Aus: Alzheimer Info 2/10

Bei unseren zahlreichen Betreuten Urlauben sind die Besuche des Sole-Thermalbades die Attraktion für die Demenzbetroffenen. Ein Kleinbus bringt ca. sechs Betroffene zum Thermalbad, wo jeder von ihnen von einem unserer Betreuer erwartet wird.

Mit dabei ist Wilhelm H., langjähriger Gast einer unserer Betreuungsgruppen. Als ehemaliger Geschäftsmann ist er immer sehr bedächtig und lässt sich alles genau erklären. Für ihn, wie auch für alle anderen demenziell Erkrankten, ist das Thermalbad eine ganz neue Erfahrung. Geleitet am Arm seiner Betreuerin Ellen überwindet er seine anfängliche Ängstlichkeit und folgt ihr vertrauensvoll am Treppengeländer ins warme Nass – bis ihm das Wasser bis zur Brust reicht.

Nun spürt er die scheinbare Schwerelosigkeit seines Körpers. Er fühlt sich sichtlich wohl. Nach und nach lösen sich die Spannungen seiner Muskulatur. Schließlich ermutigt ihn Ellen sich auf den Rücken zu legen. Sie würde ihn mit ihren Armen über Wasser halten. Voller Zutrauen lässt er sich auf ihren Vorschlag ein.

Ellen lässt seinen Körper langsam auf dem Wasser gleiten, das durch den Salzgehalt besonders gut trägt. Er schwebt regelrecht auf den Wellen! Seine Arme und Beine bewegen sich gemächlich im seichten Wasser.

Nach einer Weile wollte Herr H. diesen angenehmen Schwebezustand auch seiner Betreuerin zukommen lassen. Während ich bei einem anderen Demenzkranken leichte Bewegungsübungen am Unterwasserstrahler durchführe, traue ich meinen Augen kaum. Mit einem freudigen Jauchzen ließ sich Ellen rücklings in die Arme von Herrn H. gleiten. „Sehn Sie mal“, ruft Herr H. aufgeregt „ich trage sie ganz einfach auf meinen Händen!“ Dabei tippelt er stolz im Wasser mit der nicht gerade zierlich gebauten Ellen auf dem Arm an mir vorbei.

Andere Demenzkranke tummeln sich mit ihren Betreuern im Außenbecken, das durch die etwas kältere Luft dampft. Mutig drehen sie sich im Strömungskanal oder lassen die warme Schwalldusche auf die Schultern prasseln.

Mit leuchtenden Augen tauschen wir Betreuer uns am Abend noch lange über unsere außergewöhnlichen Erlebnisse dieses Tages aus. Sie sind wie eine Offenbarung für unsere Krankenpflege-Azubis vom Berliner Vivantes-Klinikum, die als Gastbetreuer mitgereist sind. Ihre positiven Erfahrungen in der Therme wollen sie unbedingt ihren Kollegen und Dozenten weitergeben.

Gerhard Pohl
Alzheimer Angehörigen-Initiative gGmbH, Berlin