Aus: Alzheimer Info 3/16

In Magazinen, Zeitungen und der populärwissenschaftlichen Literatur1 tauchen in den letzten Jahren immer wieder Behauptungen auf, welche die Existenz der Alzheimer-Krankheit grundsätzlich in Frage stellen, unkonventionelle Erklärungen für ihre Entstehung liefern oder alternative Behandlungsmöglichkeiten als Weg zur Heilung propagieren.

Diese Behauptungen werden oft journalistisch geschickt dargestellt und können eine hohe Überzeugungskraft haben. Auch wenn Menschen mit Demenz, ihre Angehörigen und diejenigen, die ihnen helfen und beistehen wollen, die Realität der Krankheit aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen nur zu gut kennen, wirken derartige Aussagen auf sie verunsichernd und wecken ungerechtfertigte Hoffnungen. Häufig lassen sie sich aber gar nicht so einfach widerlegen.

Der Vorstand der Deutschen Alzheimer Gesellschaft hat deshalb diese Stellungnahme erarbeitet, in der den fünf wichtigsten dieser Behauptungen wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse gegenübergestellt werden. Wir freuen uns über Kommentare.

Behauptung 1:

Vergesslichkeit gehört zum normalen Altern und ist keine Krankheit. Die Menschen sind auch früher im Alter vergesslich und „komisch“ geworden, ohne dass jemand von Alzheimer gesprochen hätte.

Mit Äußerungen wie dieser wird bezweifelt, dass es sich bei Alzheimer um eine Krankheit handelt. Tatsächlich ist es manchmal nicht einfach, altersbedingte Veränderungen von krankhaften Prozessen abzugrenzen. Wie die Leistung der Muskeln oder der Augen können auch die geistigen Fähigkeiten mit dem Alter abnehmen; Vorgänge wie das Speichern von Informationen oder das logische Schlussfolgern gehen oft langsamer vonstatten, die Reaktionszeit verlängert sich.

Aber: Das normale Altern führt nicht dazu, dass einfache Alltagstätigkeiten aufgrund von herabgesetzten geistigen Leistungen beeinträchtigt werden und dass lebenslang erworbenes Wissen verloren geht. Spätestens wenn dieses Ausmaß der Einschränkung erreicht ist, muss von einer Krankheit gesprochen werden

Außerdem ist die Alzheimer-Krankheit nicht ausschließlich durch Vergesslichkeit gekennzeichnet. Zum Krankheitsbild gehören weitere Beeinträchtigungen, die nicht Teil des normalen Alterns sind, wie Orientierungsstörungen, Verlust der Auffassungsgabe und des Denkvermögens, Sprachstörungen sowie Verhaltensänderungen.

Dass eine Krankheit lange nicht als solche eingeordnet wurde, ist kein Argument dagegen, dass es sie gibt. Dies trifft auf viele Krankheiten zu, die erst aufgrund der modernen medizinischen Forschung richtig klassifiziert werden konnten. Mit der Behauptung, Alzheimer sei eine normale Alterserscheinung, ist meist die Einstellung verbunden, man könne sowieso nichts dagegen unternehmen und müsse sich damit abfinden. Die aufgewendeten Forschungsgelder seien reine Verschwendung.

Selbst wenn man die Meinung vertritt, dass es sich bei Alzheimer um einen Altersprozess handelt – die wir nicht teilen! –, muss man einräumen, dass Grauer Star, Osteoporose oder Altersdiabetes gleichfalls altersabhängige Veränderungen sind, gegen die es – auf der Grundlage intensiver Forschung – inzwischen wirksame Behandlungsmöglichkeiten gibt, welche die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessern.

Behauptung 2:

Untersuchungen des Gehirns können die Alzheimer-Krankheit nicht nachweisen. Ablagerungen, die angeblich für Alzheimer typisch sind, kommen auch bei geistig völlig normalen alten Menschen vor.

Mit diesem Einwand wird bestritten, dass sich die Alzheimer-Krankheit durch Untersuchungen des Gehirns nachweisen lässt. Damit wird die Möglichkeit der Diagnose insgesamt in Frage gestellt. Richtig ist, dass das Hirngewebe von Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind, neben einem erheblichen Verlust von Nervenzellen Ablagerungen von zwei Eiweiß-Stoffen aufweist, die aus Nervenzellen stammen und fehlerhaft verarbeitet werden (β-Amyloid und Tau). Diese Veränderungen und die dadurch hervorgerufene Schädigung von Nervenzellen können durch eine Untersuchung des Gehirns nach dem Tod, neuerdings aber auch durch bestimmte bildgebende Verfahren zu Lebzeiten, nachgewiesen werden.

Als Indikatoren der Ablagerungen und der Nervenzellschädigung eignen sich ferner Messungen der beiden Eiweiß-Stoffe in der Hirnrückenmarksflüssigkeit, die als „Biomarker“ bezeichnet werden. Einzeln kommen die erwähnten Ablagerungen auch bei anderen Erkrankungen des Gehirns vor, in Kombination sind sie aber für die Alzheimer-Krankheit kennzeichnend.

Es stimmt, dass die Eiweiß-Ablagerungen keinen engen Zusammenhang mit den Symptomen zeigen und dass sie auch bei beschwerdefreien älteren Menschen nachweisbar sind. Das liegt aber nicht daran, dass die Alzheimer-Krankheit eine normale Folge des Alterns ist, sondern dass die Veränderungen im Gehirn viele Jahre vor dem Auftreten von Symptomen beginnen und das Gehirn die Fähigkeit besitzt, ein bemerkenswertes Maß an langsam eintretenden Schädigungen auszugleichen. Man spricht in diesem Zusammenhang von „zerebraler Reserve“.

Ältere Menschen, bei denen die erwähnten Biomarker oder bildgebenden Verfahren das Vorliegen von Alzheimer-typischen Veränderungen nachweisen, die jedoch keine oder nur leichte Symptome zeigen, spielen für die Erprobung von neuen Therapiemöglichkeiten eine sehr wichtige Rolle. Bei ihnen lässt sich feststellen, ob eine frühzeitige Behandlung das Auftreten einer Demenz hinauszögern oder sogar ganz verhindern kann.

Behauptung 3:

Die auftretenden Symptome werden in Wirklichkeit durch andere Erkrankungen bzw. Störungen verursacht, die gut zu behandeln sind. Die Zahl der Alzheimer-Erkrankungen ist deshalb wesentlich kleiner als allgemein behauptet wird.

Richtig ist: Die Symptome der Alzheimer-Krankheit, wie Vergesslichkeit, Einschränkungen des Denkvermögens, Sprachstörungen, Orientierungsschwäche oder Schwierigkeiten mit dem Erkennen und Handhaben von Gegenständen, kommen auch bei anderen Krankheiten vor. Aber: Nur in einem sehr kleinen Teil der Fälle von Demenz, bei denen der Verdacht auf Alzheimer besteht, liegen den Störungen mehr oder weniger gut zu behandelnde Ursachen wie eine Fehlfunktion der Schilddrüse, Vitaminmangelzustände, Normaldruck-Hydrozephalus, Medikamentenwirkungen, Drogen- oder Alkoholkonsum oder eine Depression zugrunde.

Zu einer fachgerechten Diagnose von Hirnleistungsstörungen gehört aber im allerersten Schritt die Untersuchung und der Ausschluss solcher sekundärer Ursachen. Außerdem gibt es eine Reihe anderer Erkrankungen, bei denen Nervenzellen verloren gehen (z. B. Durchblutungsstörungen, Lewy-Körper- und Parkinson- Krankheit, Frontotemporale Degenerationen). Sie können zu ähnlichen Symptomen führen, weil sie unter Umständen dieselben Regionen und Funktionskreise des Gehirns betreffen wie die Alzheimer-Krankheit. Im Vergleich zur Untersuchung des Gehirns nach dem Tod erreicht die klinische Diagnose in spezialisierten Zentren eine Sicherheit von rund 70 %. Durch den Einsatz von Biomarkern und bildgebenden Verfahren lässt sich die Zuverlässigkeit noch erhöhen.

Bekannt ist, dass nur bei einem Teil der Betroffenen eine sorgfältige Diagnosestellung anhand der ärztlichen Leitlinien erfolgt und dass etwa die Hälfte der Erkrankten gar keine Diagnose erhält. Die von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft publizierte Zahl der Demenzkranken und der Personen, die an der Alzheimer-Krankheit leiden, wird allerdings nicht anhand der gestellten Diagnosen ermittelt (es gibt keine Meldepflicht für Alzheimer). Sie ist vielmehr ein Ergebnis aus epidemiologischen Feldstudien, die auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet wurden (siehe Deutsche Alzheimer Gesellschaft: Informationsblatt „Die Häufigkeit von Demenzerkrankungen“.)

Behauptung 4:

Die Alzheimer-Krankheit ist eine Erfindung der Pharmafirmen. Aus einem normalen Altersprozess wird eine Krankheit gemacht, um Forschungsmittel zu bekommen und Medikamente zu verkaufen.

In Wahrheit wurde die Alzheimer-Krankheit keineswegs von der Pharmaindustrie „erfunden“, sondern vor mehr als 100 Jahren von den Wissenschaftlern Alois Alzheimer, Gaetano Perusini und Samuel Fuller entdeckt. Dafür bekamen diese Wissenschaftler zunächst nicht einmal Anerkennung und schon gar keine finanzielle Unterstützung. Dass es sich um eine sehr häufige Krankheit handelt, wurde erst in den 1980er-Jahren klar, als Forscher feststellten, dass die von Alois Alzheimer beschriebene Erkrankung im mittleren Lebensalter sowohl im Hinblick auf die klinischen Symptome als auch auf die Veränderungen im Gehirn mit der Demenz bei alten Patienten übereinstimmte. An dieser Entdeckung waren Pharmafirmen ebenfalls nicht beteiligt.

Der Vorstand der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e. V. Selbsthilfe Demenz im Juli 2016

Der zweite Teil dieser Stellungnahme wurde im Alzheimer Info 4 / 2016 veröffentlicht.

Zum Teil 2 der Stellungnahme in unserem Archiv

1Z. B.: P. J. Whitehouse und D. George: „Mythos Alzheimer“ (2010); C. Stolze: „Vergiss Alzheimer! – Die Wahrheit über eine Krankheit, die keine ist“ (2011) und „Fehldiagnose Demenz. Die wahren Ursachen für Vergesslichkeit finden – und wieder gesund werden“ (2016); M. Nehls: „Die Alzheimer-Lüge: Die Wahrheit über eine vermeidbare Krankheit“ (2014) und „Alzheimer ist heilbar“ (2015)