Aus: Alzheimer Info 1/14

Es ist wie so oft im Leben: Die persönliche Erfahrung mit einer Situation verändert den Blickwinkel meist umfassend. So ist es auch mir ergangen, als meine Mutter vor zehn Jahren im Krankenhaus behandelt werden musste. Der Sturz auf der Rolltreppe im Kaufhaus war medizinisch nicht schwerwiegend, die Folgen des Krankenhausaufenthaltes umso mehr. Die im häuslichen Umfeld gut orientierte alte Dame wurde über Nacht zur verwirrten Patientin: Sie erkannte ihre Angehörigen nicht mehr und war zeitlich wie räumlich desorientiert. So benutzte sie z. B. den zugewiesenen Schrank als Toilette.

Damals wusste man in der Unfallchirurgie nicht so richtig damit umzugehen, und der Hinweis auf ihre Alzheimer-Krankheit, den wir als Angehörige gaben, bewirkte nichts. Wie die Alzheimer-Gesellschaften aus den Schilderungen der Angehörigen wissen, sind solche Situationen auch heute leider immer noch an der Tagesordnung. Aus diesem Grund setzen sich Alzheimer-Gesellschaften vielerorts für Verbesserungen ein. Bei der Behandlung von Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus scheinen die Bedürfnisse der Patienten und die krankenhaus-typischen Abläufe oft nicht miteinander vereinbar zu sein.

Doch dass das nicht so sein muss, macht eine Fülle von Modellprojekten und Aktionen einzelner Kliniken in Deutschland deutlich. Es ist also keineswegs unbekannt, wie die Versorgung von Patienten mit der „Nebendiagnose“ Demenz am besten erfolgen sollte. Im Gegenteil: In der Altenpflege sind in den vergangenen Jahrzehnten wegweisende „nichtmedikamentöse“ Versorgungsansätze entwickelt worden, die großenteils an die Situation im Krankenhaus angepasst werden können: eine besondere Gestaltung der Umgebung, das Einbeziehen der Biografie in das pflegerische Handeln oder das Eingehen auf die Gefühlswelt der Betroffenen. Natürlich ist das nicht immer einfach.

Am Wichtigsten ist eine Umkehr bei den Denkmustern, Haltungen und Strukturen, die für das Krankenhaus typisch sind. So muss erkannt und dokumentiert werden, wenn eine Demenz besteht oder zumindest, falls keine Diagnose gestellt ist, dass die Fähigkeit der Patienten, die Situation richtig einzuschätzen und das eigene Verhalten darauf einzustellen, eingeschränkt ist. Oft bewirken schon kleine Änderungen Wunder, wie z. B. die Einrichtung eines Häkchens in der elektronischen Dokumentation oder das Anlegen eines Patienten-Bändchens, das darauf hinweist, dass hier besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge notwendig sind. Auch wenn wissenschaftliche Studien bisher noch weitgehend fehlen, ist dies doch die Richtung, in der sich Krankenhäuser aus demografischen Gründen entwickeln müssen.

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft hat in einer Arbeitsgruppe viele bekannte und weniger bekannte Ansätze, wie Maßnahmen, die den Tag strukturieren, oder ein gemeinsamer Mittagstisch, zusammengestellt. Diese sind in einer Broschüre enthalten, die im Dezember 2013 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Als besonders wichtig erwies sich dabei die Schulung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Krankenhaus zum Thema Demenz. Denn viele von ihnen besitzen keinerlei Strategien, um unvorhersehbare Probleme mit demenzkranken Patienten zu meistern. Sie müssen daher vor allem in Bezug auf herausfordernde Verhaltensweisen und den richtigen Umgang damit geschult werden.

Die Schwierigkeiten beim Umgang mit den Patienten entstehen im Krankenhaus nicht etwa, weil der Patient die Uhr nicht richtig zeichnen, eben gehörte Worte nicht wiederholen oder keinen vollständigen Satz schreiben kann. Vielmehr sind es das ziellose Herumlaufen, Schreien oder körperliche Attacken gegenüber dem Personal, die eine Belastung darstellen. Diese Verhaltensveränderungen zu erkennen, sie in Entstehung und Ausprägung einzuordnen und vor allem die nicht-medikamentösen Methoden zu kennen, mit denen sie gemildert oder vermieden werden können, ist bei demenzkranken Patienten von größter Bedeutung.

Spezielle Kommunikation, Milieugestaltung, biografisches Wissen, integrative Validation und Tagesstrukturierung – das ist es, worum es geht! Richtig ist, dass dafür im Klinikbetrieb oft wenig bis keine Zeit bleibt. Falsch ist aber zu denken, allein mehr Personal könne solche Schulungen ersetzen. Studien haben bewiesen, dass diese wichtig sind. Aber auch zusätzliche Betreuungskräfte können einen entscheidenden Beitrag leisten.

Eine Forderung ist daher eine ähnliche Lösung wie die „zusätzlichen Betreuungskräfte“, d. h. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Altenheimen, die Demenzkranke nicht pflegen, sondern betreuen. Auch dort wurde erkannt, dass Pflege eben nicht nur Körperpflege bedeutet. Dasselbe gilt auch für das Krankenhaus. Dort sind es zurzeit vor allem ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die diese zuwendende Betreuung leisten. Alleine die „Grünen Damen und Herren“ und die „Katholische Krankenhaushilfe“ stellen bundesweit knapp 15.000 Personen. Sie alle werden immer häufiger auch mit dem Thema Demenz konfrontiert. Es bleibt also zu hoffen, dass aus den Modellen mittelfristig eine Regelversorgung werden wird, zugunsten aller Beteiligten, vor allem aber der Menschen mit Demenz. Ihnen muss ein menschenwürdiger Krankenhausaufenthalt ermöglicht werden!

Dr. Winfried Teschauer
Vorstandsmitglied der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Ingolstadt