Aus: Alzheimer Info 3/02

Bei der Alzheimer-Krankheit ereignet sich ein Nervenzelluntergang in ganz bestimmten Abschnitten der Hirnrinde, vor allem im Schläfen- und Scheitellappen. Von dieser Topographie des Krankheitsprozesses hängen die Symptome ab, die man beobachten oder mit Tests messen kann. Der Nervenzelluntergang äußert sich vor allem in einer verringerten geistigen Leistungsfähigkeit. Diese aber zieht nachvollziehbare psychologische Reaktionen der Betroffenen nach sich. Darüber hinaus kann sich die Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit in einer herabgesetzten Bewältigung von gewöhnlichen Alltagsaufgaben auswirken.

Die frühen Anzeichen der Alzheimer-Krankheit bestehen somit in:

  • (1) einer Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit,
  • (2) psychologischen Reaktionen auf diese Veränderungen,
  • (3) einer herabgesetzten Fähigkeit zur Bewältigung von Alltagsaufgaben.

1. Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit

Die ersten Einschränkungen betreffen das Lernen von neuen Informationen. Im Vergleich dazu bleiben lange zuvor gespeicherte Erinnerungen (das "Altgedächtnis") abrufbar. Im täglichen Leben äußern sich die Gedächtnisstörungen als "Vergesslichkeit" (Vergessen von Gesprächsinhalten, Zeitungsmeldungen oder Fernsehsendungen, Wiederholen von Fragen). Zusätzlich können Störungen der Wortfindung auftreten (Suchen nach Wörtern, Steckenbleiben mitten im Satz, Gebrauch von Umschreibungen), oder auch Probleme mit der Orientierung zur Zeit (Verwechslung von Wochentagen oder Tageszeit) oder zum Ort (vor allem in unvertrauter Umgebung, z. B. im Hotel).

  • Zunehmende Vergesslichkeit
  • Mehrfach wiederholte Fragen
  • Wortfindungsschwierigkeiten
  • Verwechseln von Wochentagen oder Tageszeit
  • Schwierigkeiten mit der Orientierung in unvertrauter Umgebung

2. Psychologische Reaktionen

Die Patienten nehmen ihre verminderte Leistungsfähigkeit wahr und reagieren darauf auf unterschiedliche Weise. Dazu gehört beispielsweise das Verwenden von Notizen und anderen Erinnerungshilfen. Ein Zeitlang gelingt es ihnen, mit solchen Hilfsmitteln die Alltagsleistung aufrecht zu erhalten; allmählich jedoch können sie auch mit ihren Notizen nichts mehr anfangen. Viele Patienten versuchen, ihre Defizite sowohl vor Angehörigen, Freunden und vor dem Hausarzt so lange wie möglich zu verheimlichen. Viele erfinden Ausreden für Fehlleistungen, versuchen anspruchsvollen Tätigkeiten aus dem Weg zu gehen und Bloßstellungen zu vermeiden. Beispielsweise kommt es oft vor, dass sich Patienten mit Wortfindungsstörungen weniger an Gesprächen beteiligen. Meist nimmt das Aktivitätsniveau ab. Ob darin nur ein Selbstschutzmechanismus zum Ausdruck kommt oder auch eine krankheitsbedingte Antriebsminderung, lässt sich oft nicht auseinander halten.

  • Vermehrte Verwendung von Notizen
  • Erfinden von Ausreden für Fehlleistungen
  • Verminderte Beteiligung an Gesprächen
  • Rückgang des Aktivitätsniveaus

3. Nachlassende Fähigkeit zur Bewältigung von Alltagsaufgaben

Die Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit machen sich zuerst bei gewohnten anspruchsvollen Aufgaben bemerkbar (erhöhter Zeitaufwand und vermehrte Fehler z.B. beim Organisieren einer Einladung für eine größere Zahl von Personen, beim Ausfüllen der Steuererklärung, beim Gestalten des Schulunterrichts oder beim Planen und Durchführen einer geschäftlichen Sitzung). Einfache Alltagstätigkeiten (Ankleiden, Einkaufen, Benutzen von Verkehrsmitteln usw.) sind zunächst nicht beeinträchtigt. Aus diesem Grund bleiben die lebenspraktischen Folgen einer beginnenden Demenz unbemerkt, wenn die Patienten keine anspruchsvollen Tätigkeiten ausführen (z.B. weil sie umfassend durch Angehörige oder im Heim versorgt werden oder wegen körperlicher Krankheiten oder Behinderungen).

  • Verminderte Leistungsfähigkeit bei gewohnten anspruchsvollen Aufgaben
  • Erhöhter Zeitbedarf und/oder mehr Fehler
  • Einfache Alltagstätigkeiten zunächst nicht auffällig eingeschränkt

Warnzeichen sind keine Diagnose

Wenn eine oder mehrere der genannten Verhaltensänderungen auftreten, bedeutet das natürlich nicht, dass eine Alzheimer-Krankheit vorliegt. Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit und Minderungen der Alltagsbewältigung können viele andere Ursachen haben, wie z.B. Depression, bestimmte Medikamente, Schilddrüsenunterfunktion oder Durchblutungsstörungen des Gehirns. Einige dieser Ursachen sind behandelbar, wenige sogar völlig behebbar. Deswegen sollte das Vorliegen der genannten Verhaltensänderungen Anlass für eine gründliche Untersuchung sein. Die Scheu vor einer solchen Untersuchung ist verständlich, weil sich dabei unter Umständen Anhaltspunkte dafür ergeben, dass tatsächlich eine Alzheimer-Krankheit vorliegt. Dieser Sorge ist entgegenzuhalten, dass für die Alzheimer-Krankheit Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, die das Fortschreiten der Symptome hinauszögern und damit die Lebensqualität der Patienten aufrecht erhalten können.

Prof. Dr. Alexander Kurz
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München
PD. Dr. Andreas Monsch
Memory Clinic Basel