Aus: Alzheimer Info 3/06

Die Tochter einer demenzkranken Mutter ruft an:
"Meine Mutter lebt im Heim. Weil sie schon ein paar Mal nachts aus dem Bett gefallen ist, wird das Bettgitter hochgezogen. Doch meine Mutter akzeptiert dies nicht - sie rüttelt daran und schreit. Es kommt sogar vor, dass sie versucht, sich über das Gitter zu ziehen. Ich bin gesetzliche Betreuerin meiner Mutter. Nun werde ich vom Heim unter Druck gesetzt, einer Fixierung zuzustimmen, um der Gefahr vorzubeugen, dass sie sich einen Bruch zuzieht. Meine Mutter war immer sehr mobil, und die Vorstellung, dass ich zustimme, dass sie nachts angegurtet wird, macht mir Probleme. Gibt es denn andere Möglichkeiten?"

Eine andere Angehörige ist verzweifelt:
"Ich glaube, meine Schwiegermutter ist nicht im richtigen Heim. Sie ist schon ein paar Mal weggelaufen, aber das Heim unternimmt nichts. Wenn ich sie schon nicht selbst betreuen kann, möchte ich doch sicher sein können, dass ihr nichts passiert!"

Ein Spannungsfeld, das keine einfache Antwort zulässt

Die Zahl der Fixierungen in Heimen ist nach wie vor erschreckend hoch. 20 - 30 % der Bewohner werden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt (Bettgitter, Stecktische u.a.). Ferner werden 5 - 10 % der Heimbewohner mit einem Gurt fixiert (Untersuchungen von Klie und Becker).

Die häufigsten Gründe für eine Fixierung sind: Vermeidung von Stürzen sowie Verhaltensauffälligkeiten wie motorische Unruhe und Weglaufgefährdung. Demenzkranke sind von Fixierungen zu einem hohen Prozentsatz betroffen. Angehörige fühlen sich von Heimen unter Druck gesetzt, die ihrerseits Regressansprüche der Krankenkassen vermeiden wollen. Das Personal fühlt sich mit der dünnen Personaldecke überfordert. Richter sprechen die Genehmigung zur Fixierung meist nach Aktenlage aus und "vertrauen" auf die fachliche Begründung des Personals - ein Spannungsfeld, das keine einfache Antwort zulässt.

Was zum Schutz des Betroffenen dienen sollte, ist jedoch häufig mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden: So kann es zu Quetschungen, Nervenverletzungen, Blutergüssen, Strangulation und Herztod aufgrund von Stress kommen. Mehrere Untersuchungen zeigen zudem, dass körpernahe Fixierungen die Gefahr von Stürzen mittelfristig eher erhöhen - aufgrund des zunehmenden Muskelabbaus durch die Bewegungseinschränkung.

Fixierungen sind freiheitsentziehende Maßnahmen und für die Betroffenen oftmals schwere Eingriffe in das Recht auf Bewegungsfreiheit. Welcher Weg kann gegangen werden, um dem Kranken möglichst umfassenden Schutz zu gewähren und doch seinem Bedürfnis nach Mobilität so lange und umfassend wie möglich nachzukommen?

Alternativen zur Gurtfixierung

Vor einer Entscheidung zur Gurtfixierung sollten andere Maßnahmen erprobt werden:

  • Für manche Bewohner kann "bodennahe Pflege" (bekannt als Bodenpflege oder Pflegenest) die richtige Lösung sein. Wenn dies nicht auf Akzeptanz stößt, kann auch auf Betten, die relativ bodennah sind (Höhe 19 cm), zurückgegriffen werden. Spezielle Pflegetechniken erlauben trotzdem ein rückenschonendes Pflegen.
  • Gute Erfahrung gibt es mit Sensormatten, die "melden", wenn Bewohner aufstehen oder beabsichtigen, dies zu tun. Diese Matten können auch einen Sturz "abfedern".
  • Die neueren Modelle der Hüftprotektoren haben weiche hufeisenförmige Einlagen und sind erprobt als Schutz gegen Oberschenkelhalsfrakturen.
  • Geschlossene Bettgitter lösen häufig Gefühle von Eingesperrtsein aus. Geteilte Bettgitter, die den Ausstieg ermöglichen, werden meist eher angenommen.

Abwägen zwischen Sicherheit und Mobilität

Sicherheit ist ein starkes Bedürfnis. Pflegekräfte und Angehörige sollten sich möglichst frühzeitig darüber verständigen, welche Maßnahmen ergriffen werden, um Bewegung so lange wie möglich zu erhalten (z.B. durch sichere Laufwege, Rundwege, begleitete Spaziergänge, durch Türen, die als solche nicht sofort zu erkennen sind). Das Abwägen zwischen Sicherheit und Mobilität ist schwierig. Lösungen können nur individuell gefunden werden. Fixierungen lassen sich durch Ausschöpfen anderer Alternativen häufig vermeiden, doch nicht immer verhindern.

Wenn die Entscheidung für eine Fixierung fällt, muss beachtet werden:

  • Fixierungen müssen ärztlich angeordnet sein.
  • Sie unterliegen der Überprüfung durch das Vormundschaftsgericht.
  • Sie dürfen in der Regel nur zeitlich befristet angewendet werden.
  • Mitarbeiter müssen in der richtigen Anwendung von Fixierungen geschult sein.

Helga Schneider-Schelte
Deutsche Alzheimer Gesellschaft Berlin