Aus: Alzheimer Info 2/10

„Wer rastet, der rostet“, dieser Spruch ist Allgemeingut und trifft, wie wir wissen, sowohl auf unseren Körper als auch auf unseren Geist zu. Auch für Menschen, die mit einer Demenz leben, ist Aktivität ein wichtiger Baustein zum möglichst langen Erhalt ihrer Fähigkeiten und zur Steigerung ihrer Lebensfreude. Wie diese Aktivität aussieht, welche Vorschläge und Anregungen von Angehörigen und Pflegenden dazu gemacht werden können, ist sehr von den individuellen Vorlieben, der Krankheitsphase und von den körperlichen Einschränkungen der Betroffenen abhängig.

Eigene Aktivitäten entwickeln

In der frühen Phase einer Demenz geht es vor allem darum, Aktivitäten zu finden, die Spaß machen und durch die Krankheit nicht oder wenig eingeschränkt sind. Dabei kann man an frühere Lieblingsbeschäftigungen anknüpfen, es können aber auch neue Hobbys ausprobiert werden wie Malen und künstlerisches Gestalten oder auch Theaterspielen bis hin zur Internetnutzung, die z. B. für Menschen mit einer Frontotemporalen Demenz durchaus noch erlernbar sein kann. Christian Zimmermann aus München, der selbst an Alzheimer erkrankt ist, sagt dazu, dass die Diagnose ihm auch eine gewissen Freiheit gibt: Er traut sich jetzt Dinge, die er früher nicht gewagt hätte, weil er „nichts mehr zu verlieren" habe.

Gemeinsam etwas tun

Wenn die Krankheit weiter fortschreitet, geht die Fähigkeit, sich selbst zu beschäftigen, zunehmend verloren, ebenso wie die Möglichkeit komplexe Aufgaben zu bewältigen. Manche Demenzkranken entwickeln in dieser Zeit eine große Anhänglichkeit, sie folgen ihren Angehörigen auf Schritt und Tritt. Andere ziehen sich sehr zurück, werden fast apathisch und sind oft in sich versunken. Wieder andere sind häufig unruhig oder auch aggressiv. In dieser Phase suchen Pflegende meist sehr dringend nach geeigneten Beschäftigungsangeboten, die einerseits die schwierigen Verhaltensweisen der Kranken positiv beeinflussen und andererseits ihre Stimmung verbessern und Lebensfreude wecken.

Nicht immer sind einfache Gesellschaftsspiele wie „Mensch ärgere Dich nicht“ das Richtige. Körperlicher Unruhe und depressiven Verstimmungen begegnet man besser mit körperlichen Aktivitäten, Spaziergängen oder Gymnastik. Wenn die Witterung längere Spaziergänge verhindert, sind häusliche Aktivitäten angezeigt wie gemeinsames Backen oder auch ein Hausputz. Alternativ könnte wieder einmal ein Museumsbesuch geplant werden. Und natürlich ist auch Musik ein wichtiger Türöffner in die Welt Demenzkranker, wobei gemeinsames Singen oder Bewegungsspiele mit Musik effektiver sind als eine musikalische Dauerberieselung im Hintergrund. Auch beim Tanzen erlebt man oft erstaunliche Beweise für noch vorhandene und aktivierbare Kompetenzen der Betroffenen. Inzwischen gibt es neben den relativ verbreiteten Tanzcafés schon vereinzelte Angebote von Tanzkursen für Demenzkranke und ihre Angehörigen.

Auch Menschen mit Demenz wollen das Gefühl haben, etwas Sinnvolles zu tun und sich nützlich zu machen. Reine Beschäftigungsangebote und Spiele werden deshalb manchmal nicht angenommen. Stattdessen kommen einfache Tätigkeiten im Haushalt oder im Garten in Frage wie Servietten falten, Handtücher zusammenlegen, Gemüse oder Obst putzen und klein schneiden, Blumen einpflanzen oder gießen, Handarbeiten … Dabei kommt es auf das Tun an, nicht so sehr auf das Ergebnis. Auch mit Lob und Anerkennung sollte nicht gespart werden. Eine Angehörige erzählte uns, dass sie für ihre Mutter regelmäßig alte Strickpullover im Secondhand-Laden besorgt und sie bittet, diese ‚aufzuribbeln’. Das findet die Mutter sehr befriedigend, weil sie früher die Wolle alter Pullover auch immer wieder verwendet hat.

Angebote machen

In der letzten Phase der Demenz, wenn die Kranken auch körperlich nur noch wenig mobil sind, muss Aktivierung immer stärker von außen erfolgen. Dabei geht es in erster Linie um eine Anregung der Sinne und Sinneswahrnehmungen, wie sie zum Beispiel durch die Basale Stimulation erfolgt. Besonders wichtig ist dabei die Berührung, die einerseits Nähe herstellt, andererseits den Kranken ein Spüren des eigenen Körpers und seiner Grenzen ermöglicht. Der Geruchssinn kann durch intensive angenehme Gerüche stimuliert werden, wie dem Duft nach frisch gebackenem Brot, frischem Kaffee, Blumen, Zitrusfrüchten, Kräutern und vielem mehr. Dabei geht es nicht um Abwechslung, es müssen nicht viele verschiedene Düfte nacheinander präsentiert werden, sondern jeweils nur ein bestimmter oder einige wenige, die dafür ganz wahrgenommen werden können. Auch das Hören ist wichtig. Selbst wenn keine sichtbare Reaktion erfolgt, nehmen Demenzkranke Sprache, Musik und besonders Rhythmen wahr. Diese Art der Anregung hilft dabei, den Kranken, die sich zunehmend verloren fühlen, ein Gefühl von Sicherheit und Kontakt mit der Außenwelt zu ermöglichen.

Auch wenn wenig Zeit ist: In 30 Sekunden kann man vieles tun, um kleine Lichtpunkte zu setzen und Menschen mit Demenz am Leben teilhaben zu lassen.

Nachfolgend finden Sie Beschäftigungsideen von A-Z. Sie sind als Anregungen gedacht. Probieren Sie aus, finden Sie heraus, was aktuell den Bedürfnissen und Fähigkeiten des Kranken entspricht, welche Aktivität zu seiner Lebensgeschichte passt, und vor allem, was ihm Spaß macht. Lassen Sie Ihre Phantasie spielen, entwickeln Sie eigene Ideen und testen Sie sie. Dann zeigen sich manchmal Fähigkeiten, die man den Kranken gar nicht mehr zugetraut hätte.

Susanna Saxl
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V., Berlin

 

Beschäftigungsideen von A-Z

• Aromen und Düfte erschnuppern und raten
• Auto waschen, über Autos „fachsimpeln“
• Ballspiele
• Basteln
• Bügeln – vertraute, nützliche Tätigkeit
• „Büroarbeit“ (Blätter abheften, lochen …)
• Computer – z. B. die biografisch orientierten Spiele auf der CD-Rom „Demenz interaktiv“ der Deutschen Alzheimer Gesellschaft
• Flohmarkt besuchen (alte Kaffeemühle, Waschbrett, … finden)
• Fotoalbum gemeinsam anschauen und über die Bilder und ihre Geschichten sprechen
• Gartenarbeit (ggf. am Hochbeet)
• Gedichte (die früher in der Schule gelernt wurden)
• Gesellschaftsspiele (ggf. vereinfacht)
• Gespräche, Erinnerungen an früher
• Handarbeit (stricken, Wolle aufwickeln)
• Handpuppen (sie werden oft leichter angesprochen als „echte“ Menschen)
• Jahreszeiten thematisieren (mit Blumen, Getreidehalmen, Kastanien …)
• Kirchen, Gottesdienst besuchen
• Konzert besuchen
• Kochen und Backen
• Lachen, Humor
• Malen
• Massieren
• Musik: hören, singen, musizieren
• Nachrichten aus der Zeitung vorlesen und diskutieren (lokale Ereignisse, besondere Interessensgebiete)
• Obstsalat zubereiten
• Puzzeln
• Rad fahren, Tandem fahren
• Reisen, Ausflüge (z. B. mit dem Wohnmobil als „rollendes Zuhause“)
• Restaurant oder Café besuchen
• Rosenkranz beten, Religiöses
• Sinne anregen (Basale Stimulation)
• Spazieren gehen
• Sprichwörter raten/ergänzen
• Sport
• Tanzen
• Tiere ansehen, streicheln
• Urlaubssouvenirs betrachten
• Vorlesen (Zeitung, Märchen, …)
• Wandern
• Werkzeugkasten (aufräumen, sortieren)
• Zoo besuchen

Literaturtipps zu Beschäftigungsmöglichkeiten:

A) Spiele:

  • Altekrüger, H.: „Spielkarten für Senioren als Erinnerungsspiel“. Individuell gestaltbare Bildkarten, laminiert und auf Holz aufgezogen. www.erinnerungsspiel.de 
  • „Damals“ – Memoryspiel zum Sich- Erinnern, Wehrfritz
  • Fiedler, P.: Spiele „Vertellekes“, „Sonnenuhr“, „Waldspaziergang“, Vincentz-Verlag
  • „Die Spielesammlung Nr. 1“ Spiele für Menschen mit Demenz, Vincentz-Verlag

B) Anregungen zur Aktivierung:

  • Alzheimer Gesellschaft Schleswig-Holstein: „Aber bitte mit Sahne“. Das etwas andere Schleswig-Holsteinische Kochbuch besonders für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. www.alzheimer-sh.de
  • Buchholz, T.; Schürenberg, A.: Basale Stimulation in der Pflege alter Menschen“. Anregungen zur Lebensbegleitung. Hans-Huber Verlag Bern 2009, ISBN: 978-3456845647
  • Friese, A.: „Frühlingsgefühle“, „Sommerfrische“, „Herbstvergnügen“, „Winterfreuden“. Jahreszeitliche Kurzaktivierungen für Menschen mit Demenz, Vincentz-Verlag
  • „Fotokiste zur Biografiearbeit mit dementen Menschen“, Stabile Box mit Begleitbuch „Leitfaden zur Biografiearbeit“, Vincentz-Verlag 2003
  • Gutensohn, S.: Sprichwörter, 400 farbige Karten, Vincentz-Verlag 2003, ISBN 3878709269
  • Haase, H.: Lebensgeschichten – Mit altersverwirrten Menschen ins Gespräch kommen. 25 Bildkarten und ein Anleitungsheft zur biografie-orientierten Kommunikation. Balance buch+medien Verlag 2009, ISBN 978-3-86739-055-2
  • Radenbach, J.: „Aktiv trotz Demenz“, Handbuch für die Aktivierung und Betreuung von Demenzerkrankten. Schlütersche 2009, ISBN 978-3-89993-219-5
  • Schmidt-Hackenberg, Ute: Anschauen und Erzählen - Gedankenspaziergang, Vincentz-Verlag 2004, Kartensatz und Begleitheft, ISBN 3878701144, 48,00 €
  • Yalniz Degilsiniz! - Du bist nicht allein! Erinnerungskarten mit türkischen Weisheiten für die Beschäftigung mit demenziell erkrankten Menschen, Arbeiterwohlfahrt Bezirk Westliches Westfalen e. V.