Aus: Alzheimer Info 4/15

Bianca Broda, Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft München, hat Gudrun Troitzsch zur Sitzung der Arbeitsgruppe Sicherheit und Selbständigkeit bei Demenz im September 2015 nach Berlin begleitet. Ich habe sie nach ihren Erfahrungen mit der Begleitung allein lebender Demenzkranker gefragt.

Frau Broda, was bedeutet es für die Alzheimer-Gesellschaft, allein lebende Menschen mit Demenz wie Frau Troitzsch zu begleiten?

Bianca Broda: Wir wundern uns immer wieder, wie gut Frau Troitzsch ihren Alltag alleine meistert. Anmerken möchte ich an dieser Stelle allerdings, dass die Fähigkeiten von Betroffenen individuell sehr unterschiedlich sind, sehr stark vom Stadium der Erkrankung abhängen und sich daher im Lauf der Zeit ändern.

Im Fall von Frau Troitzsch helfen wir an einigen Punkten, und sie kann immer bei der Alzheimer Gesellschaft München anrufen. Aber wir haben manchmal auch ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits bemühen wir uns, ihrem Wunsch nach Selbständigkeit gerecht zu werden, andererseits sorgen wir uns um ihr Wohlergehen. Zum Beispiel wenn sie nach dem Gruppentreffen als Einzige alleine nach Hause fährt. Wir wissen ja, dass dort niemand auf sie wartet, mit dem sie über ihre Erlebnisse und über die Sorge hinsichtlich des Fortschreitens der Krankheit sprechen kann. Meistens ruft spätestens am nächsten Tag jemand von uns bei ihr an, um zu hören, wie es ihr geht.

Begleiten Sie mehrere alleine lebende Demenzkranke?

Ja, Frau Troitzsch ist nicht die Einzige. Momentan sind es vier Betroffene, mehr allein Lebende könnten wir nicht engmaschig begleiten, weil das ein großer personeller Aufwand ist.

Welche besonderen Schwierigkeiten haben Sie noch erlebt?

Frau Troitzsch wollte zur Rehabilitation in das Alzheimer-Therapiezentrum nach Bad Aibling. Dort werden normalerweise nur Patienten und Angehörige gemeinsam aufgenommen. Frau Troitzsch wollte aber die Therapieangebote ohne Angehörige nutzen. Als das größte Problem stellte sich die Versicherung heraus. In dem Therapiezentrum gibt es nachts keine Betreuung und deshalb durfte Frau Troitzsch dort nicht allein übernachten – sie hätte ja aus dem Bett fallen und sich verletzen können.

Schließlich ließ sich organisieren, dass sie in der benachbarten Klinik übernachtete. Damit war aber verbunden, dass sie ohne Begleitung eine stark befahrene Straße überqueren musste. Das war versicherungstechnisch offenbar kein Problem …

Ohne unseren intensiven Einsatz wäre der Aufenthalt in Bad Aibling für Frau Troitzsch nicht möglich gewesen. Manchmal sind Dinge in Kliniken so „formaljuristisch überregelt“, dass der Patient völlig aus dem Blickfeld rückt.

Wo sehen Sie Lücken in den Angeboten?

Wie Frau Troitzsch schon erwähnt hat, bräuchte es persönliche Assistenten für allein lebende Demenzkranke. Schwierig ist auch, dass es über Feiertage und vor allem in der Zeit von Weihnachten bis zum Dreikönigstag am 6. Januar zumindest hier in München keinerlei soziale Angebote gibt.

Frau Troitzsch hat Probleme mit der Sprache und diese nehmen zu, wenn sie längere Zeit mit niemandem gesprochen hat. Man merkt das schon nach einem normalen Wochenende. Aber nach der langen Weihnachtspause fällt ihr das Sprechen extrem schwer.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte
Susanna Saxl
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V., Berlin