Aus: Alzheimer Info 2/16

Für die Alzheimer Gesellschaft München (AGM) ist Dr. Dagmar Dörfler ein Glücksfall. Nicht nur, weil die Praxis der Allgemeinärztin im selben Haus liegt wie die Büros der AGM. Sondern vor allem, weil den Kolleginnen und Kollegen mit Dr. Dörfler eine Ärztin zur Seite steht, die viel Verständnis und Empathie für Menschen mit Demenz und deren Angehörige aufbringt.

"Zurzeit habe ich rund 23 Patienten mit Demenz, die ich ärztlich versorge", sagt Dagmar Dörfler. Die Patienten kommen mit "normalen Krankheiten wie Husten, Schnupfen, Heiserkeit". Die Behandlung läuft ab wie bei jedem anderen Patienten. Dazu gehört, dass der Betroffene die Hauptperson ist: "Mir ist ganz wichtig, dass der Patient meinen ersten Augenkontakt, mein erstes 'Grüß Gott' und mein erstes Gespräch bekommt. Der Patient ist mein Ansprechpartner. Der hat einen Kummer, der hat ein Problem." Erst danach folgt das Gespräch mit den Angehörigen.

Natürlich legt Dr. Dörfler auf die Begleitung Angehöriger großen Wert. "Ich bin auf deren Unterstützung und Informationen angewiesen. Bestimmte Fragen brauche ich Demenz-Patienten ab einem gewissen Stadium nicht zu stellen. Entweder können sie keine Antwort geben oder es kommt eine Fehlinformation, was noch gefährlicher ist als gar keine." Zudem muss sie von Angehörigen wissen, wie der Patient sich verhält, wenn er "nicht gerade bei mir ist." Denn in der Praxis kann das Verhalten ganz anders sein als noch kurz zuvor zu Hause.

Wenn Menschen mit Demenz alleine in ihre Praxis kommen, telefoniert Dagmar Dörfler anschließend sehr schnell mit den Angehörigen oder mit dem rechtlichen Betreuer bzw. der Betreuerin: "Die Betreuer decken allerdings mehr die rechtlichen Themen ab. Nach dem Prinzip "Wo ist der Krankenschein? Wo wird jemand eingewiesen?", aber die soziale Betreuung oder gar Zuwendung laufe nicht über die Betreuer.

Schon nach dem ersten Besuch eines Patienten mit Demenz in der Praxis von Dr. Dörfler sondiert die Ärztin anschließend schnell das soziale Umfeld: "Wen haben wir in der Familie? Wer kann mit wem gut? Ich muss wissen, wo Menschen sind, die helfen und unterstützen können. Ich stelle Notfall-Listen auf, und die bekommen dann auch meine Nummer."

Insgesamt erfordert die Betreuung und Behandlung von an Demenz erkrankten Menschen einen hohen zeitlichen Aufwand. "Man muss sich hier als Arzt sehr engagieren, um die Familienstruktur kennenzulernen und die gesamte Situation der oder des Betroffenen zu erfassen." Nicht zu vergessen sind Begleiterkrankungen wie Depressionen bei den erkrankten Menschen, aber auch bei ihren Angehörigen. "Es gibt so viele Dinge, die an dieser Krankheit dranhängen. Die Diagnose selbst ist da im Grunde nur ein Prozent, die Folgen in ihrer ganzen Bandbreite machen 99 Prozent aus“, so Dr. Dörfler. Abrechnen kann die Allgemeinärztin die Behandlung von Menschen mit Demenz über verschiedene Ziffern des ärztlichen Leistungskatalogs, "aber ich muss mir überlegen, was mir diese Ziffer im Jahr zusätzlich bringt." Oft stehe der zeitliche Aufwand für die Behandlung in keinem Verhältnis zu dem Ertrag. "Ohne Idealismus geht das nicht. Aber über Geld denke ich hier eh nicht nach."

Bianca Broda, Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft München, wünscht sich mehr Ärztinnen und Ärzte wie Dr. Dagmar Dörfler, die sich für Patienten mit Demenz engagieren: "Ärzte und Arzthelfer sind eine Drehscheibe und ein wichtiger Partner im sozialen System." Sie wünscht sich auch Sprechstundenhilfen, die nicht nur mit der Begleitperson sprechen, sobald sie erfahren, dass ein Patient Alzheimer hat. "Die Patienten möchten direkt angesprochen werden." Deshalb hofft Bianca Broda künftig auf einen offenen Austausch mit mehr Arztpraxen und ein besseres Hand-in-Hand-arbeiten - "Davon würden beide Seiten profitieren."

Christiane Schoeller
Alzheimer Gesellschaft München e. V.