Aus: Alzheimer Info 3/10

Im fortgeschrittenen Stadium der Demenz verlieren die Betroffenen nicht nur ihre Sprachfähigkeit und Mobilität, sondern zunehmend auch ihre Fähigkeit zu lachen und sich über etwas freuen zu können. Zunächst waren wir bei unserer Begleitforschung in „Pflegeoasen“ für schwer demenziell Erkrankte überrascht, auch hier Momente der Heiterkeit und der Situationskomik anzutreffen. Offenbar wirken diese besonderen Milieus entspannend, anregend und Kontakt fördernd. In der stimulierenden Umgebung entstehen Situationen, in denen gelacht werden kann, und wenn erst einmal einer lacht, wirkt dies oft ansteckend auf alle anderen. Immer wieder gibt es Momente im Alltag, in denen die Erkrankten sich derart freuen, dass sie unbeschwert in Lachen verfallen.

Pflegeoase in Bayern

Frau K. stammt ursprünglich aus Hessen und ist später nach Bayern gezogen. Sie liebt die Bayerische Kultur mit ihrer Musik und ihren Spezialitäten. Sie befindet sich im Stadium der Schwerstdemenz, kann nicht mehr sprechen und selbstständig gehen. In der Pflegeoase hat sie jedoch das Interesse an ihrer Umwelt wieder gewonnen. Als ich im Zuge unserer wissenschaftlichen Begleitung den Raum betrete, geht ein breites Lachen über ihr Gesicht. Mein Vollbart hatte sie offenbar an schöne Zeiten erinnert. Da gerade die Oktoberfestzeit angebrochen war, spielt die Musiktherapeutin typische Festzeltmusik auf der Flöte und der Gitarre und singt dazu. Frau K. hat den Blick weiter auf mich gerichtet und beginnt im Takt zu wippen, versucht mitzusingen, wippt mit den Füßen und lacht. Die Mitbewohnerinnen am Tisch lachen mit und versuchen mit den Händen oder den Füßen die Musik zu begleiten. Das wirkt derart ansteckend, dass Frau K. das Gitarrenspiel mit „Luftgitarre“ begleitet, so dass alle im Raum, Bewohner, Besucher wie auch die Therapeutin minutenlang lachend in die Musik einfallen.

Pflegeoase in Niedersachsen

Frau F. ist noch etwas mobil, kann mitunter einige Sätze sprechen, steht aber bereits im Stadium schwerster Demenz. Während unseres Besuches „diskutiert“ sie mit der Pflegerin die Behandlung der Mitbewohnerinnen. Da einige der schwerst erkrankten Bewohnerinnen nicht gleich auf Ansprache reagieren, schlägt Frau F., offenbar in Erinnerung an die eigene Kindheit, eine militante Vorgehensweise vor. „Wenn die nicht hören, kriegen die auf die Nase. Nur die Erwachsenen, die kriegen dann einen leicht auf die Zinne“. Und mit einem Seitenblick auf mich und meinen Bart, fügt sie bekräftigend hinzu: „So ist das, Opa!“ Als wir sie alle erstaunt ansehen, fängt sie an zu lachen, zunächst etwas verunsichert stimmen wir ein. Hat sie uns auf den Arm genommen? Plötzlich erfüllt das Lachen den ganzen Raum. Auch die anderen Bewohnerinnen haben sich anstecken lassen.

Pflegeoasen sollen ihren Bewohnerinnen und Bewohnern ein anregendes Milieu bieten. Situationen, die zum Lachen animieren, fördern die sozialen Verhaltensweisen. Das geschieht nicht von selbst, sondern dazu müssen Gelegenheiten geschaffen werden. In den vom Institut für sozialpolitische und gerontologische Studien (ISGOS) Berlin wissenschaftlich begleiteten unterschiedlichen Oase-Typen werden derartige Zugänge zu den Bewohnern eröffnet. Die gute Stimmung zeigt insbesondere in den oben beschriebenen Szenen, dass der Einsatz verschiedener Therapieformen wie Milieutherapie und Musiktherapie Menschen auch im schwersten Demenzstadium erreichen und den ihnen eigenen Humor zum Klingen bringen können. Die bisherigen Ergebnisse der Studien belegen eine fördernde Wirkung auf Stimmung, Wohlbefinden und soziales Verhalten.

Jürgen Dettbarn-Reggentin und Heike Reggentin
Institut für sozialpolitische und gerontologische Studien Berlin (www.isgos.de)