Ambulant betreute Wohngemeinschaften für Demenzkranke ("Demenz-WGs") finden seit einigen Jahren viel Aufmerksamkeit. Vorreiter waren die schon in den 1990er Jahren in Berlin gegründeten ersten Demenz-WGs. Gegenwärtig existieren in Berlin etwa 240 Wohngemeinschaften für Hilfs- und Pflegebedürftige, darunter etwa 180 für Demenzkranke. In den anderen Bundesländern verlief die Entwicklung langsamer, doch auch hier entstanden und entstehen zahlreiche WGs. Da es keine Meldepflicht gibt, ist die genaue Zahl unbekannt.

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft begrüßt diese Entwicklung grundsätzlich, da Wohngemeinschaften mit ihrer häuslich-familiären Atmosphäre Demenzkranken eine hohe Lebensqualität bieten können. In der Regel leben jeweils sechs bis zehn Personen (als Mieter) in einer großen Wohnung mit Einzelzimmern und Gemeinschaftsräumen zusammen.

Angehörige finden durch die spezifische Struktur einer Demenz-WG einerseits Entlastung im Alltag und haben mehr Zeit für sich selbst. Andererseits behalten sie die Verantwortung für den Kranken. In einer ambulant betreuten WG haben sie bzw. die rechtlichen Betreuer die Verantwortung für das Zusammenleben in der WG. Demenz-WGs sind keine Heime und haben keinen Träger. Angehörige - als rechtliche Betreuer in Stellvertretung für ihre Demenzkranken - beauftragen einen (oder mehrere) ambulante Pflegedienste mit der Pflege und Betreuung. Die Bewohner bzw. deren Angehörige haben das Hausrecht, die ambulanten Dienste haben einen Gaststatus.

Fachleute haben für diesen Aspekt den Begriff der "Selbstbestimmung" gefunden. In aktuellen Diskussionen auf Bundes- und Landesebene wird versucht, diesen Begriff näher zu bestimmen und zu schärfen. Von besonderer Bedeutung ist das Vorhandensein eines selbstbestimmten und aktiven Angehörigengremiums (das zeitweise fachlich beraten und unterstützt werden sollte). Die drängende Frage ist: Wie lässt sich für Dritte aufgrund weniger Kriterien erkennen, ob eine Demenz-WG tatsächlich "selbstbestimmt" ist? Dies ist so wichtig, da ambulant betreute Wohnge­meinschaften nicht unter dem Schutz der Heimaufsicht stehen. Das alte bundesein­heitliche Heimgesetz kennt diese Wohnform nicht, bzw. WGs fallen nicht unter das Heimgesetz.

Wie die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, gibt es unter all den engagierten Initiatoren und ambulanten Pflegediensten, die Demenz-WGs ins Leben rufen leider auch schwarze Schafe, die mit einem Minimum an Fachkompetenz und Personaleinsatz viel Geld verdienen möchten. Die neue Heim Gesetzgebung auf Länderebene wird dazu Lösungen im Sinne des Verbraucherschutzes finden müssen. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft drängt darauf, dass in diesem Gesetzgebungsprozess selbstbestimmte Wohngemeinschaften neben den klassischen stationären Einrichtungen einen eigenen Platz finden und ordnungs­rechtlich nicht den Bestimmungen des Heimrechts unterliegen. Demenz-WGs können stationäre Einrichtungen nicht ersetzen, weil sie nicht für jeden Demenzkranken und jeden Angehörigen das geeignete Angebot darstellen. Aber sie sind inzwischen eine unabdingbare Wohnform für Demenzkranke, die nicht durch ein hohes Maß an Regulierung und bürokratischer Kontrolle zu Kleinstheimen nivelliert werden dürfen.

Sowohl bei der Gestaltung der Heim-Gesetzgebung auf Länderebene als auch bei der Reform der Pflegeversicherung sollten rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen geschaffen werden, die selbstbestimmte ambulante WGs fördern. Die Verantwortlichen könnten damit die vielgebrauchten Schlagworte der "Menschenwürde für Demenzkranke", der "Unterstützung pflegender Angehöriger" als auch der "Qualitätssicherung und Entbürokratisierung in der Pflege" weitreichend mit Leben füllen.

Heike von Lützau-Hohlbein für den Vorstand der DAlzG
im Juli 2007

Infoblatt: Ambulant betreute Wohngemeinschaften für Demenzkranke? (pdf)