Aus: Alzheimer Info 1/19

Veränderungen im Ess- und Trinkverhalten von Menschen mit Demenz stellen Angehörige und andere Pflegende immer wieder vor Herausforderungen. Die fortschreitenden Veränderungen im Gehirn führen bei den Erkrankten zu ganz unterschiedlichen Störungen und Einschränkungen, die auch Auswirkungen auf das Ess- und Trinkverhalten haben. Die verschiedenen Symptome einer Demenz verursachen dabei jeweils unterschiedliche Probleme bei der Nahrungsaufnahme, denen mit unterschiedlichen Strategien begegnet werden kann.

Gedächtnisstörungen treten einerseits als Merkfähigkeitsstörungen auf, das heißt der oder die Betroffene weiß nicht mehr, ob und was gegessen wurde oder wann die letzte Mahlzeit war. Andererseits führen Gedächtnisstörungen dazu, Dinge zu vergessen, die man einmal wusste, zum Beispiel wie Speisen zubereitet werden.

Zeitliche Desorientierung lässt Demenzkranke wie in einem „zeitlichen Vakuum“ leben: Sie können nicht mehr nachvollziehen, ob sie bereits gegessen haben und welche Mahlzeit als nächstes folgt. Für Gesunde gehört dies in der Regel zur Strukturierung des Tagesablaufs.

Aufgrund von Koordinationsstörungen wird die Zubereitung einer Mahlzeit zu komplex, Erkrankte sind damit überfordert. Auch Bewegungsabläufe können immer weniger koordiniert werden. Bei fortgeschrittener Koordinationsstörung geht sogar die Fähigkeit verloren, mit Besteck zu essen. Wie komplex diese Tätigkeit ist, kann man ermessen, wenn man überlegt, wie lange ein Kind braucht, sie zu erlernen. Auch eine Flasche kann nicht mehr geöffnet, das Glas nicht mehr entsprechend gebraucht werden. Erkennungsstörungen, eventuell verbunden mit einer eingeschränkten Sehfähigkeit, können dazu führen, dass Essen nicht mehr erkannt wird: Ein klassisches Beispiel dafür ist die Zitronentorte auf weißem Teller mit weißer Tischdecke oder Spargel mit heller Soße und Kartoffeln – diese Kombinationen haben wenige Kontraste und können möglicherweise gar nicht mehr wahrgenommen werden. Andererseits kann es bei Tellern mit Muster passieren, dass Demenzkranke versuchen, das Muster vom Teller zu essen. Die Veränderungen im Gehirn können auch zu geschmacklichen Verkennungen führen (etwas scheint plötzlich faulig zu schmecken, obwohl es völlig in Ordnung ist), und die Betroffenen weigern sich deshalb, es zu essen.

Sprachstörungen führen zunehmend zu Verständigungsschwierigkeiten. Ein Demenzkranker kann nicht mehr mitteilen, dass er Hunger hat oder worauf. Umgekehrt geht mit fortschreitender Erkrankung das Sprachverständnis verloren, sodass Menschen mit Demenz nicht mehr verstehen, worum es eigentlich geht.

Auch das Abstraktionsvermögen geht mit der Zeit verloren, also die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, auf die „Metaebene“ zu gehen: Das unangenehme Gefühl im Bauch (Hunger) wird nicht mit notwendiger Nahrungsaufnahme in Verbindung gebracht und macht vielleicht ganz unruhig oder sogar aggressiv. Zusätzlich werden Zukunftsbotschaften („Nachher gibt es Kaffee!“) nicht verstanden. Sogenannte Kontextstörungen führen dazu, dass die Erkrankten eine Essenssituation nicht erkennen, wenn sie für sie nicht ganz eindeutig gestaltet ist. Das kann dazu führen, dass nicht gegessen wird, wenn jemand das Bett hüten muss und im Bett essen soll. Ähnliche Schwierigkeiten können auftreten, wenn das Essen abgedeckt auf einem Tablett oder eingeschweißt in einer Aluverpackung serviert wird. Ebenso können Verpackungen nicht zugeordnet werden, Demenzerkrankte orientieren sich an den Abbildungen. Das kann gefährlich werden, wenn zum Beispiel das Spülmittel für Limonade gehalten wird.

Aufgrund der Schwierigkeiten, die eigenen Körpersignale zu verstehen, fällt es Menschen mit Demenz schwer, ein Sättigungs- oder Hungergefühl wahrzunehmen und richtig zu deuten. Bei fortgeschrittener Demenz kommt es häufig zu Schluckstörungen, die die Nahrungsaufnahme extrem erschweren können.

Zusätzlich treten zunehmend Konzentrationsstörungen auf, die Betroffenen sind leicht ablenkbar und können nicht mehr lange bei einer Sache bleiben. Es kommt zur Überforderung, wenn neben der Mahlzeit noch weitere Dinge auf dem Tisch stehen (der Nachtisch, zwei Getränke oder Dinge, die gar nichts mit dem Essen zu tun haben). Auch Musik oder Tischgespräche können ablenkend sein.

Während des Essens werden Menschen mit Demenz mit ihren schwindenden Fähigkeiten konfrontiert – das führt zu Stress, Angst und Peinlichkeit und drückt sich möglicherweise in Stimmungsschwankungen aus. Im frühen Stadium wird eventuell noch besonders viel Wert auf Etikette und korrektes Verhalten gelegt – manchmal gelingt dies den Demenzkranken nicht mehr selbst, sie regen sich aber über das Fehlverhalten bei anderen auf. Das führt vor allem in Einrichtungen beim gemeinsamen Einnehmen der Mahlzeiten zu viel Unruhe im Speiseraum. Unruhe ist ein häufiges Begleitsymptom von Demenzerkrankungen. Das kann so weit gehen, dass jemand nicht mehr am Tisch sitzen bleiben kann, sondern ständig laufen muss, was natürlich dazu führt, dass der Kalorienbedarf stark erhöht ist (bis zu 4000 kcal/Tag).

Möglicherweise kommt es auch zu Veränderungen im Stoffwechsel, die einen erhöhten Kalorienverbrauch bewirken. Dabei spielt auch der Faktor Stress eine Rolle: Ständig zu merken „das kann ich nicht“ und von einer peinlichen Situation in die andere zu geraten, zu merken „ich verliere den Verstand und kann nichts dagegen tun“, bedeutet Stress pur und bewirkt ebenfalls einen erhöhten Kalorienverbrauch.

Das veränderte Verhalten ist einerseits Symptom der Erkrankung, andererseits auch Ausdruck der Bewältigungsstrategien der Erkrankten. Sie versuchen, irgendwie mit den auftretenden Defiziten zurechtzukommen. Angehörige und Pflegende von Menschen mit einer Demenz benötigen viel Geduld und Einfühlungsvermögen und immer wieder kreative Ideen, um Probleme zu lösen, die im Zusammenhang mit dem Essen und Trinken auftreten.

Anke Kröhnert-Nachtigall
Krankenschwester, Heilpraktikerin, Trainerin für Integrative Validation nach Richard®
Mitautorin des Buchs „Torte geht immer – Handbuch Ernährung bei Demenz“, Vincentz-Verlag