Aus: Alzheimer Info 4/08

Auf der Fachtagung der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung (DED) vom 25. bis 26.9.2007 hielten Margret Schleede-Gebert (Hamburg) und Christel Schulz (Bochum) ein Impulsreferat zum Thema Sondenernährung. Sie stellten Argumente für und gegen die Ernährung mit einer Magensonde bzw. Perkutane Endoskopische Gastroenterostomie (PEG) gegenüber.

Ein sachliches Gespräch über das Legen einer Sonde ist oft sehr schwierig, da das Thema stark emotionalisiert ist. Angehörigen wird häufig suggeriert, sie müssten jetzt und hier über Leben und Tod entscheiden. Wenig informiert und reflektiert lehnen Angehörige, emotional aufgebracht und im Zwiespalt, die PEG ab. Viele wissen nicht, dass die gleichzeitige orale Gabe von Nahrung nicht nur möglich, sondern, zwecks Speichelbildung, sogar erforderlich ist. Pflegekräfte, die sich für das Legen einer PEG aussprechen, laufen Gefahr, in den Ruf zu kommen, sich nur Arbeit sparen zu wollen oder ein würdevolles Sterben zu verhindern bzw. einen quälenden Zustand künstlich zu erhalten. Dabei ist inzwischen wissenschaftlich widerlegt, dass die PEG zu einer Verlängerung des Lebens führt (Murphy 2003).

Angehörige sind oft allein und unsicher, wenn es um die Entscheidung für oder gegen eine PEG geht. Oftmals werden sie von Ärzten unter Druck gesetzt, meist mit dem Argument: "Sie wollen Ihre Mutter doch nicht verhungern und verdursten lassen." Für klärende Gespräche gibt es angeblich keine Zeit. Zweifellos gibt es Angehörige, die das Lebensende nicht akzeptieren wollen oder können, die immer wieder den Einsatz von Antibiotika verlangen, oft den Notarzt rufen oder die Anlage einer PEG vom Arzt verlangen. Auch sie sind verzweifelt und hilflos, ihnen fehlt das Wissen über die Entwicklung einer fortschreitenden Demenzerkrankung. Die von älteren Menschen vielfach geäußerte Aussage, man möchte "nicht von Geräten und Schläuchen abhängig sein", führt bei Angehörigen oft zur kategorischen Ablehnung der PEG. Im Folgenden werden Argumente pro und contra PEG gegenübergestellt.

Argumente für die Ernährung mit einer PEG

  • Wenn das Essen nur noch eine Quälerei ist, immer wieder Hustenreiz bei einem völlig geschwächten Menschen auslöst, wenn Schlucken schwer fällt und Pflegekräfte und Angehörige in ihrer Verzweiflung zu "Tricks" greifen, die nicht immer angemessen sind, kann die Ernährung mit einer Magensonde (PEG) eine Lösung darstellen.
  • Die PEG wird im Vergleich zu den Alternativen als wenig störend empfunden; der Genuss beim Essen ist nicht ausgeschlossen. Das Legen der Sonde geht schnell und meist problemlos. Sie kann jederzeit gezogen werden. Angehörige können sie problemlos bedienen.
  • Die Entscheidung gegen eine PEG kann zu Schwäche, Sturzgefährdung, Immobilität, Bettlägerigkeit mit den bekannten Gefährdungen führen.
  • Das Legen einer PEG entspannt oft höchst dramatische Situationen, erhält Gesundheit und Mobilität, entlastet Angehörige und Pflegekräfte, bringt einen entspannten Umgang mit dem Kranken und sollte hilfsbedürftigen Menschen nicht vorenthalten werden.
  • Mögliche Alternativen zur PEG sind mit Problemen verbunden:
    Subkutan (als Infusion unter die Haut) kann nur Flüssigkeit gegeben werden. Dies ist oft mit Schmerzen verbunden. Bei intravenöser Zufuhr muss ein Zugang gelegt werden, was schmerzhaft ist. Wegen der Infektionsgefahr sollte stets ein Arzt in der Nähe sein.
    Bei einer Nasensonde besteht die Gefahr von Dekubitus (Druckstellen) an der Nase, Atemprobleme können auftreten. Die Nasensonde wird als sehr störend empfunden, sie schränkt die Bewegungsfreiheit ein und entstellt.

Argumente gegen die Ernährung mit einer PEG

  • Das Anlegen der PEG ist kein leichter Eingriff. Es besteht Aspirationsgefahr (Einatmen von Speisepartikeln in die Lunge) durch Erbrechen und Aufstoßen.
  • Unverträglichkeit, Übelkeit, Durchfall, Verstopfung können auftreten.
  • Infektionen an der Einstichstelle und Bauchfellentzündungen sind nicht selten.
  • PEGs sind häufig mit Hospitalisierung verbunden, da Fixierungen notwendig sind, weil sonst der Zugang rausgerissen wird. Durch die erzwungene Bettlägerigkeit können Dekubitus (Druckstellen), Inkontinenz und Einschränkung der Mobilität entstehen.
  • Im Falle der Sondenernährung gehen Riechen und Schmecken als sinnliche Erfahrungen verloren.
  • Trotz einer PEG bleibt ein vorhandenes Untergewicht oft bestehen.
  • Durch die PEG wird die menschliche Zuwendung überflüssig, die Pumpe ersetzt das Personal und spart Kosten.
  • Zuviel Flüssigkeit und Nahrung verhindern im Sterbeprozess die Ausschüttung von Endorphinen, die Schmerzfreiheit und Euphorie auslösen können.
  • Eine PEG wird fast nie wieder entfernt, obwohl das von den Ärzten anfangs in Aussicht gestellt wird. Dies wird vielmehr als aktive Sterbehilfe abgelehnt.

Fazit

Wenn wir die Argumente für und gegen das Anlegen einer PEG gegeneinander abwägen, kommen wir zu folgendem Schluss: Das Anlegen einer PEG muss

  • immer individuell diskutiert und entschieden werden,
  • medizinisch indiziert sein,
  • mit allen Beteiligten beraten werden.

Margret Schleede-Gebert
Hamburg

Christel Schulz
Alzheimer Gesellschaft Bochum