Aus: Alzheimer Info 3/16

Die Diagnose „Demenz“ bedeutet nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Angehörigen einen tiefgreifenden Einschnitt. Nicht ohne Grund wird oft von einer „Familienerkrankung“ gesprochen. Pflegende Angehörige sind gravierenden Belastungen ausgesetzt, sowohl zeitlicher, emotionaler, körperlicher als auch finanzieller Natur. In den meisten Fällen liegt die Hauptverantwortung für die Pflege bei einer einzelnen Person, und nicht immer wird die Entscheidung für die Pflege bewusst getroffen, sondern Angehörige „rutschen“ allmählich in die Pflege hinein.

Leider nehmen manche Angehörige keine oder nicht frühzeitig genug Unterstützung an und überschreiten die eigene körperliche und seelische Belastungsgrenze. Studien zeigen, dass etwa 30% der pflegenden Angehörigen an psychosomatischen Krankheitssymptomen leiden, wie Schwindel, Herzrasen, Verdauungsprobleme, Schmerzen und Atemnot. Auch entwickeln Pflegende oft Anzeichen einer Depression wie Stimmungstiefs, Schlafstörungen, Erschöpfung und vermehrtes Grübeln.

Belastung durch alte Konflikte und veränderte Rollen

Stärker belastet sind diejenigen, bei denen alte, ungelöste Konflikte hinzukommen. Bisweilen kommen alte „Schuldscheine“ wieder ans Tageslicht und erschweren die Pflegesituation. Dies können zum Beispiel Ungerechtigkeiten sein, die ein Kind früher durch den Vater oder die Mutter erlebt hat („Liebe und Zuwendung habe ich nie bekommen – bei meinem Vater galt: Nicht geschimpft ist schon gelobt!“). Auch zwischen Ehepartnern existieren mitunter „alte Rechnungen“, die nicht beglichen wurden („Ein Leben lang habe ich meine Bedürfnisse zurückgestellt, damit mein Mann sich beruflich verwirklichen konnte, und jetzt noch dieses!“).

Aber auch wenn die Beziehung zwischen Pflegenden und Erkrankten grundsätzlich positiv war, erfordert die Betreuung große Anpassungsleistungen, besonders wenn die Demenz zu Wesensveränderungen führt. Die (erwachsenen) Kinder müssen erleben, dass das erkrankte Elternteil immer inkompetenter und hilfloser wird. Die Erkrankung macht einen Rollenwechsel erforderlich, der mit Gefühlen von Schmerz und Wehmut, aber auch Groll und Wut einhergehen kann. Ehepartner kommen meist schwer mit Beschuldigungen oder aggressivem Verhalten der Erkrankten zurecht.

Beratungen und Informationen fördern das Verstehen

Meist wird die Betreuung von Angehörigen mit Demenz besser bewältigt, wenn die Pflegeperson(en) die Möglichkeit einer professionellen Beratung in Anspruch nehmen, beispielsweise durch regionale Alzheimer-Gesellschaften oder Fachberatungsstellen für Demenz. Wichtig sind außerdem verständliche Informationen zur Krankheit und zum Umgang mit den Betroffenen, die zum Beispiel in Kursen für Angehörige erworben werden können.

Der Schlüssel für viele Verhaltensweisen demenzkranker Menschen liegt in ihrer Biografie verborgen. So können zum Beispiel Angehörige besser damit umgehen, dass der oder die Betroffene Geld und Nahrungsmittel versteckt, wenn sie wissen, dass dieses Verhalten in Zusammenhang mit Kriegserlebnissen oder Flucht steht.

Angehörigengruppen und Reha-Kliniken bieten Entlastung

Wichtig ist es, eigene Grenzen wahrzunehmen und geeignete Unterstützungsangebote wie Tagespflege oder einen Besuchsdienst anzunehmen. Sehr hilfreich sind auch Angehörigengruppen, denn sie bieten eine Chance sich mit Anderen auszutauschen, die Ähnliches durchmachen. Dies ist für viele eine wichtige Stütze und Begleitung im Laufe der Erkrankung. Wenn es im Kontext der Pflege Konflikte wegen finanzieller Angelegenheiten gibt, kann eine professionelle Mediation helfen.

Inzwischen gibt es außerdem Rehabilitationskliniken, die pflegende Angehörige gemeinsam mit den Betroffenen aufnehmen. Dies ist eine gute Möglichkeit, zu regenerieren und dabei den Erkrankten gut versorgt zu wissen.

Bei allen Anstrengungen und Belastungen des Pflegealltags, bei allen schmerzhaften Gefühlen, die der langsame Abschied durch die Demenz mit sich bringt, können viele Angehörige der Pflege auch etwas Positives abgewinnen. Manche Familien berichten, dass die Krankheit sie hat zusammenrücken lassen. Manchmal ist eine Begegnung auf neuer Ebene möglich, und die Pflegeperson und die Person mit Demenz können gute, lichte und innige Momente miteinander erleben. Oft gebe ich pflegenden Angehörigen ein Sprichwort mit auf den Weg: „Humor und Geduld sind Kamele, die uns durch jede Wüste tragen.“

Dr. phil. Harriet Heier
Praxis für Psychotherapie und Klinische Neuropsychologie
1. Vorsitzende Leben mit Demenz – Alzheimergesellschaft Kreis Minden-Lübbecke