Aus: Alzheimer Info 1/07

In der Abteilung Gerontopsychiatrie der Rheinischen Kliniken Köln, Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, werden Angehörige, vor allem die pflegenden Angehörigen von Demenzkranken, zur Teilnahme an der Chefvisite eingeladen. Mit Angehörigen sind nicht nur die unmittelbaren Familienmitglieder gemeint, sondern auch Lebenspartner, Freunde, Nachbarn, rechtliche Betreuer, Pflegepersonen, ehrenamtliche Helfer. Zu dieser Visite wird mit folgenden Worten eingeladen:

"Sehr geehrte Angehörige, einmal pro Woche, mittwochs von 10.00 Uhr bis 13.00 Uhr wollen wir mit Ihnen zusammen eine große Patientenvisite machen. Wir erwarten uns davon

  • für den Patienten eine bessere Behandlung,
  • mit Ihnen eine bessere Zusammenarbeit,
  • für uns mehr Anregungen und Hinweise.

Wir laden Sie zu der Teilnahme an dieser Visite herzlich ein."

An dieser Visite nehmen regelmäßig der Chefarzt, die Stationsärzte, Pflegekräfte, Mitarbeiter des Sozialdiensts, und teilweise auch Ergotherapeuten teil. Die Angehörigenvisite läuft strukturiert in vier Schritten ab, wobei die Gesprächsführung anfangs bei den Ärzten liegt. Zu Beginn steht der Patient im Mittelpunkt des Gespräches. Er wird nach seinem aktuellen Befinden befragt. Dann kann Biographisches zur Sprache kommen. Auch den schwer dementen Patienten wird geduldig zugehört.

Danach bringen die Angehörigen ihre Anliegen zur Sprache. Das Behandlerteam interessiert sich vor allem dafür, ob die Beobachtungen der Angehörigen auf der Station den zu Hause gemachten ähneln oder ob die Angehörigen Unterschiede bemerken und welche Erklärungen sie dafür haben. Im dritten Schritt geben die Mitarbeiter des Behandlungsteams ihre Eindrücke wieder. Dabei gilt den Patienten und ihren Bezugspersonen unsere Anerkennung und Wertschätzung, denn die Angehörigen kennen die Patienten, ihre Verhaltensweisen und Bedürfnisse besser als wir. Wenn es unterschiedliche Einschätzungen gibt, versuchen wir im Gespräch mit den Angehörigen die Gründe dafür herauszufinden. Abschließend wird die aktuelle Situation zusammengefasst.

Die nächsten Schritte und die Ziele der Behandlung werden erörtert. Stehen die Befindlichkeit des Patienten und das weitere Vorgehen bei der Therapie im Einklang mit der weiteren Versorgung in der häuslichen Umgebung? Mögliche Veränderungen des Lebensrahmens werden besprochen und die zu Hause zu erwartenden Schwierigkeiten werden vorwegnehmend erörtert. Mehrere Jahre der Erfahrung haben gezeigt, dass die gemeinsame Visite von Angehörigen außerordentlich häufig, oft regelmäßig Woche für Woche, in Anspruch genommen wird.

Durchschnittlich nehmen die Angehörigen von der Hälfte der Patienten daran teil. Die Visite eines einzelnen familiären Systems dauert 10 bis 30 Minuten. Seit der Einführung dieser neuen Visitenform ist eine völlig neue Art des Zusammenwirkens mit den Angehörigen zu beobachten. Die Einbeziehung der Angehörigenvisite belebt den therapeutischen Prozess und eröffnet immer wieder neue Perspektiven. Auch haben die Angehörigen nicht mehr das Gefühl, den Ärzten hinterherlaufen zu müssen oder von verschiedenen Berufsgruppen unterschiedlich informiert zu werden.

Die Skepsis der Angehörigen gegenüber einer psychiatrischen Institution ist einem großen Engagement gewichen, mit dem sie die Patienten wie auch die multiprofessionellen Behandler unterstützen. Insgesamt hat diese Form der Visite allen Beteiligten wechselseitig mehr Wertschätzung, Anerkennung und Entlastung gebracht sowie mehr ressourcenorientierte Veränderungsprozesse ermöglicht.

Dr. Johannes Johannsen
Rheinische Kliniken Köln