Aus: Alzheimer Info 03/2001

Im Brennpunkt

Ethik und Alzheimer-Krankheit

Kein Thema beherrschte in den letzten Monaten die öffentliche Diskussion so sehr wie die Frage der Bioethik. Warum die Deutsche Alzheimer Gesellschaft der Bioethik­Konvention kritisch gegenüber steht, erklärt Vorstandsmitglied Horst Laade aus Karlsruhe.

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) hat das Übereinkommen über Menschenrechte und Biomedizin des Europarats vom 4. April 1997 (Bioethik-Konvention) in der derzeitigen Fassung abgelehnt. Der Grund: Sie hält fremdnützige Forschung an nicht einwilligungsfähigen Menschen für Unrecht. Denn es gibt keine ethische Rechtfertigung, Menschen mit Demenz einer Therapie- oder Forschungsmaßnahme zu unterwerfen, die dem Kranken nicht unmittelbar nützt und die von Dritten veranlasst wird.

Als die DAlzG die Stellungnahme 1999 formulierte, war die Ausweitung der ethischen Diskussion auf neue Forschungsfelder noch nicht abzusehen. Gemeint sind hier zum Beispiel die Präimplantationsdiagnostik (PID), das therapeutische Klonen und die Embryonenforschung. Kontrovers diskutiert werden muss, ob der rechtlich zulässige Import von embryonalen Stammzellen ethisch vertretbar ist bzw. nicht sogar verboten werden sollte. Nach Auffassung der DAlzG müssen in den Diskurs auch ethische Probleme wie die Sedierung und Fixierung von Kranken, das Legen von Magensonden oder künstliche Ernährung einbezogen werden. Die DAlzG hat eine Arbeitsgruppe aus Experten und Angehörigen beauftragt, eine ethische Antwort auf diese Fragen zu finden, von denen hier nur einige Aspekte beleuchtet werden können.

Der Begriff ?Ethik? hat Hochkonjunktur und läuft Gefahr, zur bloßen Worthülse zu verkommen. Viele Gruppen, ob in Forschung, Medizin oder Recht, ob in Politik oder im sozialen Bereich angesiedelt, hantieren mit diesem Begriff ? oftmals willkürlich und stark interessenbezogen. Eine fundamentale, übergeordnete Ethikdiskussion, die einen verbindlichen Grundkonsens zum Ziel hat, wird jedoch nicht geführt.

Der ständige Appell an die Menschenwürde ist zwar richtig, hilft aber dem um Entscheidung ringenden Menschen (Arzt, Forscher, Betreuer, Angehöriger usw.) wenig. Der Konsens innerhalb einer Interessengruppe mit ihrem eigenen ethischen Kanon ersetzt dann oft die persönliche Reflexion über das richtige Handeln. Die Gesellschaft muss sich eine verbindliche ethische Grundposition mit Handlungsanweisungen erarbeiten, wie im konkreten Fall verfahren werden kann - unabhängig von Interessen der Wirtschaft, der Berufsgruppe oder des Standes.

Der ethische Wert von Handlungen in Therapie und Forschung muss - über die Beachtung des Menschenbildes in Art. 1 des Grundgesetzes hinaus - daran gemessen werden, ob die Folgen einer Handlung bedacht worden sind.
Was also bedeutet die verantwortungsethische Position bezogen auf die Demenz und die oben genannten Themen? Die Zulassung der fremdnützigen Forschung in Art. 17 der Bioethik-Konvention hätte abgelehnt werden müssen: nicht nur wegen der Verwendung unklarer Begriffe, sondern auch wegen nebulös formulierter Forschungsziele. Denn phantasievoll und wortreich werden die Ziele vor allem dann beschrieben, wenn es um aktuelle Forschungsfelder geht. Forschung mit embryonalen Stammzellen soll (irgendwann?) die Therapie demenzieller Erkrankungen ermöglichen; "Alzheimer" soll wie andere chronische Krankheiten auch (irgendwann?) geheilt werden. Man dürfe sich, heißt es, dieser segensreichen Entwicklung nicht verschließen. Sicherlich beinhaltet die Freiheit der Forschung auch die Option, Krankheiten Schritt für Schritt zu erforschen und irgendwann zu heilen.

Werden damit allerdings Hoffnungen geweckt, deren Realisierung in weiter Ferne steht, zieht dies ein verantwortungsethisches ?Nein? nach sich. Wenn gefährliche Entwicklungen - wie die PID - gefördert werden, muss als Ergebnis des ethischen Diskurses ebenfalls ein klares "Nein" folgen. Die verantwortungsethische Grenzziehung heißt dann "bis hierhin und nicht weiter", oder sie fordert das Verbot per Gesetz. Schließlich - und dies ist das Hauptmanko der aktuell vorpreschenden Forschung - kann ein Therapieziel erst formuliert werden, wenn man die Ursache einer Erkrankung kennt. Das aber ist bei der Alzheimer-Krankheit bisher nicht der Fall. Therapiegesicherte Heilungschancen sind auch langfristig nicht in Sicht. Wäre es also nicht angebrachter, sich vorrangig auf die Ursachenforschung zu konzentrieren, um dann wirkungsvolle Therapien zu entwickeln?

Auch das therapeutisch ausgerichtete Klonen muss in diesem Zusammenhang hinterfragt werden. Egal ob embryonale oder adulte Stammzellenforschung: ohne Kenntnis der Ursache von Demenz kann man nicht in den Schädel des Kranken ein Loch bohren, Gehirnzellen ersetzen, stimulieren oder gar Funktionen übertragen ­ dies alles bildlich gesprochen und wohl wissend, dass die Methoden des Zu- und Eingriffs technisch weit fortgeschritten und verfeinert sein werden. Kann der Kranke einer Maßnahme mit experimentellem Charakter nicht mehr zustimmen, sollte sie zum Schutze des Patienten verboten werden. Aber auch der zustimmungsfähige Patient muss mit klaren rechtlichen Regelungen geschützt werden. Ergebnisse der Stammzellenforschung dürfen nur dann angewendet werden, wenn die Ursache der Erkrankung zweifelsfrei und lückenlos bekannt ist. Erst dann kann die Therapie ein Höchstmaß an Sicherheit und Heilung gewährleisten.

Bioethik­Lexikon

Präimplantationsdiagnostik (PID): Untersuchung an Embryonen außerhalb des Mutterleibs, die der Erkennung von genetischen Erkrankungen oder Anlagen des Embryos dient, bevor dieser in die Gebärmutter der Frau übertragen wird.

Embryonenforschung: Humane embryonale Stammzellen werden bei der künstlichen Befruchtung aus übrig gebliebenen Embryonen gewonnen. Dies ist nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz verboten, nicht aber der Import dieser Stammzellen.

Adulte Stammzellen: Sie werden aus humanen Körperteilen, zum Beispiel aus dem Rückenmark oder der Leber, gewonnen und vermehrt, d.h. geklont, und (so hofft man) ohne Abstoßungsrisiko implantiert.

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