer Sicht ist dies nicht nachzuvollziehen, weil bei Anwendung einer zum Teil anderen Methodik (siehe "Essener Liste" von Prof. Wasem) offenbar sowohl Demenzen als auch die Alzheimer-Krankheit sehr wohl zu den einzubeziehenden Krankheiten gehören. Unsere Kritik an dem vorgelegten Gutachten gründen wir insbesondere auf folgende Punkte:

  1. Demenzen gehören zu den großen Volkskrankheiten. Schon jetzt leiden über eine Million Menschen in Deutschland an einer Demenzerkrankung. Auf Grund der demographischen Entwicklung wird weltweit ? ohne einen Durchbruch in Prävention und Therapie ? eine enorme Zunahme in den nächsten Jahren erwartet. Für Deutschland sind Zahlen von 2,3 Millionen für das Jahr 2050 prognostiziert (Bickel, 2006). Dies entspricht einem mittleren Anstieg der Patientenzahlen um über 25.000 pro Jahr. Diese zu erwartende Zunahme findet bei der Berechnung des Wissenschaftlichen Beirats keine Berücksichtigung, weil man sich auf Zahlen der Jahre 2005 und 2006 bezieht. Es findet keine Hoch­rechnung auf künftige Entwicklungen statt.
     
  2. Im Bereich der Demenzen beklagen wir seit Jahren eine Unterversorgung sowohl im Bereich der Diagnostik als auch im Bereich der Therapie. Studien belegen, dass nur ein geringer Teil der Patienten gemäß den Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften mit Anti-Dementiva behandelt wird. Sowohl am Alzheimer-Telefon, an dem wir 5.000-6.000 Menschen pro Jahr informieren und beraten als auch durch eine Mitgliederbefragung im Jahr 2000 werden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass Anti-Dementiva nicht verschrieben werden, auch mit der Begründung des eingeschränkten Budgets. Hier wird also bei der Berechnung der Zustand einer chronischen Unterversorgung zur Grundlage gemacht, von der zu befürchten ist, dass sie durch den MorbiRSA zementiert werden wird.
     
  3. Hinzu kommt, dass viele Demenzkranke sich krankheitsbedingt weigern, einen Arzt aufzusuchen, insbesondere wenn sie keine Angehörigen haben, die einen Arztbesuch veranlassen. Das spart Kosten, weil diese Menschen nicht oder viel zu spät diagnostiziert werden und sich nicht behandeln lassen. Aus unserer Sicht kann es nicht sein, dass aus diesem Grund die Gruppe der Demenzkranken quasi noch bestraft wird, weil sie krankheitsbedingt Kosten nicht verursacht. Unser gemeinsames Ziel sollte doch sein, dass allen erkrankten Patienten, auch die zunehmende Zahl der allein lebenden Demenzkranken, eine Behandlung zugänglich gemacht wird.
     
  4. Die Alzheimer-Krankheit und Demenzen überhaupt weisen laut Gutachten eine relativ geringe Hospitalisierungsquote auf. Wir möchten diesbezüglich darauf hinweisen, dass in vielen Fällen Demenzkranke wegen anderer Erkrankungen ins Krankenhaus ein­gewiesen werden, z.B. Hüftgelenksfraktur, entgleister Diabetes usw. Eine Behandlung ist bei bestehender Demenz oft sehr viel schwieriger und sorgt für längere Liegezeiten. Diese Mehrkosten werden nicht der demenziellen Grunderkrankung zugeschrieben sondern der Aufnahmediagnose. Auf Grund der Zunahme der Demenzen erwarten wir künftig eine größere Zahl von Demenzkranken auf allen Stationen von Kranken­häusern, die durch den zeitintensiveren Umgang mit ihnen auch höhere Kosten durch längere Liegezeiten verursachen werden.

Eine grundsätzliche Kritik wird mit der Diskussion über den morbiditätsorientierten Risiko­strukturausgleich wieder bestärkt. In unserem Gesundheitswesen wird der Mensch nicht ganzheitlich betrachtet, was ökonomisch gesehen nicht nur zu einer problematischen Versorgung für den Einzelnen führt, sondern auch gesamtgesellschaftlich nicht sinnvoll erscheint. Im Bereich der Demenzen wird sehr deutlich, was die Sektorisierung unseres Gesundheitswesen verursacht. Mit dem MorbiRSA werden nur die Kosten der Krankenversicherung betrachtet. Was eine leitliniengerechte Therapie und die Ausnutzung der Rehabilitationspotentiale für die Pflegekassen und auch für die Versorgung durch die Familien bedeutet, wird bei dieser Sichtweise nicht berücksichtigt.

Wir hoffen sehr, dass die Demenzen bei der endgültigen Liste noch Berücksichtigung finden werden, damit die schlechte Versorgungslage durch den MorbiRSA nicht noch fest geschrieben wird.

gez. Heike von Lützau-Hohlbein, Vorsitzende
gez. Sabine Jansen, Geschäftsführerin

Berlin, den 14. Februar 2008