Aus: Alzheimer Info 4/16

In Magazinen, Zeitungen und der populärwissenschaftlichen Literatur1 tauchen in den letzten Jahren immer wieder Behauptungen auf, welche die Existenz der Alzheimer-Krankheit grundsätzlich in Frage stellen, unkonventionelle Erklärungen für ihre Entstehung liefern oder alternative Behandlungsmöglichkeiten als Weg zur Heilung propagieren.

Diese Behauptungen werden oft journalistisch geschickt dargestellt und können eine hohe Überzeugungskraft haben. Auch wenn Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen und diejenigen, die ihnen helfen und beistehen wollen, die Realität der Krankheit aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen nur zu gut kennen, wirken derartige Aussagen verunsichernd und wecken ungerechtfertigte Hoffnungen. Häufig lassen sie sich aber nicht ganz einfach widerlegen.

Der Vorstand der Deutschen Alzheimer Gesellschaft hat deshalb diese Stellungnahme verabschiedet, in der den wichtigsten dieser Behauptungen wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse gegenübergestellt werden. Der erste Teil der Stellungnahme wurde in Alzheimer Info 3/2016 veröffentlicht. Wir freuen uns über Kommentare.

Zum ersten Teil des Artikels in unserem Archiv

Behauptung 5:

Die Ursachen von Alzheimer sind behandelbar, aber die gewinnorientierte pharmazeutische Industrie verhindert, dass sich diese Information verbreitet, weil sie damit kein Geld verdienen kann.

Dass es bisher keine ursächliche Behandlung der Alzheimer-Krankheit gibt, liegt nicht an der Unterdrückung von Information durch die pharmazeutische Industrie. Bei der Erforschung und Entwicklung von neuen, wirksameren Behandlungsmöglichkeiten gehen die Unternehmen, aber auch unabhängige Institute und Universitäten, von einem möglichst gut gesicherten Wissen über die Vorgänge aus, die zu den charakteristischen Hirnveränderungen und Symptomen führen.

Diese Zusammenhänge sind sehr komplex und konnten bis heute nicht vollständig geklärt werden. Unternehmen, Forscher und Kliniken konzentrieren sich auf immer neue Puzzlestücke, für die es überzeugende Erkenntnisse gibt. Einfache Lösungen, die unmittelbar einleuchten, finden sich darunter nicht. Leider haben sich die meisten der beschrittenen Wege dennoch als Sackgassen erwiesen. Nicht zuletzt wegen der hohen Misserfolgsrate erfordert die Entwicklung und Zulassung von neuen Medikamenten enorm hohe Investitionen.

Die als Behandlung der Alzheimer-Krankheit propagierten Methoden klingen häufig verblüffend einfach: Der Alzheimer-Krankheit würde eine Zucker-Verwertungsstörung zugrundeliegen, die durch Behandlung mit Insulin korrigiert werden könnte oder durch alternative Energiequellen wie Galaktose oder Ketonkörper zu umgehen sei.

Richtig ist: Bei der Alzheimer-Krankheit liegt eine derartige Stoffwechselstörung vor. Aber: Das komplexe Krankheitsgeschehen lässt sich nicht allein dadurch erklären. Die Energiegewinnung von Nervenzellen aus Zucker (Glukose) gehört zu den zahlreichen Stoffwechselvorgängen, die bei der Alzheimer-Krankheit beeinträchtigt sind. in Studien wird deshalb versucht, die Aufnahme von Glukose in die Zellen mit Hilfe von Insulin zu steigern, durch Erhöhung der Empfindlichkeit von Nervenzellen auf Insulin zu verbessern, oder durch alternative Energiequellen wie Galaktose oder Ketonkörper auszugleichen.

Eine Pilotstudie mit nur einigen wenigen Teilnehmern zeigte, dass Insulin, als Spray durch die Nase verabreicht, bei Patienten mit Alzheimer-Krankheit die geistige Leistungsfähigkeit geringfügig verbessern und die Alltagsbewältigung aufrechterhalten kann. Ob dieser Effekt aber auch bei einer längerfristigen Anwendung von Insulin aufrecht erhalten bleibt, ist eine der Fragen, die noch weiter erforscht werden müssen. Substanzen, welche die Empfindlichkeit von Nervenzellen für Insulin erhöhen wie Rosiglitazon, haben sich bei der Alzheimer-Krankheit als unwirksam erwiesen. Die Behandlung mit Ketonkörpern führte zu keiner wesentlichen Änderung der geistigen Leistungsfähigkeit oder des Gesamtzustands der Patienten.

Zur Anwendung von Galaktose sind uns keine klinischen Studien am Menschen bekannt. Die Korrektur der Energieverwertungsstörung steht nicht im Mittelpunkt der gegenwärtigen Therapieforschung. Das kann daran liegen, dass die in den bisherigen Studien festgestellten klinischen Wirkungen sehr gering ausfielen, mag aber tatsächlich auch damit zusammenhängen, dass mit lang bekannten Substanzen nicht genügend Geld zu verdienen ist.

Eine weitere Behauptung zu alternativen Behandlungsmöglichkeiten lautet: Bei Alzheimer handele es sich um eine entzündliche Krankheit des Gehirns, die mit entzündungshemmenden Medikamenten behandelt werden könnte. Rheumapatienten, die über Jahre regelmäßig Entzündungshemmer einnehmen, würden nicht an Alzheimer erkranken.

Zutreffend ist: Entzündliche Prozesse, vor allem die Aktivierung von Immunreaktionen, sind an der Alzheimer-Krankheit beteiligt. Aber: Daraus lässt sich weder ableiten, dass Entzündungsvorgänge eine Krankheitsursache darstellen, noch dass eine entzündungshemmende Behandlung die Krankheit beeinflusst. Zahlreiche Antirheumatika sind erprobt worden; insgesamt konnte jedoch weder hinsichtlich der geistigen Leistungsfähigkeit noch in Bezug auf den allgemeinen Schweregrad der Symptome eine Wirksamkeit nachgewiesen werden. Dem fehlenden Nutzen stehen außerdem erhebliche Nebenwirkungen gegenüber.

Behauptung 6:

Durch eine gesunde Lebensführung kann man verhindern, dass man an Alzheimer erkrankt.

Es gibt zahlreiche Studien zu den Faktoren, die das Risiko für Demenz und Alzheimer-Krankheit vermindern können. Sie stimmen darin überein, dass Menschen mit einem körperlich, geistig und sozial aktiven Lebensstil, mit fehlenden oder gut behandelten Risikofaktoren für Durchblutungsstörungen und Herzkreislauferkrankungen (erhöhter Blutdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Übergewicht, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, Bewegungsmangel) ein geringeres Risiko haben, im Alter an einer Demenz zu erkranken. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass diese Ergebnisse durch eine nicht-zufällige Auswahl der untersuchten Personen zu Stande gekommen sind.

Bisher belegt keine einzige Untersuchung eindeutig, dass man durch Reduktion der genannten Risikofaktoren dem Entstehen der Alzheimer-Krankheit im Alter vorbeugen kann. Auch konnte bisher nicht nachgewiesen werden, dass bestimmte Ernährungsgewohnheiten (z. B. mediterrane Kost) oder Nahrungsergänzungsmittel (z. B. Vitamine oder ungesättigte Fettsäuren) das Demenzrisiko senken.

Um solche Nachweise zu führen, müssen sehr hohe methodische Anforderungen erfüllt werden. Dazu gehört, dass die Zuordnung der Versuchsteilnehmer zu einer Gruppe mit dem Risikofaktor bzw. dem Präventionsfaktor oder zu einer Vergleichsgruppe ohne diesen Faktor zufällig erfolgen muss, dass keine Positivauswahl von Personen mit besonders niedriger Wahrscheinlichkeit einer Demenz erfolgt, und dass eine Studie über einen ausreichend langen Zeitraum durchgeführt wird.

Es ist zu hoffen, dass die begonnenen neuen Studien von hoher Qualität, langer Dauer und mit großen Teilnehmerzahlen genaue Aussagen über die Vorbeugung gegen Demenz durch nicht-medikamentöse Interventionen ermöglichen werden.

Selbst wenn eine präventive Wirkung gegen eine Demenz im Alter derzeit noch nicht zweifelsfrei feststeht, sind ein gesunder Lebensstil und die Verminderung von beeinflussbaren Risikofaktoren für die Aufrechterhaltung der geistigen und körperlichen Gesundheit dennoch empfehlenswert.

Zusammenfassung

Alzheimer ist aus Sicht der deutschen Alzheimer Gesellschaft ein klar definierter Zustand des Gehirns, der vom Normalzustand abweicht. Er kommt mit ansteigendem Alter zunehmend häufig vor, kann jedoch auch bei Menschen vor der Lebensmitte auftreten und stellt daher nicht lediglich eine Alterserscheinung dar. Dieser Zustand führt zu vermindertem Wohlbefinden und Einschränkungen der Alltagsbewältigung der Betroffenen sowie zu Belastungen für deren Angehörige und erfüllt daher die Definition einer Krankheit.

Wir halten es nicht nur für gerechtfertigt, sondern für unbedingt notwendig, verstärkt Forschung zur Vermeidung oder Zurückdrängung dieses Zustandes einzusetzen und zur Erreichung dieses Ziel sowohl pharmakologische als auch nicht-pharmakologische Wege zu beschreiten.

Nach heutigem Wissensstand ist eine gesunde und aktive Lebensführung sowie die Vermeidung von Risikofaktoren gegen Herzkreislauferkrankungen ratsam, jedoch gibt es bisher keinen eindeutigen Beleg für eine vorbeugende Wirkung gegen das Auftreten der Alzheimer-Krankheit. Aufwändige und langfristige Studien zur Klärung dieser bedeutenden Frage werden gegenwärtig durchgeführt.

Dass pharmazeutische Unternehmen bestrebt sind, aus der Entwicklung neuer Medikamente einen materiellen Nutzen zu ziehen, liegt an der Struktur unseres Wirtschaftssystems und spricht nicht gegen die pharmakologische Forschung an sich. Dem Bestreben mancher Hersteller, das Urteil von Forschern und die Verordnungsgewohnheiten nach ihren Interessen zu beeinflussen, muss durch mehr Transparenz und klare Zuwendungsregeln begegnet werden. Es ist aber weder ein Argument gegen die Existenz einer Krankheit noch stellt es einen Einwand gegen die medizinische Forschung insgesamt dar.

Der Vorstand der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e. V. Selbsthilfe Demenz im Juli 2016

1Z. B.: P. J. Whitehouse und D. George: „Mythos Alzheimer“ (2010); C. Stolze: „Vergiss Alzheimer! – Die Wahrheit über eine Krankheit, die keine ist“ (2011) und „Fehldiagnose Demenz. Die wahren Ursachen für Vergesslichkeit finden – und wieder gesund werden“ (2016); M. Nehls: „Die Alzheimer-Lüge: Die Wahrheit über eine vermeidbare Krankheit“ (2014) und „Alzheimer ist heilbar“ (2015)