Aus: Alzheimer Info 3/06

Vor hundert Jahren machte Alois Alzheimer (1864 - 1915) in München die entscheidenden Beobachtungen zu der bereits zu seinen Lebzeiten nach ihm benannten Krankheit.

In München bestand seit Bernhard von Gudden ein Zentrum der Hirnforschung. Gudden ist meist nur noch im Zusammenhang mit Ludwig II. bekannt, da er 1886 mit dem bayerischen König im Starnberger See ums Leben kam. Sein Nachfolger als ordentlicher Professor für Psychiatrie an der Ludwig-Maximilians-Universität wurde 1904 Emil Kraepelin. Er war wie sein Lehrer Gudden tief vom Wert der anatomischen Forschung zum Verständnis von Geisteskrankheiten überzeugt und gewann Alzheimer für den Ausbau seines hirnanatomischen Labors.

Alzheimer bearbeitete hier unter anderem den Fall seiner ehemaligen Patientin aus der Frankfurter "Irrenanstalt", der am 8. April 1906 nach fünfjährigem Krankheitsverlauf verstorbenen Auguste D. Der Bericht "Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde", den er am 4. November 1906 auf der "XXXVII. Versammlung südwestdeutscher Irrenärzte" in Tübingen gab, ist trotz seiner Knappheit ein Meilenstein der Demenz-Forschung. Abbildungen der Befunde und Einzelheiten wurden 1909 von seinem italienischen Mitarbeiter Perusini und 1911 von Alzheimer selbst veröffentlicht.

Vor zehn Jahren wurden die Hirnschnitte und die Krankenakte der Patientin wieder aufgefunden und ausführlich gewürdigt (Buch von K. und U. Maurer; Alzheimer. Das Leben eines Arztes und die Karriere einer Krankheit; Piper-Verlag 1998). In seinem Vortrag schilderte Alzheimer, ebenso wie wir es heute tun, als erstes den Grund zur Aufnahme in der Frankfurter Klinik: "Eine Frau von 51 Jahren zeigte als erste auffällige Krankheitserscheinung Eifersuchtsideen gegen den Mann. Bald machte sich eine rasch zunehmende Gedächtnisschwäche bemerkbar, sie fand sich in ihrer Wohnung nicht mehr zurecht, schleppte die Gegenstände hin und her, versteckte sie, zuweilen glaubte sie, man wolle sie umbringen und begann laut zu schreien."

Neben kognitiven Störungen waren von Anfang an auch neuropsychiatrische Symptome bei der nur 56 Jahre alt gewordenen Patientin vorhanden, die auf den ebenfalls aufgefundenen Fotografien deutlich älter wirkt. Der Fall "bot schon klinisch ein so abweichendes Bild, dass er sich unter keiner der bekannten Krankheiten einreihen ließ, anatomisch ergab er einen von allen bisher bekannten Krankheitsprozessen abweichenden Befund."

Unter dem Mikroskop hatte Alzheimer an den Gewebepräparaten zwei wesentliche Beobachtungen gemacht: "Über die ganze Rinde zerstreut, besonders zahlreich in den oberen Schichten, findet man miliare Herdchen, welche durch Einlagerung eines eigenartigen Stoffes in die Hirnrinde bedingt sind." Neben diesen bereits von ihm als Plaques bezeichneten Amyloid-Ablagerungen außerhalb der Nervenzellen hatte er auch die heute "neurofibrillary tangles" genannten Veränderungen erkannt: "Im Innern einer im Übrigen noch normal erscheinenden Zelle treten zunächst eine oder einige Fibrillen (...) hervor. (...) Dann legen sie sich zu dichten Bündeln zusammen und treten allmählich an die Oberfläche der Zelle (...) nur ein aufgeknäueltes Bündel von Fibrillen zeigt den Ort, an dem früher eine Ganglienzelle gelegen hat."

Alzheimer resümiert lapidar seine klinischen und mikroskopischen Beobachtungen: "Alles in allem genommen haben wir hier offenbar einen eigenartigen Krankheitsprozeß vor uns." Kraepelin verwendete dafür seit 1910 in seinem einflussreichen Lehrbuch den Begriff "Alzheimersche Krankheit".

Sorgfältige Beobachtung in der Doppelrolle als Arzt und als Forscher mit dem Bemühen um eine konsequente Korrelation der Befunde und das Wissen um die Besonderheit des Einzelfalles machen Alzheimers Leistung aus, die in der besten Tradition der Münchner Schule von Gudden steht. Ihr Bestreben war es, mit exakter Forschung Ordnung in die verwirrende Vielfalt der Krankheitserscheinungen zu bringen. Obwohl heute zunehmend die Fragen nach Ursache und Behandlung der Krankheiten in den Vordergrund rücken, bleibt - als deren Grundlage - die Diagnostik eine Herausforderung. Nur der neuropathologische Nachweis von Amyloid-haltigen Plaques und Neurofibrillenbündeln sichert die Diagnose, obwohl man mittlerweile von etwa 80 % Treffsicherheit einer klinischen Arbeitsdiagnose "Alzheimer-Demenz" ausgeht.

Bei den Fehldiagnosen wird unter dem Mikroskop eine Vielzahl unterschiedlicher Befunde angetroffen, neben Veränderungen der Hirngefäße meist Eiweiß-Ablagerungen wie Pick- und Lewy-Körper oder die erst in letzter Zeit besser erforschten Einschlüsse vom Motoneuron-, VCP- oder NIFID-Typ. Nach Möglichkeit sollte man daher versuchen, die Demenz-Diagnose nach dem Tod überprüfen zu lassen. Dafür werden mit Hirnbank-Projekten sowohl in Deutschland als auch auf europäischer Ebene derzeit erhebliche Anstrengungen gemacht. Man darf auch nicht vergessen, dass die Forschung an menschlichem Hirngewebe, das in Hirnbanken gesammelt wird, wichtige Erkenntnisse über die Entstehung der Alzheimer-Krankheit erbracht hat und auch weiterhin erbringen wird.

Zur Korrelation der postmortalen Befunde mit den Beobachtungen zu Lebzeiten ist dann auch die systematische Anwendung neuropsychologischer Testverfahren, moderner Bildgebungsmethoden wie MRT und PET und auch die Untersuchung von Körperflüssigkeiten wie Blut oder Liquor oder auch der Erbsubstanz wünschenswert wert, um schließlich optimale Informationen für künftige Therapieverfahren zu gewinnen. Die Klassifikation von Demenzen und die neuropathologischen Methoden sind also auch hundert Jahre nach Alzheimer noch immer in Entwicklung.

Die Schlussworte seiner epochalen Fallschilderung stehen daher auch hier am Ende: "Diese Beobachtung wird uns nahe legen müssen, dass wir uns nicht damit zufrieden geben sollen, irgend einen klinisch unklaren Krankheitsfall in eine der uns bekannten Krankheitsgruppen unter Aufwendung von allerlei Mühe unterzubringen. Es gibt ganz zweifellos viel mehr psychische Krankheiten, als sie unsere Lehrbücher aufführen. In manchen solchen Fällen wird dann eine spätere histologische Untersuchung die Besonderheit des Falles feststellen lassen. Dann werden wir aber auch allmählich dazu kommen, von den großen Krankheitsgruppen unserer Lehrbücher einzelne Krankheiten klinisch abzuscheiden und jene selbst klinisch schärfer zu umgrenzen."

Prof. Dr. Adrian Danek und Prof. Dr. Hans Kretzschmar
Ludwig-Maximilians-Universität, München