Aus: Alzheimer Info 4/16

Forschungen der letzten Jahre haben zur Entdeckung neuer Ursachen für Demenz geführt, die für einen Teil der Betroffenen Anlass zur Hoffnung geben, da sie behandelbar sind. Besonders bedeutsam sind die Fälle, bei denen das Immunsystem Antikörper gegen die eigenen Hirnzellen produziert.

Normalerweise schützen Antikörper vor Viren und Bakterien, doch unter bestimmten Umständen kann das Immunsystem außer Kontrolle geraten und sich gegen den eigenen Körper richten. Bei diesen Autoimmunkrankheiten zirkulieren zunächst Antikörper im Blut. Wenn diese ins Gehirn gelangen, können einige davon an Oberflächen-Eiweißen der Nervenzellen andocken.

Nach der Bindung blockieren sie die Weiterleitung von elektrischen Signalen über die Synapsen (Nervenzellkontakte) im Gehirn. Die daraus resultierende Störung der Funktion der Nervenzellen führt dann zu den Beschwerden der Betroffenen, von Wesensänderungen über Gedächtnisstörungen bis zu Interessenverlust.

Wenn es jedoch gelingt, diese Ursache frühzeitig zu identifizieren, kann durch eine Entfernung der Antikörper der Prozess gestoppt werden, und die Nervenzellen können sich sogar teilweise wieder erholen. Leider gibt es bisher keine systematischen Studien, aus denen sich eine Häufigkeit dieser Fälle ableiten ließe. Nach vorsichtigen Schätzungen darf man von 1-2 % aller Demenzerkrankungen ausgehen.

Welche allgemeinen Hinweise gibt es, die für eine Beteiligung des Immunsystems an der Demenz sprechen?

Wenn das Immunsystem eine Rolle spielt, verläuft die Demenz meist schneller als bei einer klassischen Alzheimer-Erkrankung, oft auch in Schüben. Bei einigen Patienten kommen ein Zittern oder epileptische Anfälle hinzu. Durch die Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) können Entzündungszellen oder eine starke Vermehrung von Eiweißen festgestellt werden.

Einige Patienten zeigen bei der Untersuchung des Gehirns mittels Magnetresonanztomographie Hinweise für eine Entzündung oder ein ungewöhnliches Muster der Hirnsubstanzminderung. Nicht bei allen Patienten sind solche Auffälligkeiten festzustellen, und der Krankheitsverlauf kann genauso aussehen wie bei Menschen mit einer Alzheimer-Erkrankung oder Frontotemporalen Demenz.

Welche Tests sind erforderlich, um eine Antikörpervermittelte Demenz festzustellen? Gibt es mehrere relevante Antikörper?

Um eine Antikörper-vermittelte Demenz festzustellen, muss Blut (und möglichst auch Nervenwasser) auf das Vorhandensein dieser Antikörper getestet werden. Dazu wird die Probe auf den Hirnschnitt einer Ratte gegeben. Enthält die Probe Antikörper gegen Nervenzellen, dann binden diese an das Hirngewebe und können durch eine Färbereaktion sichtbar gemacht werden. Inzwischen bieten viele Labore in Deutschland entsprechende Testsysteme an.

Mittlerweile sind mehrere Antikörper bekannt, die zu den Symptomen einer Demenz führen können. Besonders gut untersucht ist der Krankheitsmechanismus bei Patienten mit so genannten LGI1-Antikörpern. Durch eine rasch eingeleitete Immuntherapie konnte eine weitgehende Wiederherstellung der Gedächtnisfunktion erreicht werden. Auf LGI1-Antikörper kann mittlerweile jedes größere Kliniklabor testen. Der Test ist eine normale Kassenleistung und ist in Blut und Liquor möglich.

Weitere Antikörper greifen ebenfalls direkt an den Nervenzellen an, dazu gehören Antikörper gegen NMDA-Rezeptoren, wichtige molekulare Schalter für Gedächtnis und Erinnerung. Andere Antikörper wiederum binden an die kleinen Blutgefäße des Gehirns und führen zu einer Verengung der adern, in deren Folge wahrscheinlich nicht mehr genügend Sauerstoff ins Gehirn gelangt.

Vermutlich werden in den nächsten Jahren eine ganze Reihe weiterer Auto-Antikörper entdeckt werden, die Demenzsymptome verursachen oder verstärken können. Ansprechpartner für die Diagnostik von Antikörper-vermittelten Demenzen sind die Gedächtnisambulanzen. Wenn ein Test das Vorliegen von Antikörpern bestätigt, können sich Betroffene an die Ambulanz für autoimmune Hirnentzündungen der Klinik für Neurologie der Charité Berlin wenden.

Welche Behandlung ist möglich?

Um die Antikörper schnell aus dem Körper zu entfernen, eignet sich eine Blutwäsche. Über einen kleinen Katheter in einer Halsvene wird Blut aus dem Körper gezogen und über eine Reinigungs-Säule werden Antikörper entfernt. Anschließend wird das Blut wieder zurück in den Kreislauf gegeben. In manchen Fällen reicht das aber nicht aus, da die Antikörper-produzierenden Zellen schnell wieder für Nachschub sorgen.

Hier kann eine schonende Chemotherapie den Bildungsprozess der Antikörper stoppen. Aufgrund möglicher Nebenwirkungen ist allerdings die Entscheidung für eine Blutwäsche oder eine andere Immuntherapie sorgfältig abzuwägen, da es in seltenen Fällen zu Komplikationen kommen kann.

Kann ich einer durch das Immunsystems vermittelten Demenz vorbeugen?

Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es leider keine Möglichkeit, die Bildung von gegen das Gehirn gerichteten Antikörpern vorherzusehen oder durch Ernährung, Lebensstil oder Verhalten gezielt zu beeinflussen. Wie bei fast allen Autoimmunerkrankungen spielt die Genetik eine zusätzliche Rolle. Es gibt keine Hinweise dafür, dass Impfungen eine zur Demenz führende Autoimmunreaktion auslösen.

Nach heutigem Kenntnisstand sollte man sich daher auch keineswegs einschränken, sondern lediglich allgemeine Hinweise zur gesunden Lebensweise beherzigen, wie ausgewogenes Essen, körperliche Aktivität, Training der geistigen Fähigkeiten und Aufrechterhaltung eines möglichst mehrere Generationen übergreifenden sozialen Netzwerkes.

PD Dr. med. Harald Prüß
Leiter der Ambulanz für Autoimmune Hirnentzündungen der Klinik für Neurologie der Charité sowie der Forschungsgruppe „Autoimmune Enzephalopathien“ am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) Berlin