Aus: Alzheimer Info 2/15

Wie kann die letzte Lebensphase für Demenzkranke im Pflegeheim aussehen? Und wie können Angehörige und Pflege in dieser Zeit kooperieren? Diese Fragen beantwortete uns Christine Petersen, Diplom-Sozialpädagogin und Heimleiterin im Haus Schwansen. Die Einrichtung liegt im schleswig-holsteinischen Rieseby und ist seit mehr als zwanzig Jahren auf die Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz spezialisiert.

Alzheimer Info: Was ist das Besondere an der schweren Pflege von Demenzkranken?

Christine Petersen: Unser Ziel ist immer das größtmögliche Wohlbefinden für den einzelnen Bewohner. Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz können aber oft Bedürfnisse nicht mehr sprachlich äußern. Deshalb müssen wir möglichst viel über den Menschen und seinen Lebensweg wissen und mit den Angehörigen im Gespräch sein. In der letzten Lebensphase verändern sich die Bedürfnisse oft: Der Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit steht im Vordergrund, während zu Beginn der Erkrankung Selbstbestimmtheit und Aktivität wichtiger sind.

Was beinhaltet Ihr Konzept für die letzte Lebensphase?

Wir arbeiten mit handlungsorientierten Ansätzen wie Integrative Validation (IVA), Kinästhetik, Basale Stimulation, Musiktherapie, Milieugestaltung u.a. Die IVA ist uns besonders wichtig. Das Konzept steht für eine wertschätzende Haltung gegenüber Demenzkranken und wird bei uns von allen umgesetzt – von der Heimleitung bis zum Hausmeister.

Für Bewohner mit fortgeschrittener Demenz, die sich zunehmend zurückziehen und nicht mehr so viele Außenreize verarbeiten können, haben wir unsere „Insel“ eingerichtet. Die Insel ist ein eigener Raum, in dem sie tagsüber versorgt werden. Bei uns soll niemand allein im Bett liegen und die Decke anstarren. Deshalb werden alle Bewohner bis ganz zum Ende mobilisiert und im Pflegerollstuhl in der Insel betreut.

Es gibt eine große Terrasse davor, sodass sie bei jeder Jahreszeit an der frischen Luft sein können. In den Wachphasen reichen wir Essen oder machen individuelle Betreuungsangebote wie kleine Massagen oder musikalische Begleitung.

Was hat sich in den letzten Jahren in Bezug auf die Pflege und Betreuung in der letzten Lebensphase verändert?

Die Menschen kommen immer später und schwerer erkrankt zu uns. Das ist einerseits etwas Gutes, denn es zeigt, dass die ambulante Versorgung besser geworden ist. Für uns bedeutet es aber, dass wir die Menschen erst dann kennen lernen, wenn sie in ihrer Demenz schon weit fortgeschritten sind und wir mit ihnen nur noch schwer kommunizieren können. Und wenn man viele schwer pflegebedürftige Bewohner hat, verdichtet sich die Arbeit und die Anforderungen wachsen.

Wie können Angehörige in der letzten Lebensphase mit der Pflege kooperieren?

Besonders in der letzten Lebensphase sollten Angehörige aktiv den Dialog suchen, auch wenn das nicht immer einfach ist. Am Lebensende müssen oft schwierige Entscheidungen getroffen werden, meist über die Art der medizinischen Versorgung und der Pflege. Ab wann hört man zum Beispiel auf, jemanden kurativ zu behandeln und geht zu einer palliativen Versorgung über? Das gehört zum Prozess des Abschiednehmens und ist für Angehörige eine schwierige Zeit. Manchmal gibt es auch Konflikte innerhalb der Familie über den Umgang mit dem Sterbenden.

Die Pflegekräfte haben wiederum einen anderen Blick auf den Bewohner und manchmal andere Vorstellungen davon, was dieser Mensch braucht. Es ist aber vor allem in der Sterbephase wichtig, dass alle an einem Strang ziehen. Wir sind davon überzeugt, dass Sterbende es merken, wenn es Unstimmigkeiten um sie herum gibt.

Für solche Fälle haben wir ein ehrenamtliches Ethikkomitee, das wir zu Rate ziehen können. Es besteht aus mehreren Ärzten, einem Pastor, einer Juristin, Pflegekräften aus unserem Haus und aus Partnereinrichtungen. Bei schwierigen ethischen Fragen steht es zur Verfügung und versucht, gemeinsam mit den Angehörigen, Lösungen zu entwickeln.

Diese ethischen Fallbesprechungen, in denen der mutmaßliche Wille sowie das Wohlbefinden des Menschen eine besondere Aufmerksamkeit erfahren, tragen dazu bei, dass Angehörige und Pflegekräfte „dichter zusammen rücken“ und den letzten Weg besser zusammen gehen können.

Das Interview führte
Astrid Lärm
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. Selbsthilfe Demenz, Berlin