Aus: Alzheimer Info 3/12

Das Internationale Programm Demenz der Robert Bosch Stiftung ermöglichte mir 2006 eine Hospitation in Indien. Ich wollte vor allem die Lebensweise alter und demenzkranker Menschen kennen lernen, die Versorgung in den Familien und in Heimen. In Indien leben etwa 3,7 Millionen Menschen mit Demenz (2010) bei einer Bevölkerung von 1,2 Milliarden Einwohnern. Demenz wird in Indien als Hirnschwäche angesehen, die Menschen bleiben weitgehend sich selbst überlassen.

Ich besuchte Altenheime christlicher und hinduistischer Prägung im südindischen Bundesstaat Karnataka. Die eindrucksvollsten Erlebnisse hatte ich in zwei Häusern der „Little Sister of the Poor“, eines katholischen Bettelordens in Bangalore und Mysore. Sie beeindruckten durch ihren Umgang mit alten und demenzkranken Menschen. Alle Bewohner haben ein Bett, einen Nachttisch, eine einzige Kiste mit persönlichen Sachen und einen Vorhang um das Bett. Zu den persönlichen Habseligkeiten gehören ferner eine tellergroße Schale mit einem Rand aus Edelstahl, ein Becher und ein Löffel. Alle Bewohner erhalten eine angemessen aktivierende, individuelle Betreuung und Pflege. Sie sitzen bekleidet mit Sari oder Dohti und Schal im Flur und sind mit kleinen Handreichungen in den Tagesablauf einbezogen. Dazu gehört das Reichen von Tee an Mitbewohnerinnen, das Fegen der Flure, kleine Wäsche-, Näh-, Schneidearbeiten. Eine alte Dame setzt behutsam ein Pflänzchen in die Erde. Alles ist sauber, schlicht und aufgeräumt. Die Bewohner strahlen Ruhe und Geborgenheit aus. Die Schwestern lachen und scherzen mit ihnen.

Drei mal am Tag wird warm gegessen. Einige Männer und Frauen helfen regelmäßig in der Küche beim Zubereiten der stets frischen Kost aus Gemüse, Reis, Fladenbrot und verschiedener Curries. Die Nonnen des Bettelordens umsorgen die Bewohner liebevoll. Sie sind gut ausgebildet, ihnen ist die Würde eines jeden Menschen heilig. Deshalb setzen sie personenkonzentrierte Konzepte in der Betreuung um und gestalten das Miteinander. Es gibt Physiotherapie, kreative Angebote und Gottesdienste. Manchmal kommen Kinder einer Schule zu Besuch. Ärzte verschiedener Fachrichtungen, die kein Honorar verlange, behandeln die meist armen Bewohner ohne Familienangehörige. Viele lebten vorher mittellos und ohne soziale Absicherung auf der Straße.

Da das Heim keine staatliche Unterstützung erhält, ist es auf Spenden angewiesen. Deshalb geht jeden Morgen eine Schwester in die Stadt und erbettelt den Lebensunterhalt für die Bewohner bei den Besitzern kleiner Läden und einiger größerer Firmen. Für den hinduistischen Glauben ist es eine bedeutsame Geste, wenn das erste Geschäft am Morgen ein gutes Werk ist. Deshalb kommen auch Ärzte, ohne ein Honorar zu nehmen. Die Schwestern des Ordens pflegen gute Beziehungen zur Gemeinde und erhalten auch einige Spenden aus dem Ausland.

Beeindruckend fand ich, wie in diesen Häusern Kontinuität gelebt wird. Das, was eines Jeden Lebensalltag war, wird fortgesetzt, Vertrautes bleibt im Alter und bei Demenz erhalten. Immer wieder Kontinuität der Lebensbezüge herzustellen und Individualität anzuerkennen, bleibt auch unsere Aufgabe in Deutschland.

Christiane Dumke
Alzheimer Gesellschaft Dresden e.V.