Aus: Alzheimer Info 1/15

Menschen mit Migrationshintergrund werden älter, und damit steigt auch die Zahl derer, die von einer Demenzerkrankung betroffen sind. Sie haben besondere Schwierigkeiten beim Zugang zu Beratung, Diagnose und Behandlung. Dabei spielen Sprache und Kultur eine wichtige Rolle. Demenz kennt keine ethnischen Grenzen.

Die Zunahme an älteren Migranten (damit sind Frauen und Männer gemeint) stellt neue Herausforderungen an die gesundheitliche Versorgung, besonders, wenn es um Demenzkranke geht. In Deutschland leben 16,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, davon sind 1,5 Millionen über 65 Jahre alt. Etwa 108.000 von ihnen sind von einer Demenzerkrankung betroffen. Diese Zahlen werden in den nächsten Jahrzehnten weiter steigen. Die besondere Situation und die speziellen Bedürfnisse von Migranten werden bislang noch nicht angemessen in Forschung und Versorgung berücksichtigt.

Wenn die deutsche Sprache verblasst …

Da bei einer Demenz die Gedächtnisspuren aus den kürzer zurückliegenden Lebensabschnitten rascher verwischen als jene aus Kindheit, Jugend und frühem Erwachsenenalter, verlieren Menschen mit Demenz oft die Erinnerungen an ihr Leben in Deutschland. Die Muttersprache, die im Langzeitgedächtnis gespeichert ist, bleibt dagegen lange erhalten. Selbst wenn berufstätige Migranten gelernt haben, Deutsch zu sprechen, kann diese Fähigkeit als Folge der fortschreitenden Demenz verloren gehen.

Eine pflegende Angehörige berichtet: „Mein Vater hat im Zuge der Erkrankung die deutsche Sprache verloren, obwohl er bisher als Russlanddeutscher ziemlich gut Deutsch konnte. Jetzt spricht er nur noch russisch, und Ärzte und Pflegekräfte können ihn nicht verstehen.“

Ein solcher Verlust der deutschen Sprache bei demenziell erkrankten Migranten führt nicht nur zu Kommunikationsproblemen mit deutschen Ärzten und Pflegepersonal, sondern auch zu mangelhafter Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten sowie zu sozialem Rückzug und Isolation. Auch für die Therapien und Beschäftigungsangebote ist die Sprache wichtig.

Zu späte Diagnose, Fehl- und Unterversorgung

Die sprachlichen Fähigkeiten haben auch einen großen Einfluss auf die Mitwirkung der Betroffenen bei der Diagnosestellung. Für die frühzeitige Demenzdiagnostik bei Menschen mit Migrationshintergrund sind die gängigen Tests oft nicht geeignet, da ihr Ergebnis in hohem Maße von den sprachlichen Fähigkeiten der untersuchten Person abhängt. Ein großer Teil der älteren Menschen aus der Türkei kann weder schreiben noch lesen.

Zur Erfassung kognitiver Beeinträchtigungen bei Menschen mit Migrationshintergrund bedarf es kulturell angepasster Untersuchungsverfahren. Zu den Sprachbarrieren und einem kulturspezifischen Krankheitsverständnis (z. B. von Krankheit als Schicksal oder Strafe) kommen Informationsdefizite über Unterstützungsangebote hinzu.

Die bestehenden Angebote orientieren sich kaum an den spezifischen Gesundheitsvorstellungen, Lebensverhältnissen und Bedürfnissen älterer Migranten. Raumgestaltung, Einsatz von Musik oder Beschäftigungsmaterialien sollten auf die jeweilige Herkunft der Menschen, ihre Erfahrungen aus der Kindheit und Jugend angepasst sein, um einen Zugang zu ihnen zu ermöglichen. Die interkulturelle Öffnung der „normalen“ ambulanten Pflegedienste und Tagespflegeeinrichtungen gewinnt an Bedeutung.

Lösungsansätze

Fehlende kultursensible Versorgungsangebote für Demenzkranke können in Familien mit Migrationshintergrund Hilflosigkeit und Verzweiflung auslösen. Die Angehörigen sind mit der Pflege überfordert. Das Demenz-Servicezentrum für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte stellt sich seit 2007 unter dem Leitgedanken „Du bist nicht allein – Yalnız değilsin – Nie jesteś sam – Ты не одинoк“ dieser Herausforderung. Im Laufe der Zeit wurden in Zusammenarbeit mit vielen Kooperationspartnern, auch mit Alzheimer-Gesellschaften, bedarfsgerechte Unterstützungsangebote für Erkrankte und deren Angehörige entwickelt. Dazu zählen:

  • Kulturell angepasste Materialien wie Broschüren, Filme über das Leben mit Demenz in russisch- und türkischsprachigen Familien, Erinnerungskarten mit Sprichwörtern
  • Muttersprachliche Beratung, Aufklärung und Information über Erkrankung, Diagnose- und Therapiemöglichkeiten und über Beratungs- und Entlastungsangebote
  • Internationaler Austausch mit Fachkräften aus der Türkei und Russland
  • Unterstützung von Gemeinschaften beim Aufbau niedrigschwelliger Betreuungs- und Entlastungsangebote
  • Schulung von interkulturellen Alltags- und Demenzbegleitern
  • Qualifizierung von Multiplikatoren aus Migranten selbst organisationen Vernetzung von Akteuren und regionalen Versorgungsstrukturen
  • Bewegungsangebote für türkische Frauen über 50, gedächtnisfördernde Aktivitäten für Menschen mit und ohne kognitive Einschränkungen.

Das Demenz-Servicezentrum für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte (DSZ) ist Teil der Landesinitiative Demenz-Service NRW und wird vom Ministerium für Emanzipation, Pflege und Alter NRW und den Landesverbänden der Pflegekassen gefördert. Das DSZ ist für das gesamte Land Nordrhein-Westfalen zuständig.

Elena Maevskaya
Demenz-Servicezentrum NRW für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte