Aus: Alzheimer Info 2/17

Demenz und Sexualität

Sexualität gehört zum Leben jedes Menschen, mit oder ohne Demenz. Mit Sexualität sind dabei nicht nur sexuelle Handlungen wie Geschlechtsverkehr oder Selbstbefriedigung gemeint. Es geht um Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeit und Vertrauen. Auch wenn bei Menschen mit Demenz viele Fähigkeiten verloren gehen und sich ihre Persönlichkeit verändert, bleiben sie Frauen und Männer mit unterschiedlichen Prägungen, mit individuellen Lebenswegen und sexuellen Erfahrungen. Menschen mit Demenz fallen oft auf, weil sie sich nicht mehr an den üblichen gesellschaftlichen Regeln orientieren können. Das gilt unter Umständen auch für sexuelles Verhalten: Manche Menschen mit Demenz äußern ihre sexuellen Wünsche sehr direkt, auch gegenüber Personen, die nicht Partnerin oder Partner sind.

Dieses Verhalten hat seine Ursachen in der Schädigung des Gehirns. Das Gehirn ist das Kontrollzentrum für Gefühle und Verhalten, und es „produziert“ sexuelle Fantasien. Wird das Organ durch eine Demenz geschädigt, können die Kontrollmechanismen für sexuelles Verhalten versagen. Dies ist insbesondere bei der Frontotemporalen Demenz (FTD) der Fall. Es kommt bei den Erkrankten häufig zu enthemmten und impulsiven Reaktionen. Die Kenntnis von sozialen Regeln (auch im sexuellen Umgang) geht verloren. FTD-Erkrankte haben kein Bewusstsein darüber, dass sie mit ihrem Verhalten anderen zu nahe treten und ihnen wehtun können.

Wie eine Demenz das sexuelle Verhalten beeinflusst

Demenzkranke Menschen haben frühzeitig Schwierigkeiten, die Aussagen anderer zu erfassen, vor allem, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Daher kann schon der beiläufig dahin gesagte Satz „Zeit fürs Bett!“ völlig falsch aufgefasst werden – nämlich als konkrete Einladung zum Sex. Menschen mit Demenz können sich nicht mehr gut mitteilen und ihre Gefühle ausdrücken. Das führt dazu, dass sie sich entweder sehr direkt äußern oder gar keine Worte finden. Das macht es schwerer, sexuelle Kontakte anzubahnen und zu leben.

So kann es vorkommen, dass sie eine für sie attraktive Person unaufgefordert und unangemessen anfassen. Durch eine Demenz geht die Orientierung in der Zeit verloren. Ein Ton, ein Geruch oder ein Bild kann eine Erinnerung auslösen. Der erkrankte Mensch erlebt diese innere Vergangenheit als gegenwärtig und verwechselt dann vielleicht die junge Pflegerin mit der Ehefrau in jungen Jahren. Menschen mit Demenz finden sich in ihrer Umgebung schlecht zurecht. In der stationären Einrichtung können sie, auf der Suche nach dem eigenen Bett, daher in einem fremden Zimmer oder Bett landen. Sie verlieren die Fähigkeit, zu unterscheiden, was Privatsphäre und was öffentlicher Raum ist. Deshalb kann es passieren, dass sie sich vor den Augen von Angehörigen oder Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern selbst befriedigen.

Herausforderung für Angehörige und Pflegekräfte

Manche Menschen mit Demenz entwickeln ein gesteigertes Interesse an Sex. Wieder andere verlieren im Laufe ihrer Erkrankung das Interesse daran. Beides hat großen Einfluss auf eine Partnerschaft. Die gesunden Partnerinnen und Partner müssen dann mit dem veränderten Verhalten einen Umgang finden. Und ihre eigenen Bedürfnisse haben unter Umständen keinen Raum mehr in der Beziehung. Für erwachsene Kinder ist es oft schwer, sich die eigenen Eltern weiterhin als sexuell aktive Wesen vorzustellen.

Körperliche Pflege bedeutet immer Kontakt mit sehr intimen Bereichen des Körpers. Es kann daher vorkommen, dass Menschen mit Demenz während der Körperpflege ihre sexuelle Erregung zeigen oder eindeutige Angebote machen. Auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Heimen, Wohngemeinschaften und ambulanten Diensten bedeutet die Pflege von Menschen mit Demenz oft eine große Herausforderung. Deren sexuelles Verhalten kann für Irritationen sorgen und den üblichen Ablauf der Pflege sowie den Alltag in einer Einrichtung erheblich stören.

Kein Mensch mit Demenz ist wie der andere. Umso wichtiger ist es, Sexualität nicht zu tabuisieren. Vorwürfe helfen nicht. Kommt es zu einer unangenehmen Situation, sollte man klar und ruhig reagieren und sich bewusst machen, dass das Verhalten meistens krankheitsbedingt ist. Zu wissen, was die oder den Betroffenen gerade antreibt, hilft dabei, eine Lösung zu finden.

Helga Schneider-Schelte
Deutsche Alzheimer Gesellschaft

Literaturhinweis:
profamilia: Sexualität und Demenz. Broschüre für Angehörige und Pflegekräfte, als PDF kostenlos verfügbar unter www.profamilia.de > Publikationen > für Erwachsene