Aus: Alzheimer Info 3/19

Mediation kann dabei helfen, auch in schweren Zeiten Familie zu bleiben

„Früher haben wir uns so gut verstanden. Wir waren eine große Familie. Wir haben uns gegenseitig geholfen und über alles geredet. Seit ich mich um die Eltern kümmere – Mutter ist dement – sind alle so kritisch geworden. Egal, was ich mache, sie sehen es nicht und nörgeln nur noch. Hilfe bekomme ich gar nicht mehr. So hab‘ ich mir das nicht vorgestellt, als ich die Aufgabe übernommen habe. Wo ist meine Großfamilie geblieben?“

Pflege wird von nicht Pflegenden unterschätzt

Jährlich erkranken über 300.000 Menschen neu an Demenz. Der Großteil wird von der eigenen Familie versorgt – meist von Familienmitgliedern, die vor Ort sind. Die Übernahme von verschiedenen Aufgaben erfolgt fließend, vielfach findet keine Abstimmung unter den Angehörigen statt, sondern stilles (vermeintliches) Einvernehmen. Die zeitliche und emotionale Belastung des Pflegenden nimmt ab diesem Moment zu, wird aber oft von den nicht pflegenden Familienmitgliedern unterschätzt: „So schlimm ist das doch nicht.“ „Wirkt doch alles ganz normal!“ Geben Familien dann auf, miteinander zu reden, finden keine unbeschwerten Familientreffen mehr statt, die Menschen leben sich auseinander und wichtige Aufgaben bleiben auf der Strecke – zum Beispiel die Organisation von Pflege und die Verteilung der Aufgaben auf mehrere Schultern. Helfen und selber gesund zu bleiben, wird für die Pflegenden schwierig.

Familienmediation bringt Familien wieder an den Tisch

Familienmediation ist eine bewährte „Streitbeilegungsmethode“. In der klassischen Mediation sitzen alle Beteiligten in einer Familienkonferenz am Tisch, eine Mediatorin oder ein Mediator strukturiert Streit und Gespräch. Gemeinsam wird überlegt, welche wichtigen Themen zu klären sind, was jedem auf dem Herzen liegt und welche Lösung für alle akzeptabel wäre. So gefundene Einigungen werden gut von allen getragen und umgesetzt. Aber wie bringt man alle an einen Tisch, wenn keiner mehr mit dem anderen reden oder Kontakt haben will?

Die Shuttle-Mediation als Alternative zur Familienkonferenz

Shuttle- oder auch Pendelmediation kann hier die Lösung sein. Zu keiner Zeit müssen die Familien an einen gemeinsamen Tisch kommen oder sich sehen. Mediatorin oder Mediator pendeln als „Shuttle“ bzw. Boten zwischen den Beteiligten hin und her. Sie führen Einzelgespräche mit allen Familienmitgliedern, um die Situation zu klären und die jeweiligen Botschaften und Bedürfnisse – vom Absender abgesegnet und auf Poster notiert – zu den anderen zu tragen und zu erläutern. Das entschärft die Lage und gibt allen Zeit, über eigene Bedürfnisse nachzudenken, sich in die Lage der anderen zu versetzen und Lösungsvorschläge zu machen.

„In der Mediation ist es wichtig, dass alle zu Wort kommen und jeder seine Sicht der Dinge schildern darf, ohne vom anderen unterbrochen zu werden. Die Perspektive des anderen kennenzulernen, ist ebenso bedeutend. Besonders in der Shuttle-Mediation hören Menschen manchmal das erste Mal, wie es den anderen emotional geht. Ziel ist, dass am Ende alle gemeinsam eine Lösung aus dem Konflikt suchen und sich einigen, wie sie mit der Situation umgehen. Sie sitzen dabei nur nicht an einem Tisch“, so Stephanie Sedlmayer-Weßling, Mediatorin der Alzheimer Gesellschaft Kelheim. „Durch die Shuttle-Mediation werden Aufgaben geregelt, über die lange nicht gesprochen wurde. Das sorgt für Entlastung und bringt die Familien manchmal auch wieder einander näher.“

Auf den ersten Blick erscheint der Weg der Mediation mühselig, die Selbstüberwindung, emotionale und zeitliche Kosten sind hoch. Besonders bei der Shuttle-Mediation fehlt auch das verbindende Erlebnis, körperlich gemeinsam an einem Tisch zu arbeiten, durch schwierige Gefühlslagen zu gehen und Freude über eine Einigung zu empfinden. Shuttle-Mediation kann für Familien aber eine Chance sein, verhärtete Fronten aufzuweichen. Mediation generell kann ein wertvoller Beitrag sein, in einer Familie zu vermitteln und sie wieder zu einem größeren Ganzen wachsen zu lassen.

Das Mediations-Angebot ist Teil des vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege geförderten Pilotprojektes „Helfen und selber gesund bleiben!“. Es unterstützt Angehörige von Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Demenzerkrankung.

Alzheimer Gesellschaft für den Landkreis Kelheim e.V.