Aus: Alzheimer Info 2/19

Biologische Veränderungen in bestimmten Hirnregionen können dazu führen, dass sich bei Menschen mit Demenz die Informationsverarbeitung verändert. Man kann sich das so vorstellen: Wenn ein Mensch eine Situation erlebt, dann sieht und hört er etwas um sich herum, zusätzlich werden verschiedene Erinnerungen und Gedanken geweckt. Das alles wird mühelos – fast automatisch – im Gehirn miteinander verknüpft.

Eine Demenzerkrankung verändert dieses notwendige Zusammenspiel auf unterschiedlichste Weise. Menschen mit Demenz erleben ihre Umwelt daher häufig anders als die Menschen in ihrer Umgebung. Ihre Reaktionen können dadurch für andere unvorhergesehen und unverständlich sein. Das Verhalten eines Demenzkranken ist plötzlich nicht mehr nachvollziehbar – es wird als schwierig, störend oder herausfordernd erlebt. Aber selbst wenn das Verhalten nachvollziehbar ist, kann es als störend empfunden werden.

Für Menschen mit Demenz ist die gesamte Informationsverarbeitung anstrengender als für Gesunde, viele Situationen führen zu Verunsicherung und Stress. Das gilt auch für alltägliche und vertraute Situationen – es gilt aber noch viel mehr für unbekannte Situationen. Erkrankte berichten, dass Übersicht und Gewohnheit Sicherheit vermitteln und vor Missverständnissen schützen können. Fehlinterpretationen von Handlungen oder Gesprächen tragen hingegen zur Verunsicherung bei.

Solche Missverständnisse führen schnell zu Angst, Ärger oder Verzweiflung. Oftmals sind diese Gefühle mit Blick auf die Erkrankung verständlich und nachvollziehbar, jedoch gibt es auch Verhaltensweisen, die sich nicht aus dem vorhandenen Kontext erschließen lassen und die auf die Erkrankung zurückzuführen sind. Für Außenstehende ist auf den ersten Blick nicht immer erklärbar, wie es zu einem bestimmten Verhalten gekommen ist. Je länger der Zustand der Verunsicherung für Menschen mit Demenz anhält, desto ausgeprägter kann die Reaktion werden und desto schwieriger erscheint auch eine Auflösung der schwierigen Situation.

Gerade in solchen Situationen brauchen wir die Kommunikation miteinander. Sie ist unser Weg persönlicher Zuwendung und Voraussetzung, um die Reaktion von Menschen mit Demenz besser einordnen zu können.

Bei schwierigen Verhaltensweisen geht es um Reaktionen, die andere – auch vertraute – Menschen nicht verstehen, weil sie in der Situation nicht erwartet werden. Dabei kann das Verhalten sehr gut zu dem passen, was ein Mensch mit Demenz gerade subjektiv erlebt. Auch wenn man als Außenstehender ein Verhalten nicht nachvollziehen kann, ist es oft möglich, die Gefühle der Betroffenen zu erkennen und darauf zu reagieren.

Der erste Schritt zur Kommunikation in schwierigen Situationen ist es, die Reaktion von Menschen mit Demenz zu beobachten und zu überlegen, worüber er oder sie beispielsweise ärgerlich ist und woher die Angst kommen könnte. Das gelingt am besten in einer übersichtlichen und ruhigen Atmosphäre. Die erste Handlung sollte daher sein, für eine ruhige Atmosphäre zu sorgen. Das gelingt durch Ansprache sowie das Herstellen von Übersicht und Ordnung für die Erkrankten. So ist zum Beispiel das Angebot einer Tasse Tee zur Beruhigung nicht als Ablenkung zu betrachten, sondern als Versuch, eine Situation so zu verändern, dass ein Mensch mit Demenz sie verstehen kann. Das kann beruhigend wirken.

Bei der Wahl der Kommunikationsform sind folgende Fragen wichtig: Kann mein Gegenüber gerade zuhören? Versteht er meine Sprache? Wo ist er mit den Gedanken? Hat seine Aggression und Wut ihn in Griff genommen? Was würde ihn jetzt nur noch mehr in diese Situation treiben? Kommunikation signalisiert in solchen Situationen zugewandtes Interesse. Dabei besteht Kommunikation nicht nur aus Sprache, auch mit Bewegungen, Mimik, Gestik und unserer Körperhaltung kommunizieren wir. Es kann einen anderen Menschen zum Beispiel schon beruhigen, wenn ich mich einfach neben ihn setze. Auch wenn Situationen sehr kritisch sein können, gilt es immer, mit Menschen mit Demenz direkt zu sprechen und nicht über sie.

Prof. Dr. med. Vjera Holthoff-Detto
Alexianer Krankenhaus Hedwigshöhe
Autorin des Buches „Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen“