Aus: Alzheimer Info 4/08

Beispiel Frau Kardelen

Frau Kardelen sitzt mit leerem Blick auf dem Sofa. Als einer ihrer Enkel ihre Hand ergreift, schaut sie ihn erstaunt an und fragt: "Wer bist du denn?" Dass der Junge ihr seinen Namen nennt und sie mit Oma anredet, wird sie schon nach wenigen Minuten wieder vergessen haben.

Frau Kardelen, 70 Jahre alt, ist eine von 1,1 Millionen Menschen, die in Deutschland an einer Demenz erkrankt sind. Der Anteil hochaltriger Migranten/innen wird dabei in den kommenden Jahren stark zunehmen. Das beinhaltet für die Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen in Deutschland zunehmend die Notwendigkeit, sich auf diese Situation einzustellen.

Forschungsfragen und -format

Doch wie erleben die Kinder von demenziell erkrankten türkischen Migranten/innen den Umgang und die Pflege ihrer Angehörigen, die in der Regel im häuslichen Umfeld stattfindet? Von welcher Motivation sind sie getragen? Welche professionelle Hilfe nehmen sie in Anspruch? Welche unterstützenden Maßnahmen erwarten sie? Antworten auf diese Fragen gibt die bisher nicht veröffentlichte Diplomarbeit von Filiz Küçük, für die sie sechs Interviews mit Angehörigen geführt hat. Sie verdeutlicht eindrucksvoll, welch großen Herausforderungen sich die Familienmitglieder in der Pflegesituation gegenübersehen.

"24 Stunden da sein"

Nachdenklich schaut die Tochter von Frau Kardelen ihre Mutter an und sagt: "Füttern, anziehen, ausziehen, waschen. Mit Waschen hatte sie [Mutter] ein großes Problem. Sie hatte ein sehr starkes Schamgefühl."

Die Aufmerksamkeit, die die pflegenden Angehörigen ihren Familienmitgliedern entgegenbringen müssen, geht natürlich weit über die Körperpflege hinaus und umfasst nicht zuletzt emotionale Zuwendung und Beaufsichtigung: "Also man muss 24 Stunden für die Person da sein. Man kann sie nicht alleine lassen", sagt Frau Demirel, die Schwester von Frau Kardelen.

Beispiel Herr Mercan

Herr Mercan sitzt ruhig am Wohnzimmertisch, nippt immer wieder an seinem Tee und verfolgt das Fernsehprogramm. Es ist ihm auf den ersten Blick nicht anzusehen, dass er an fortgeschrittener Alzheimer-Demenz leidet und ständig Medikamente nehmen muss, die seine Wahnvorstellungen unter Kontrolle halten. War es für die Tochter des alten Mannes zu Beginn sehr schmerzhaft, den Veränderungsprozess, den er durchmachte, mitzuerleben, so rechtfertigt sie heute die Selbstverständlichkeit der Pflege unter anderem mit folgenden Worten: "Ich hätte früher nie gedacht, dass ich meinen Vater pflegen oder ihm die Windeln wechseln würde. Wenn es erforderlich ist, dann sollt' ich das machen. Schließlich handelt es sich um den Mann, der gearbeitet hat, damit seine Kinder leben können. Und jetzt betreu' ich meinen Vater, damit er auch weiterleben kann".

Kraftquellen in der belastenden Pflegesituation

Trotz allem: Die innerfamiliäre Pflegesituation erfordert von den Familienmitgliedern ein hohes Maß an Engagement und führt häufig zu einer großen psychischen Belastung. Dass die Angehörigen dennoch die Kraft aufbringen, diese schwierige Situation zu bewältigen, liegt nicht zuletzt an dem Wissen über die Krankheit und ihre Symptome, an Sozialkontakten und am Glauben: "Das Gebet", sagt Frau Mercan und betrachtet dabei ihren Vater, "ich glaub', dass Gott uns wirklich dabei hilft, weil es viele Familien gibt, die nicht das Geld dazu haben, den Mann oder die Frau zu pflegen. Aber wir haben wirklich Glück und ich glaub' daran, dass dieses Glück uns Gott gegeben hat".

Ausblick

In Zukunft wird es notwendig sein, dass das Thema "Demenz und Migration" noch stärker in das Blickfeld der Öffentlichkeit rückt. Es wird mehr Beratungsstellen für Angehörige und Pflegeeinrichtungen mit türkischsprachigem Personal geben müssen. "Es müsste sehr viel türkischsprachige Informationsmaterialien geben", wünscht sich Frau Kardelen und hofft, dass die deutsche Gesellschaft dem Problem der häuslichen Versorgung von demenziell erkrankten türkischen Mitbürgern/innen angemessen begegnen wird.

Filiz Küçük
Berlin