Aus: Alzheimer Info 1/07

Entdeckungen der Molekulargenetik und die Möglichkeiten neuer Gewebefärbungen erweitern zunehmend unser Wissen über neurodegenerative Gehirnerkrankungen über die Alzheimer-Krankheit hinaus. Beispiele dafür sind die Demenz durch Mutationen im Gen für das Valosin enthaltende Protein oder die praktisch nur nach dem Tode zu diagnostizierende Krankheit NIFID (Neuronal Intermediate Filament Inclusion Disease). Beide zählen zur Krankheitsgruppe des "Pick-Komplexes".

Unter dieser Bezeichnung werden Hirndegenerationen zusammengefasst, die für bis zu 20 % aller Demenzzustände verantwortlich sind. Nur bei einem kleinen Teil der Patienten sind Pick-Körperchen innerhalb von Nervenzellen nachweisbar. In diesen Fällen spricht man von der Pickschen Krankheit. Diese Krankheitsprozesse werden auch "frontotemporale Lobärdegeneration" (FTLD) genannt, da besonders Stirn- und Schläfenlappen von einem zunehmenden Nervenzelluntergang betroffen sind. Deswegen ähneln sich auch die klinischen Erscheinungen bei den Patienten.

Im Gegensatz zur Alzheimer-Krankheit, bei der die Nervenzellausfälle vor allem im Hippokampus und im Scheitellappen zu finden sind, stehen beim Pick-Komplex Persönlichkeitsveränderungen und Sprachstörungen im Vordergrund. Gedächtnis und Orientierung im Raum sind weniger betroffen. Bei einem Teil dieser Fälle sind schon seit längerem Mutationen im Tau-Gen bekannt. Die Neuentdeckung des Jahres 2006 sind Veränderungen im Gen für Progranulin, deren Bedeutung bisher aber völlig unklar ist.

Eine weitere aktuelle Entdeckung betrifft ein bisher unbekanntes Protein, das in der feingeweblichen Untersuchung den Hauptbestandteil der krankmachenden Ablagerungen darstellt. Auch über die Funktion dieses Eiweißkörpers (TDP-43) ist bisher erst wenig bekannt. Eine allgemein anerkannte Einteilung der frontotemporalen Lobärdegenerationen konnte bisher nicht erreicht werden, da es keine klare Deckung der klinischen Befunde, der Molekulargenetik, der Neuropathologie und der bildgebenden Verfahren gibt. Neben den Störungen der höheren Hirnleistungen mit Veränderungen von Persönlichkeit und Sprache können auch Bewegungsstörungen auftreten, etwa bei der "kortikobasalen Degeneration", die leicht mit einer Parkinson-Krankheit verwechselt werden kann.

Als "frontotemporale Demenz", "progrediente nicht-flüssige Aphasie" und "semantische Demenz" werden die drei klinischen Varianten bezeichnet, über die derzeit die beste Übereinstimmung existiert. Bildgebende Verfahren sind in der Lage, die charakteristischen Schwerpunkte der Veränderungen zu zeigen. Gelegentlich kann die Abgrenzung von einer Alzheimer-Demenz schwierig sein, außer bei familiären Fällen (etwa die Hälfte der Patienten) mit nachgewiesenen Mutationen. Risikofaktoren sind gegenwärtig nicht bekannt.

Zur Früherkennung ist man auf die klinische Befunderhebung angewiesen, psychometrische "Frontalhirn-Verfahren" müssen weiter verbessert werden. Eine Heilung der meist im Alter von 40-60 Jahren schleichend beginnenden Erkrankungen ist bisher leider nicht möglich. Der knapp 10-jährige Verlauf bedeutet bei fehlender Krankheitseinsicht eine erhebliche Belastung für das soziale Umfeld aufgrund der oft schweren Störungen im Verhalten. Die Erkennung dieser Krankheitsgruppe und ihre Abgrenzung von anderen Demenz-Formen hat eine große Bedeutung hinsichtlich der Beratung der Betroffenen und ihrer Angehörigen.

Prof. Dr. Adrian Danek
Ludwig- Maximilians-Universität München