Aus: Alzheimer Info 2/08

Michaela Große koordiniert den Aufbau einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft für zwölf Demenzkranke in Kleinostheim bei Aschaffenburg. In der 2006 gegründeten WG leben zehn Frauen und zwei Männer im Alter zwischen 70 und 90 Jahren. Die Immobilie gehört dem Haus St. Vinzenz von Paul, einer seit 1994 bestehenden Altenpflegeeinrichtung. Der Generalmieter ist der Verein „Gemeinsam statt einsam e.V.“. Mit diesem Verein schließen die Bewohner bzw. deren rechtliche Betreuer einen ganz normalen Mietvertrag. Jeder Bewohner hat ein privates Zimmer und das Recht die Gemeinschaftsräume zu nutzen.

Frau Große, wie wird man Mitglied in der Wohngemeinschaft für Demenzkranke?

Michaela Große: Zunächst führen wir mit den Angehörigen ein Informationsgespräch, dann besuchen wird die Familie zu Hause. Das hilft uns dabei, den Erkrankten in seiner gewohnten Umgebung kennenzulernen. Man kann sich gegenseitig „beschnuppern“.

Wen nehmen Sie auf?

Es gibt zwei wichtige Voraussetzungen. Das ist einmal die fachärztliche Diagnose einer Demenzerkrankung und ferner die Bereitschaft der Angehörigen, im Angehörigengremium mitzuwirken.

Welche Aufgaben hat das Angehörigengremium?

In dem Gremium hat jeder Bewohner bzw. Meter einen Angehörigen als Vertreter. Meist ist es die erwachsene Tochter oder der Sohn, bei einigen sind es Geschwister. Berufsbetreuer hatten wir bisher noch nicht. Das Gremium hat sich eine Satzung gegeben und trifft sich etwa alle acht Wochen. Es hat einen Sprecher, einen Kassenwart und einen Protokollführer. Es beschließt, wer neu aufgenommen wird, welches Ausschlussgründe sind, wie Konflikte geregelt werden, wie die Angehörigen sich am Leben der Wohngemeinschaft beteiligen.

Das heißt, Angehörige müssen sich da kräftig engagieren.

Richtig. Wer das nicht will oder kann, dem empfehlen wir ein gutes traditionelles Pflegeheim.

Ich bin etwas skeptisch. Funktioniert das Angehörigengremium tatsächlich? In vielen Heimen ist der Heimbeirat nur ein Scheingremium, das keinen Einfluss hat.

Bei uns ist das wirklich gelebte Demokratie. Als Koordinatorin habe ich die Angehörigen darin bestärkt, ihre Ansichten selbstbewusst zu vertreten und sie tun das auch.

Wie sieht der Alltag in der Wohngemeinschaft aus?

Wir versuchen einen ganz normalen Alltag zu leben. Die meisten helfen gerne in der Wohnküche, etwa beim Vorbereiten des Essens. Die Männer machen lieber etwas im Garten. Wir sitzen zusammen und singen und unterhalten uns nach Lust und Laune. Vom Gemeinschaftsraum kommt man direkt in den Garten. Dort haben wir zwei Kaninchen, die viele gerne in den Arm nehmen und streicheln. Das hat eine ganz beruhigende Wirkung.

Wie viele Betreuungskräfte sind dabei und welche Ausbildung haben sie?

Am Tage sind stets zwei, teilweise drei Kräfte anwesend, nachts eine. Alle haben entweder eine Grundausbildung in der Pflege und eine gerontopsychiatrische Aufbauschulung von 40 Stunden oder sind examinierte Pflegekräfte.

Eine ambulant betreute Wohngemeinschaft ist kein Heim. Das heißt, die demenzkranken Bewohner werden auch nicht durch Kontrollen der Heimaufsicht geschützt.

Bei uns haben die Angehörigen das Hausrecht. Sie können 24 Stunden am Tage ein- und ausgehen, wie sie wollen, und das tun sie auch. Die Angehörigen sind der beste Verbraucherschutz. Auch der Verein „Gemeinsam statt Einsam e.V.“ garantiert für die Qualität von Pflege und Betreuung. Außerdem gibt es den Medizinischen Dienst der Krankrenkassen (MDK). Also Verbraucherschutz hoch drei!

Und bei welchem Thema hat es zwischen Angehörigen und Pflegekräften mal so richtig gekracht?

Gekracht hat es gar nicht. Wir sind im ständigen Gespräch, die Pflegenden wissen, was die Angehörigen leisten und die Angehörigen erkennen die Leistungen der Pflegenden an. Alle respektieren sich und versuchen gemeinsam die beste Lösung zu finden.

Neben dem Mietvertrag wird ein Pflegevertrag abgeschlossen. Was ist, wenn die Angehörigen mit Pflege und Betreuung nicht zufrieden sind?

Wenn die Angehörigen mit einer bestimmten Pflegekraft unzufrieden sind, teilen sie das mit und wir haben die Vereinbarung, dass innerhalb von drei Montan eine andere Pflegekraft eingestellt werden muss. Die Angehörigen bestimmen. Sie können auch einen ganz anderen Pflegedienst wählen. Das ist ein großer und wesentlicher Unterschied zu einem Heim.

Worauf kommt es beim Aufbau einer ambulanten WG an?

Ganz wichtig ist eine sorgfältige Vorbereitung und Information der Angehörigen und eine gute Koordination aller Beteiligten. Das erfordert den Einsatz aller.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg.

Das Interview führte
Hans-Jürgen Freter
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V., Berlin

 

Kontakt:

Michaela Große
Haus Louise von Marillac
Ambulante Wohngemeinschaft für Demenzbetroffene
Bassenser Str. 16, 63801 Kleinostheim

www.haus-louise-von-marillac-kleinostheim.de