Aus: Alzheimer Info 1/15

Vertrautes Essen, bekannte Gegenstände, Geschichten und Musik. Für Demenzkranke sind diese Dinge besonders wichtig. Außerdem brauchen sie Pflege und Betreuung durch Menschen, die ihre Sprache sprechen und sich in sie hinein versetzen können.

Wenn die eigene Kultur nicht ausschließlich deutsch ist, muss man in der deutschen Pflegelandschaft lange suchen, um ein passendes Angebot zu finden. Das gilt auch für ehemalige türkische „Gastarbeiter“, die im Alter eine Demenz entwickeln und pflegebedürftig werden. Im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg gibt es seit 2012 ein Angebot speziell für sie: Eine ambulant betreute Wohn-Pflege-Gemeinschaft für Menschen mit türkischen Wurzeln. Sie ist bundesweit die einzige ihrer Art und liegt im Veringeck, einem Haus, das im Rahmen der Internationalen Bauausstellung errichtet wurde.

Das Veringeck hat drei Stockwerke mit einem Innenhof, einem Café und einem türkischen Bad im Erdgeschoss. Es beherbergt außerdem eine interkulturelle Tagespflege und Servicewohnungen zum betreuten Wohnen für Menschen aller Nationen. Pflege und Betreuung für alle Angebote übernimmt der Pflegedienst Multi-Kulti. Mehrsprachige Pflege- und Betreuungskräfte begleiten Gäste, Mieterinnen und Mieter entsprechend ihrer individuellen Bedürfnisse.

Im obersten Stockwerk leben zehn Demenzkranke mit türkischem Hintergrund in einer Wohn-Pflege-Gemeinschaft. Sie werden betreut von Mitarbeiterinnen, die alle selbst in einer Familie türkischer Herkunft aufgewachsen sind. „Diese Sozialisation ist sehr wichtig“, sagt die Geschäftsführerin des Pflegedienstes Leyla Yagbasan.

Im Umgang mit den Demenzkranken kommt es auf Kleinigkeiten an: Zum Beispiel werden sie von den Mitarbeiterinnen respektvoll als „Onkel“ und „Tante“ angesprochen. Der Alltag und die Umgebung werden auf vertraute Weise gestaltet: der Teekessel auf dem Herd, das hausgemachte Essen, türkisches Fernsehen und Respekt für die türkische Ordnungsliebe.

Bei der Gestaltung der Zimmer und der Gemeinschaftsräume wirken die Angehörigen mit. Sie spielen in der Wohngemeinschaft eine bedeutende Rolle und entscheiden über wichtige Fragen des Alltags. Dabei berät und unterstützt sie ein vierköpfiger Beirat. Diese Unterstützung ist notwendig, weil die Komplexität der Pflege-Bürokratie für Laien oft kaum verständlich ist. Außerdem sei der Aufwand für die Familien sonst einfach zu groß, meint der Sprecher des Beirats, Dr. Josef Bura: „Viele Angehörige sind familiär und beruflich sehr stark eingebunden.“

Josef Bura hat das Projekt Veringeck als Mitarbeiter der STATTBAU HAMBURG Stadtentwicklungsgesellschaft mit initiiert. Er sieht es als notwendige Alternative zu den klassischen Pflegeangeboten: „Unsere Gesellschaft braucht kulturell angepasste Modelle für die Generation der Arbeitsmigrantinnen und -migranten, die heute alt wird. Wir müssen in Zukunft mehr Orte wie das Veringeck schaffen.“

Astrid Lärm
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. Selbsthilfe Demenz, Berlin