Stellungnahme der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz zum Entwurf des GKV-Spitzenverbandes "Kriterien der Veröffentlichung, der Bewertungssystematik und der Darstellung der Ergebnisse von Qualitätsprüfungen von stationären Pflegeeinrichtungen"

Grundsätzlich begrüßt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft die Qualitätsbeurteilung und die Veröffentlichung der Ergebnisse von Qualitätsprüfungen, um Transparenz für die Bewohnerinnen und Bewohner und ihre Angehörigen zu schaffen. Damit verbunden ist auch die Hoffnung Druck für qualitätsverbessernde Maßnahmen zu erzeugen. Die vorgeschlagene Bewertungssystematik für die Kriterien einer Veröffentlichung der von Pflegeeinrichtungen erbrachten Leistungen und deren Qualität wird grundsätzlich für geeignet gehalten.

Allerdings gibt es von unserer Seite an verschiedenen Stellen auch Verbesserungsvorschläge. Ganz zu Anfang steht dabei die grundsätzliche Frage, warum das entscheidende Kriterium für die Umsetzung aller von Ihnen erarbeiteten Kennziffern und Inhalte nicht bewertet wird, nämlich die Frage:

"Ist der mit den Pflegesatzverhandlungen vorgegebene Pflege­schlüssel in qualitativer und quantitativer Hinsicht erfüllt?"

Mit dieser Frage wird das grundlegende Recht der Heimbewohner nach ausreichendem und qualifiziertem Personal bewertet! Jeder Interessierte kann an dieser strukturellen Frage schon erkennen, ob die weiteren 82 Punkte überhaupt realisierbar sind!

Eine weitere Frage ergibt sich zur Interessenvertretung der Bewohner. Diese ist besonders für demenzkranke Bewohner­innen und Bewohner, die sich mit herkömmlichen Instrumenten nur bedingt zur Qualität befragen lassen können, von besonderer Bedeutung. Deshalb sollte bei der Bewertung einer Einrichtung das Urteil der Interessenvertreter der Bewohner (Heimbeirat, Angehörigenbeirat oder Heimfürsprecher) zur Qualität der Einrichtung eine Rolle spielen.

Kritisch wird außerdem gesehen, dass lediglich bis zu 10 % der Bewohner in die Prüfung einbezogen werden. Ist dieser Anteil so repräsentativ, dass die Beurteilung damit sachgerecht erfolgt?

Zu den einzelnen Kriterien haben wir folgende Anmerkungen:

1.  Pflege und medizinische Versorgung

1.1 Das Kriterium 1 sollte einfacher formuliert werden. Der Ausdruck ?Ist bei Bedarf aktive Kommunikation mit dem Arzt nachvollziehbar?? ist unverständlich.

1. 5 Es wird vorgeschlagen das Kriterium zu ergänzen ?Sind Kompressionsstrümpfe/-verbände sachgerecht und rechtzeitig angelegt?.

1.14 Hier sollte die Berücksichtigung des Patientenwillen beziehungsweise seines Angehörigen/Betreuers eingefügt werden.

1.15 bzw. 1.18 Was bedeutet konkret: "im Rahmen der Einwirkungsmöglichkeiten der Einrichtung?" Kann ein geringer oder ungenügend qualifizierter Personalbestand eine Legitimation für mangelnden Ernährungszustand sein? Diese Formulierung sollte überarbeitet werden.

1.16 Frage: Ist hier auch die Erfassung von Schluckstörungen erfasst?

1.18 Es fehlt die Frage nach der Kontrolle der Flüssigkeitsversorgung,  z.B. durch ein Trinkprotokoll.

1.29 Wünschenswert wäre hier die Ergänzung durch eine Frage: Wurden Möglichkeiten zur Vermeidung von freiheitsentziehenden Maßnahmen ausreichend genutzt?

2.  Umgang mit demenzkranken Bewohnern und anderen gerontopsychiatrisch veränderten Bewohnern

Die unterschiedliche Bezeichnung des Personenkreises in den einzelnen Kriterien ist verwirrend. (mal Bewohner mit Demenz, mal gerontopsychiatrisch beeinträchtigte Bewohner). Es bleibt unklar, nach welchen Kriterien die Bezeichnungen gewählt sind. Zum Teil ist die gemeinsame Betrachtung von gerontopsychiatrischen Patienten schwierig. Der zu beurteilende Pflege ? und Betreuungsansatz bei Menschen mit Demenz und z.B. bei depressiven Menschen kann sehr unterschiedlich sein (hier fördern ? da fordern). Davon abzuleiten sind Zielsetzung und Maßnahmenplanung. Dies wird im vorliegenden Vorschlag vernachlässigt.

Der Komplex Gerontopsychiatrie muss mit einer generellen Fragestellung beginnen, die die Struktur der Einrichtung auf diesem Fachgebiet zum Ausdruck bringt.
(Beispiel aus einem anderen Bereich Pkt. 54:  ? Gibt es ein Angebot zur Sterbebegleitung auf der Basis eines Konzeptes??)

Vorschlag neuer Pkt. 36 "Liegt ein differenziertes Konzept zur Betreuung gerontopsychiatrisch erkrankter Bewohner vor, das abgestimmt ihre speziellen Bedürfnisse in einer konkreten Tagesstruktur widerspiegelt?"
Intention für diesen Punkt ist, dass jeder Betreiber /Träger, der sich diesem Personenkreis widmet, dies nicht so nebenbei macht, nur weil bei der Belegung von freien Plätzen auch dementiell erkrankte alte Menschen aufgenommen werden. Hier ist schon eine andere, spezielle Herangehensweise erforderlich.

Alle weiteren Punkte verschieben sich somit um eine Kennziffer. Bei den folgenden Anmerkungen werden aber bei der Kommentierung die alten Kennziffern beibehalten.

2. 37 Hier sollte unbedingt ergänzt werden: Werden bei geronto­psychiatrisch erkrankten Bewohnern Angehörige und Bezugspersonen in die Planung der Betreuung und Pflege einbezogen? Mit dieser Ergänzung wird dem schon lange bestehenden Problem Rechnung getragen, in dem der Pflegebegriff um einen Aspekt erweitert wird, der eigentlich den Hauptanteil des Tages in einem Heim ausmacht und gerade in der Gerontopsychiatrie auch so zum Ausdruck kommen muss ? Betreuung, Darstellung des Lebens in einem Heim!

2. 38 Ergänzung um den Begriff der Ressourcen, der unabhängig von der Selbstbestimmung eines der wichtigsten Instrumente darstellt, um diesen Personenkreis nicht überstülpend zu betreuen und zu versorgen. Vielmehr kann die Beachtung der erkannten Ressourcen zur Selbstbestimmung des Bewohners beitragen: ?Werden bei gerontopsychiatrisch erkrankten Bewohnern ihre Ressourcen und ihre Selbstbestimmung in der Betreuungs- und Pflegeplanung berücksichtigt??

2.39 Ergänzung um einen Satzteil: Wird das Wohlbefinden von gerontopsychiatrisch beeinträchtigten Bewohnern im Pflegealltag ermittelt und dokumentiert und werden daraus Verbesserungsmaßnahmen abgeleitet und dauerhaft durchgeführt? Es wäre auch gut zu wissen, nach welchen Kriterien/Methoden Wohlbefinden erfasst wird.

2.45 Frage sollte ergänzt werden um den Aspekt der bedarfsgerechten Umgebung. Ein Speisenangebot allein ist nicht ausreichend für Menschen mit Demenz; es muss förderliches Verhalten der Mitarbeiter in einer förderlichen Umgebung dazu kommen. Dem Menschen mit Demenz nützt das spezifische Essen nichts, wenn er vor lauter Störungen nichts herunterbringt oder wenn Mitarbeiter davon abgehalten werden, therapeutische Mahlzeiten zu gestalten, also gemeinsam mit den Menschen mit Demenz zu essen.

Wünschenswert wäre außerdem die Erweiterung des Fragenkatalogs um die Frage nach der Schulung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Bezug auf Demenzerkrankungen und Kommunikation. Außerdem fehlt eine Frage zum Umgang mit herausforderndem Verhalten bei Demenz, z.B. Unruhe (Können sich Bewohner in der Einrichtung frei bewegen? Gibt es Maßnahmen um mit demenzspezifischen herausfordernden Verhaltensweisen von Demenzkranken umzugehen?). Fragen zu diesen beiden Themen sollten unbedingt ergänzt werden.

3. Soziale Betreuung und Alltagsgestaltung

Insbesondere in diesem Teil wäre es wichtig, weitergehende Auskünfte zu den gefragten Sachverhalten zu bekommen, z.B. wären Angaben zur Existenz eines Aktivitätenplans, Beschreibung der Kontakte zur Gemeinde, Häufigkeit der Treffen Angehöriger usw. für die Transparenz wichtig.

4. Wohnen, Verpflegung, Hauswirtschaft und Hygiene

4.59 Hier wäre der Zeitkorridor unbedingt zu definieren. Zu ergänzen wäre auch, ob es einen Zeitkorridor für das morgendliche Aufstehen gibt.

4.63 Die Frage ist sehr auf servierte Portionen abgestellt. Denkbar wäre doch auch ein gedeckter Tisch mit Schüsseln zum Auffüllen! 

Spätestens beim Essen (aber auch schon in den Kriterien 31-35) wäre eine Frage zum Umgang mit unterschiedlichen Kulturen nötig, z.B. Werden bei der Essensplanung kulturspezifische Belange berücksichtigt?

5. Befragung der Bewohner

Grundsätzlich sollte geklärt werden, wie sichergestellt ist, dass die befragten Betroffenen bzw. ihre Angehörigen oder Betreuer offen und ohne Beeinflussung antworten können.

5.66 Ergänzung: Wird bei geschlossener Tür angeklopft?

Bei der Darstellung der Qualitätsprüfung würden wir uns wünschen, dass die Bewertung direkt den Fragen und Bereiche zugeordnet wird, damit ein Zusammenhang direkt erkennbar ist.

Für Fragen zu unseren Ausführungen stehen wir gern zur Verfügung und hoffen, dass  unsere Anregungen in die Bewertungssystematik einfließen können.

gez. Sabine Jansen
Geschäftsführerin

Berlin, den 3. Dezember 2008

Die Kriterien für die Pflegequalität der stationären Pflegeeinrichtungen sind auf der Homepage das GKV-Spitzenverbandes zu finden. 

Zur Homepage des GKV-Spitzenverbandes