Aus: Alzheimer Info 4/10

Der Verlust der Verbalsprache als Verständigungsmittel stellt für demenziell erkrankte Betroffene, ihre Angehörigen wie auch im Pflegeprozess selbst einen gravierenden Einschnitt dar. Wie werden Wünsche, Gefühle und Wohlbefinden oder auch Schmerz vermittelt, wenn die gewohnte Sprache verloren geht? Als ein viel versprechender Zugang zu Menschen mit erheblich gestörten Fähigkeiten zur Kommunikation hat sich die Musiktherapie erwiesen. Dass demenziell erkrankte Menschen bis ins Stadium der Schwerstdemenz mit Musik erreicht werden können, ist bekannt.

Trotzdem wurde bisher nur selten versucht, mit Demenzkranken im schwersten Stadium mittels Musik in einen Dialog zu treten. In einer Pflegeoase und auf dem Wohnbereich im Seniorenzentrum Pur Vital in Garching an der Alz wird dieser Zugang jetzt im Rahmen der Milieutherapie eröffnet. Bewohner mit fortgeschrittener Demenz, die nicht mehr in der Lage sind zu sprechen, selbstständig zu gehen, zu essen oder sonstige Verrichtungen auszuführen, sollen in die Lage versetzt werden, in Alltagssituationen selbst regulierend eingreifen zu können. Dieses Projekt wurde über neun Monate wissenschaftlich beobachtend begleitet und wird weiter fortgesetzt.

Mittels individuell musikalisch ausgerichteter Ansprache über Gesang, Rhythmusinstrumente, Saiten- und Blasinstrumente, Stabspiele und weitere Klangspiele wird eine Kommunikationsebene, eine Brücke zu dem Bewohner hergestellt. Zu Beginn der musikalischen Anregung setzten die Bewohnerinnen dabei nur sehr eingeschränkt Mittel zur Steuerung des Geschehens ein. Bereits nach wenigen Monaten aber erhöhte sich das Repertoire an Zeichen, die je nach Lage, Melodie und Rhythmus eingesetzt wurden, so dass schließlich eine systematische Dialogform entstand.

So konnten zustimmende Reaktionen anhand von nonverbalen Zeichen verschiedenster Art beobachtetet werden: In der Mimik zeigt sich Zustimmung durch lachen, Augenbrauen heben, nicken. Das Gesicht entspannt sich, die Zunge wird bewegt, der Mund öffnet und schließt sich, der Speichelfluss wird angeregt. Die Augen öffnen sich, das Instrument oder die Musiktherapeutin werden mit Blicken verfolgt. Die Körperhaltung ändert sich, Arme und Hände öffnen sich, es wird versucht, nach Händen zu fassen. Verschiedene Lautäußerungen lassen sich beobachten, vom Grummeln bis hin zu Gesangsversuchen. Über das Anfassen des Klangkörpers wird der Tastsinn einbezogen. Bei Abwehr oder Ablehnung kehren sich diese Reaktionen um.

Wenn mehrere Personen zusammen sitzen, verstärken sich diese Effekte. So wird die individuelle Kommunikation zu einem Gruppenerlebnis. Allerdings müssen die feinsten und kleinsten Regungen wahrgenommen werden, um sich in die Menschen hineinzuspüren und ihnen so ein kleines Stück Autonomie zu schaffen.

Jürgen Dettbarn-Reggentin und Heike Reggentin
Institut für sozialpolitische und gerontologische Studien Berlin (www.isgos.de)
Doris Eder
Seniorenpark Alztal Garching a.d.A.