Aus: Alzheimer Info 1/15

Demenzerkrankungen bereits im Frühstadium zu erkennen ist sowohl für die Betroffenen als auch für ihre Angehörigen von Nutzen. Sie haben dann die Möglichkeit, sich frühzeitig mit den Folgen der Demenzerkrankung auseinanderzusetzen, sich über Unterstützungsmöglichkeiten zu informieren, Vorsorgemaßnahmen zu treffen, solange der Betroffene selbst mitentscheiden kann, und geeignete Therapien zu finden. Mit neuropsychologischen Tests und bildgebenden Verfahren ist es heute möglich, Demenzerkrankungen bereits im Stadium geringgradiger Symptome festzustellen.

Besondere Gesundheitsprobleme bei Migranten

Dies gilt natürlich auch für ältere Migranten und insbesondere für diejenigen, die in den Jahren 1955 bis 1973 als „Arbeitsmigranten“ nach Deutschland gekommen sind. Der Gesundheitszustand dieser Bevölkerungsgruppe ist im Vergleich zur übrigen Bevölkerung oft schlechter. Experten zufolge altern Arbeitsmigranten ca. fünf bis zehn Jahre früher und sind häufiger von geriatrischen und chronischen Erkrankungen betroffen als gleichaltrige Deutsche. Die größte Migrantengruppe in Deutschland bilden die etwa 1,9 Millionen Arbeitsmigranten türkischer Herkunft, von denen 10,2 % älter als 60 Jahre sind.

Tests sind meist von Sprachkenntnissen abhängig

Für die Diagnose einer Demenz ist eine Reihe von Untersuchungen notwendig. Dazu gehören die Eigen- und Fremdanamnese, die Untersuchung des gesundheitlichen Zustandes, Labordiagnostik, bildgebende Verfahren und neuropsychologische Testverfahren, die Gedächtnisprobleme erfassen. Zu den in Deutschland häufig eingesetzten psychometrischen Untersuchungsverfahren gehören u. a. der MiniMental Status Test (MMST), der Uhrentest und der DemTect.

Diese Tests sind nicht immer für ältere Migranten geeignet. Gründe hierfür sind unter anderem kulturelle Unterschiede, ein geringes Bildungsniveau und mangelhafte Sprachkenntnisse, die sich infolge einer Demenz weiter verschlechtern können. Viele türkische Arbeitsmigranten können nicht oder nur sehr begrenzt lesen und schreiben. Die meisten neuropsychologischen Testverfahren sind bildungs- und sprachabhängig, so dass sie bei weniger gebildeten Migranten zu falschen Ergebnissen führen können. Eine Person ohne geistige Beeinträchtigung kann dadurch fälschlicherweise eine Demenzdiagnose erhalten.

Inzwischen existieren zwar auch nonverbale und kulturneutrale Untersuchungsverfahren für ältere Migranten, die auf sprachliche Elemente verzichten und mit Bildern arbeiten (z. B. TRAKULA bzw. die Kurzform EASY), doch für eine zuverlässige Demenzdiagnose scheinen auch diese nicht ausreichend zu sein.

Befragung der Angehörigen

Bei Migranten mit guten Deutschkenntnissen und guter Bildung können bestehende Testverfahren oft problemlos eingesetzt werden. Wenn die Deutschkenntnisse für eine Testung nicht ausreichend sind, ist jedoch eine Testung in der Muttersprache mit geschulten Dolmetschern (nach Möglichkeit nicht mit nahen Angehörigen) sinnvoll. In diesem Fall ist eine  Fremdanamnese, d. h. eine Befragung der Familien- und sonstigen nahen Angehörigen von großer Bedeutung.

Informationen über den Alltag der Person mit einer möglichen Demenzerkrankung und über deren Verhaltens- oder psychische Auffälligkeiten können eine Demenzdiagnose unterstützen. Daher ist es wichtig, Angehörige von Migranten über die Demenzerkrankung und über ihre Symptome besonders gut aufzuklären, sodass diese zuverlässige Aussagen zu den Beeinträchtigungen der Person mit Demenzverdacht machen können.

Semra Altınışık,
Gerontologin, M.Sc., Zentrum für Akutgeriatrie und Frührehabilitation, Klinikum Neuperlach München, wissenschaftliche Begleitung und Evaluation von EduKation TÜRKISCH