Aus: Alzheimer Info 2/19

Auf großes Interesse ist der Workshop des Deutschen Netzwerks für Qualität in der Pflege (DNQP) am 22. März in Hannover gestoßen: Über 500 Teilnehmende informierten sich über die Einführung des Expertenstandards „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ und diskutierten anschließend über die ersten Erfahrungen aus der Praxis. 89 Einrichtungen hatten sich für die Praxisphase beworben, getestet wurde die Einführung des Standards in 29 Einrichtungen. Darunter befanden sich neun Krankenhäuser (Akut-Krankenhäuser und Gerontopsychiatrien), elf stationäre Einrichtungen, vier ambulante Dienste, zwei Tagespflegeeinrichtungen sowie drei Demenz-Wohngemeinschaften.

Erfolgreiche Testphase in 29 Einrichtungen

Die Testphase konnte erfolgreich zeigen, dass der Standard in allen Einrichtungsarten praxistauglich ist. Bei der Umsetzung standen in den beteiligten Einrichtungen diese Fragen im Fokus: Wie kann ich den Menschen mit Demenz verstehen? Wie können wir dem Menschen mit Demenz die Unterstützung geben, die er braucht? Wie können wir sicher sein, dass wir das Richtige tun? Wie kann eine person-zentrierte Haltung bei den Pflegenden und in der Einrichtung gefördert und erhalten werden?

Die Vertreter aller Einrichtungen aus der Testphase berichteten, dass der Standard geholfen habe, die Haltung bei den Pflegenden zu verändern. Selbstreflektion wurde nötig und vielfach haben die Fachkräfte in den Einrichtungen Fallbesprechungen genutzt oder neu eingeführt. Die Entwicklung von Hypothesen zum Verständnis der einzelnen Menschen mit ihren Verhaltensweisen stellte sich dabei als besondere Herausforderung dar. Wichtig waren in jedem Fall biografische Informationen über die Demenzerkrankten sowie die Unterstützung durch die Leitungsebene.

Hürden bei der Einführung des Expertenstandards

Aber auch mögliche Schwierigkeiten bei der Einführung des Expertenstandards wurden im Workshop thematisiert: Vielfach ist der Pflegealltag doch noch sehr von den aus der Pflegeversicherung bekannten Tätigkeiten wie Körperpflege, Ernährung und Mobilität geprägt – Beziehungsgestaltung wird nicht als Kompetenz betrachtet und ist doch so wichtig für eine Pflegesituation. Nicht immer stießen die Schulungen für die Mitarbeitenden auf offene Ohren. Auch der Faktor Zeit, der sich bislang nicht ausreichend in der Vergütung der Pflege wiederfindet, stellt eine Hürde bei der Einführung dar. Bei den Angehörigen kam die Einführung des Standards gut an. Insbesondere in der ambulanten Pflege war es wichtig, die Angehörigen vorab zu informieren und über veränderte Maßnahmen aufzuklären: Zu einem guten Beziehungsaufbau kann es gehören, zunächst eine Tasse Kaffee zu trinken und nicht gleich mit einem fremden Pflegebedürftigen die Körperwäsche zu starten. Nicht immer trifft dies auf Verständnis.

Braucht Beziehungsgestaltung einen Standard?

Insgesamt kann man sich natürlich fragen, ob es überhaupt einen Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung braucht. Ist die Gestaltung von Beziehungen nicht selbstverständlich im menschlichen Miteinander? Leider muss man diese Frage mit nein beantworten, wenn man immer wieder hört, dass Menschen mit Demenz sich den Strukturen anpassen müssen, ihre Bedürfnisse nicht gesehen werden und ihr Verhalten nicht verstanden wird. Deshalb kann ein Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ helfen, der Beziehungsgestaltung die entsprechende Bedeutsamkeit (wieder) zu geben und sie als eigene Kompetenz anzuerkennen.

Wenn dieses pflegewissenschaftliche Instrument hilft, dass Menschen in allen Einrichtungen des Gesundheits- und Pflegewesens mit ihren Eigenarten und Verhaltensweisen individuell verstanden und angenommen werden, dann sollten wir dafür werben, es in möglichst vielen Einrichtungen einzusetzen.

Sabine Jansen
DAlzG