Aus: Alzheimer Info 2/09

Zwei Drittel der etwa 1,1 Millionen Demenzkranken in Deutschland leben in privaten Haushalten. Fast alle möchten so lange wie möglich in der vertrauten Wohnung und Nachbarschaft bleiben. Die meisten erhalten Unterstützung von Ehepartnern, erwachsenen Kindern oder andere Angehörigen. Für die Betreuenden bringt das viele Schwierigkeiten mit sich und ist alleine kaum zu schaffen. Es gibt inzwischen eine große Zahl von Beratungsangeboten und unterschiedlichen Unterstützungsformen, die bei der Gestaltung und Durchführung der häuslichen Betreuung einbezogen werden können.

Verschiedene Lebenssituationen – unterschiedliche Organisation der häuslichen Pflege

Die Lebenssituation von Demenzkranken und ihren Angehörigen kann sehr unterschiedlich aussehen und mit einem verschiedenartigen Unterstützungsbedarf verbunden sein. Drei typische Konstellationen sind:

  • Ein Ehepartner erkrankt an einer Demenz. Der andere Ehepartner betreut und pflegt. Beide möchten so lange wie möglich zusammen in der vertrauten Umgebung leben. In unterschiedlichem Maß unterstützen erwachsene Kinder oder Verwandte und Freunde.

  • Ein alter Mensch lebt allein in seiner Wohnung, erkrankt an einer Demenz und kommt im Alltag nicht mehr zurecht. Seine erwachsenen Kinder wollen gerne helfen, können dies aber nur beschränkt, da sie berufstätig sind, eine eigene Familie haben und/oder entfernt wohnen.

  • Ein Demenzkranker lebt allein, hat aber kein Netz von Verwandten oder Freunden. Die Kinder leben weit entfernt oder sogar im Ausland. Das ist eine besonders schwierige Situation. Doch mit einigem organisatorischen und finanziellen Aufwand ist auch hier die Betreuung in der eigenen Wohnung oftmals möglich. 

Das Krankheitsbild und Unterstützungsmöglichkeiten vor Ort

Der individuelle Unterstützungsbedarf hängt vom Krankheitsbild und von der Persönlichkeit der Betroffenen ab. Liegt ein frühes, mittleres oder fortgeschrittenes Stadium der Erkrankung vor? Welche Fähigkeiten hat der Erkrankte? Welche Einschränkungen bestehen? Gibt es neben der Demenz körperliche oder psychische Erkrankungen? Ist der Erkrankte mobil oder bettlägerig? Neigt er oder sie zu Verhalten, das ihn oder andere gefährdet oder erheblich stört?

Die Hilfe- und Unterstützungsmöglichkeiten sind regional sehr unterschiedlich. In einigen Städten gibt es ein großes Spektrum an Beratung, ambulanten, ehrenamtlichen, teilstationären und stationären Angeboten. In ländlichen Regionen sind die Möglichkeiten dagegen oft sehr eingeschränkt.

Geteilte Verantwortung: Betreuung und Pflege auf mehrere Schultern verteilen

Die Pflege und Betreuung eines Demenzkranken, die Versorgung des Haushalts und die Organisation des Alltags sollten nicht dauerhaft von einem Einzelnen übernommen werden. Es hat sich bewährt, die Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen. Dafür kommen in Frage:

  • Der private Umkreis der Kranken: Familienmitglieder, Freunde, Bekannte oder Nachbarn.
     
  • Professionelle Unterstützung: Beratungsstellen, ambulante Pflegedienste, Tagespflegeeinrichtungen usw.

  • Ehrenamtliche Dienste: ehrenamtlich Helfende, die stundenweise ins Haus kommen oder Betreuung in Betreuungsgruppen leisten.

Was im Familienkreis geklärt werden sollte

Im Kreise der Familie oder auch in einem Beratungsgespräch sollten folgende Fragen geklärt werden:

1) Wer pflegt, wer hilft?

Welche Möglichkeiten und welche Bereitschaft bestehen für die einzelnen Familienmitglieder, den oder die Krankren zu betreuen und zu pflegen? Ist die hochaltrige Ehefrau dazu gesundheitlich in der Lage? Wie viel Zeit haben die Kinder neben ihrer Berufstätigkeit? Wer kann sich um rechtliche und finanzielle Angelegenheiten kümmern? Kann jemand aus der Nachbarschaft gelegentlich unterstützen?

2) Welche Unterstützung von außen ist sinnvoll?

Welche Unterstützungsmöglichkeiten für Kranke und Angehörige wären hilfreich und könnten die Lebensqualität auf beiden Seiten verbessern? Könnten Alltagsfähigkeiten der Kranken durch Ergotherapie erhalten bzw. verbessert werden? Akzeptiert der Erkrankte Mitarbeitende eines ambulanten Dienstes? Ist der Besuch einer Tagespflege sinnvoll und ist die Fahrt dorthin zumutbar? Gibt es einen Transportdienst?

3) Was ist finanziell möglich?

Welche finanziellen Möglichkeiten haben der Kranke und die Familie? Ist es z.B. möglich, eine Haushaltshilfe zu beschäftigen? Besteht Anspruch auf Leistungen der Pflegeversicherung oder der Sozialhilfe?

Betreuung rund um die Uhr

Besonders große Probleme entstehen, wenn Demenzkranke eine Betreuung rund um die Uhr benötigen und Angehörige dies nicht oder nicht allein übernehmen können. Häufig wird eine derart intensive Versorgung nötig, wenn die Erkrankten unter ausgeprägten Ängsten leiden, wenn sie dazu neigen, die Wohnung zu verlassen und deshalb ständige Beaufsichtigung brauchen, oder wenn sie umfangreiche körperliche Pflege benötigen.

Eine Betreuung rund um die Uhr durch ambulante Pflegedienste kann mit den Mitteln der Pflegeversicherung nicht abgedeckt werden. Sie ist nur finanzierbar, wenn die Betroffenen bzw. ihre Familien in der Lage und willens sind, erhebliche eigene Mittel aufzubringen. Dienste, die Pflege rund um die Uhr anbieten, kosten etwa 170€ pro Tag bzw. 5.000€ pro Monat.

Seit einigen Jahren sind in Pflegehaushalten Haushaltshilfen tätig, die zumeist aus Ost- und Südeuropa stammen. Nach aktuellen Schätzungen handelt es sich gegenwärtig um rund 100.000 Personen (Neuhaus u.a. 2009). Die Kosten liegen bei durchschnittlich 1.600€ pro Monat abzüglich etwa 380€ pro Monat für Unterkunft und Verpflegung. Wenn diese offiziell als „Haushaltshilfen“ eingestellten Frauen auch Pflege leisten, arbeiten die meisten von ihnen am Rande der Legalität. In der Regel werden weder die Familien noch die Hilfskräfte durch Fachkräfte angeleitet oder überwacht. Deswegen gibt es keine Garantien für eine gute Betreuung.

Hans-Jürgen Freter und Saskia Weiss
Deutsche Alzheimer Gesellschaft Berlin

Lese- und Internettipps:

  • Deutsche Alzheimer Gesellschaft: Rageber Häusliche Versorgung Demenzkranker.
  • Deutsche Alzheimer Gesellschaft: Ratgeber in rechtlichen und finanziellen Fragen.
  • Verbraucherzentrale Hessen: Hilfe rund um die Uhr – (l)egal durch wen? (Broschüre)
    www.verbraucher.de
    > Gesundheit, Tel. 018 05/97 20 10 (14 Cent pro Minute)
  • Neuhaus, A., Isfort, M., Weidner, F. (2009): Situation und Bedarfe von Familien mit mittel- und osteuropäischen Haushaltshilfen.
    Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e.V., Köln. Online verfügbar unter www.dip.de