Aus: Alzheimer Info 4/15

Jeder fünfte Deutsche lebt derzeit in einem Einpersonen-Haushalt, und in Zukunft werden es noch mehr sein. Im höheren Alter kann das zum Problem werden, wenn Hilfe und Unterstützung fehlen. Das gilt besonders dann, wenn jemand alleine lebt und eine Demenz entwickelt.

Aus der Erfahrung wissen wir, dass viele Menschen mit Demenz alleine leben; die genaue Zahl ist jedoch nicht bekannt. Die Statistik weiß immerhin, dass in Deutschland 21,6 Millionen Menschen 60 Jahre und älter sind, und dass von ihnen 6,6 Millionen (also 31 %) in Einpersonen-Haushalten wohnen.

Im Folgenden versuchen wir zu klären, was es bedeutet, wenn Menschen mit Demenz alleine leben, und was notwendig ist, damit dies so gut wie möglich gelingt.

Was bedeutet es, alleine zu leben?

Wer ohne Angehörige lebt, ist für die Gestaltung des eigenen Alltags zuständig. Für die Körperpflege, den Einkauf, Finanzen und Behördenangelegenheiten. Alleine zu leben heißt auch, frei entscheiden zu können, wie man den Tagesablauf gestaltet. All dies kann als Freiheit, aber auch als sehr anstrengend erlebt werden. Alleine zu wohnen bedeutet nicht unbedingt zu vereinsamen. Es können vielfältige Kontakte zur Familie, zu Freunden, Nachbarn, Vereinen, Kirchengemeinden usw. bestehen.

Welche Auswirkungen hat eine Demenz auf das Alleinleben?

Die Hauptsymptome einer Demenz sind Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, der Konzentrationsfähigkeit und der Orientierung. Das Verstehen komplexer Abläufe und Zusammenhänge wird zunehmend schwieriger. Diese Einschränkungen wirken sich sehr schnell auf den Alltag aus. Termine und Abmachungen werden vergessen, alltägliche Aufgaben wie Kochen oder Einkaufen fallen schwer und brauchen mehr Zeit als früher. Wenn niemand einspringt, hilft und unterstützt, kann dies ungünstige Auswirkungen haben.

Allerdings haben Studien im angloamerikanischen Raum gezeigt, dass Menschen mit Demenz alleine annähernd so sicher leben können wie solche, die mit Angehörigen zusammen wohnen, wenn sie in ein tragfähiges soziales Netz eingebunden sind.

Wie organisieren allein lebende Menschen mit Demenz ihren Alltag und was wünschen sie sich?

Alleinlebende Menschen mit beginnender Demenz wollen in der Regel so lange wie möglich selbstständig und selbstbestimmt in ihren eigenen vier Wänden leben – so wie fast alle alten Menschen. Das vertraute Umfeld gibt Geborgenheit und Sicherheit, Erinnerungen bleiben lebendig. Oft wenden die Betroffenen viel Energie auf, um in ihrem Alltag zurecht zu kommen und andere nicht merken zu lassen, dass ihnen viele Dinge schwerer fallen.

Sie nutzen Erinnerungshilfen wie Notizzettel und Terminkalender, geben wichtigen Dingen wie Geldbeutel und Schlüsseln feste Plätze in der Wohnung, legen sich feste Routinen zu und kontrollieren immer wieder, ob der Herd ausgestellt und der Wasserhahn geschlossen ist. Die Angst ist groß die Selbstständigkeit zu verlieren, wenn man eingesteht, dass man Unterstützung braucht.  

Allein leben mit Demenz – wie kann das funktionieren?

Damit Menschen mit Demenz lange selbstbestimmt alleine leben können, sind bestimmte Voraussetzungen erforderlich, die in vier Punkten zusammengefasst werden können: ein aufmerksames Umfeld; ein offener Umgang mit der Krankheit; Unterstützungsangebote; Möglichkeiten zur Teilhabe am sozialen Leben.

Ein aufmerksames Umfeld

Menschen mit Demenz, die alleine leben, gehen einkaufen, holen Geld von der Bank oder rufen die Polizei, wenn sie sich bestohlen fühlen. Gerade das alltägliche Umfeld, Verkaufspersonal im Supermarkt oder der Bäckerei, Bankangestellte sowie Streifenpolizistinnen und -polizisten sind Menschen, denen auffallen kann, dass jemand sich über die Zeit verändert, verwirrt ist und Hilfe braucht.

Wichtig ist, dass diese Personengruppen für das Thema Demenz sensibilisiert sind und wissen, wie sie mit den Betroffenen umgehen können. Sie sollten auch verstehen, dass Menschen trotz einer Demenzerkrankung weiterhin das Recht auf ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen haben. 

Offener Umgang mit der Krankheit

Offen zu sagen: „Ich habe eine Demenz, deshalb finde ich mich manchmal nicht zurecht oder frage öfter mal nach“, erfordert Mut. Die meisten Menschen reagieren auf eine solche Mitteilung aber positiv. Das Wissen, dass eine Krankheit die Ursache eines seltsam erscheinenden Verhaltens ist, kann das Verständnis und die Hilfsbereitschaft fördern.

Unterstützungsangebote

Das Angebot an Unterstützung, Betreuung und Pflege für Menschen mit Demenz ist regional unterschiedlich. Spezielle Angebote für allein lebende Demenzkranke gibt es nur vereinzelt. Dennoch kann oft ein Unterstützungsnetz geknüpft werden, indem z. B. Nachbarinnen und Nachbarn einbezogen werden, ein ambulanter Pflegedienst die Medikamentengabe erledigt oder mit bestimmten Tätigkeiten im Haushalt beauftragt wird, die Begleitung zum Mittagstisch im Stadtteilzentrum oder zu Freizeitveranstaltungen organisiert wird.

Oft beteiligen sich Kinder oder andere Angehörige an der Koordination dieser Hilfen und fungieren für alle Beteiligten als Ansprechpartner. Wenn Angehörige diese anspruchsvolle Aufgabe nicht übernehmen können oder wollen, wird es schwierig, sofern auch keine professionellen Helfer zur Stelle sind.

Möglichkeiten zur Teilhabe

Viele allein lebende Demenzkranke wünschen sich, bestehende Kontakte und Freizeitaktivitäten aufrechtzuerhalten. Dies kann allerdings schwierig werden, wenn die Betroffenen den Weg zum Sportverein nicht mehr alleine finden oder aus Scham zu Hause bleiben. Die anderen Vereinsmitglieder wiederum sind häufig unsicher im Umgang mit dem manchmal „eigenartigen“ Verhalten der alten Vereinsfreunde. Ebenso geht es oft Familienangehörigen, Freunden, ehemaligen Kolleginnen und Kollegen.

Obwohl das Thema Demenz in den letzten Jahren verstärkt in den Medien aufgegriffen wurde, bräuchte es noch sehr viel mehr Wissen über einen hilfreichen Umgang mit den Betroffenen.

Grenzen des Alleinlebens

Auch mit einer Demenzerkrankung ist es also möglich, alleine im vertrauten Umfeld zu leben. Doch es gibt Grenzen, an denen das Alleinleben zu einem Risiko wird. Diese sind erreicht, wenn im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit eine Selbst- oder Fremdgefährdung besteht, oder wenn erheblicher körperlicher Pflegebedarf eintritt.

Auch die Gefühle von Einsamkeit oder Angst, die durch das Alleinsein ausgelöst werden, können der Grund für den Umzug zu Familienangehörigen, in eine Demenz- Wohngemeinschaft oder in ein Pflegeheim sein. Grenzen sind auch erreicht, wenn die verfügbaren Unterstützungsangebote dem Betreuungs- und Pflegebedarf nicht mehr entsprechen oder die Koordination der Hilfen nicht funktioniert. Ein weiterer Grund kann darin liegen, dass Personen, die für das Unterstützungssystem wichtig sind, ausfallen.

Eine allgemeine Aussage darüber, wann Menschen mit Demenz nicht mehr alleine leben können, ist nicht möglich. Diese Entscheidung muss immer individuell getroffen werden.

Saskia Weiß und Susanna Saxl
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V., Berlin