Aus: Alzheimer Info 3/2010

 

Früherkennung der Alzheimer-Krankheit – wann, wie, wofür?

Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Erkrankung, die zu einer Beeinträchtigung des Alltags auf Grund von Gedächtniseinschränkungen führt. Es kommt dabei vor allem im Schläfenlappen des Gehirns zu einem Untergang von Nervenzellen, der bereits Jahrzehnte vor dem ersten Auftreten von Symptomen beginnt. Während sich im ersten Drittel der Erkrankung noch keine Symptome zeigen, folgt ein zunächst geringfügiger, später fortschreitender Gedächtnisabbau, bis in den letzten acht bis zehn Jahren das klinische Bild entsteht, das in der Medizin als Demenz bezeichnet wird. Das Auftreten klinischer Symptome wird durch zusätzliche Schädigungen des Gehirns, beispielsweise durch Schlaganfälle oder Gefäßschädigungen bei zu hohem Blutdruck, begünstigt.

Früherkennung – wann?

Unter Früherkennung von Alzheimer versteht man das Bemühen, den Krankheitsprozess – unabhängig vom Alter der Betroffenen – in einem Stadium seiner langjährigen Entwicklung zu entdecken, in dem noch keine oder nur geringfügige Symptome aufgetreten sind.

Früherkennung – wie?

Die Früherkennung im symptomfreien Stadium setzt Methoden voraus, mit denen die Krankheit unabhängig von Symptomen mit hoher Sicherheit vorhergesagt werden kann. Einen hierfür geeigneten Test stellt gegenwärtig nur der Nachweis von Veränderungen des Erbguts (Mutationen) dar, die für die Entstehung der äußerst seltenen vererbten Alzheimer-Krankheit verantwortlich sind. Die erbliche Variante der Krankheit tritt in der Regel vor dem 60. Lebensjahr auf und macht weniger als 1 % aller Alzheimerfälle aus. In der Praxis kann diese Form der Früherkennung bei gesunden Angehörigen eingesetzt werden, wenn bei erkrankten Familienmitgliedern das Vorhandensein von Mutationen nachgewiesen wurde. Voraussetzung für einen solchen Gentest ist neben einer ausführliche Aufklärung und Beratung, dass die zu testende Person mindestens 18 Jahre alt ist. Die Genauigkeit, mit der eine spätere Erkrankung vorhergesagt werden kann, liegt nahezu bei 100 %.

Die Früherkennung im Stadium geringfügiger Symptome vollzieht sich in zwei Schritten. Im ersten Schritt erfolgt der Nachweis einer für Alzheimer charakteristischen Beeinträchtigung des episodischen Gedächtnisses (Lernen und Abrufen von neuen Informationen), die auf eine Schädigung des Schläfenlappens hinweist. Hierfür werden neuropsychologische Tests verwendet.

In einem zweiten Schritt versucht man mit unterschiedlichen Verfahren den Untergang von Nervenzellen nachzuweisen. Eines dieser Verfahren ist die strukturelle Bildgebung des Gehirns z. B. mittels Kernspintomographie (MRT), mit der eine typische, im Bereich der Schläfenlappen auftretende Schrumpfung der Hirnrinde nachgewiesen werden kann.

Besser geeignet für die Früherkennung ist die funktionelle Bildgebung, bei der mit speziellen Verfahren, wie z. B. der Positronen-Emissions- Tomographie (PET), die Stoffwechselaktivität des Gehirns gemessen werden kann. Findet man bei dieser Untersuchung einen verminderten Stoffwechsel in den typischerweise betroffenen Hirnarealen, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Vorhandensein einer Alzheimer-Krankheit ausgegangen werden.

Auch die biochemische Untersuchung des Nervenwassers auf bestimmte Eiweißstoffe ist eine geeignete Form der Früherkennung. Werden bei der Eiweißanalyse erhöhte Werte für phosphoryliertes Tau und zu niedrige Werte für Beta Amyloid nachgewiesen, ist dies typisch für eine Alzheimer-Erkrankung. Durch die Kombination hochempfindlicher Gedächtnistests mit PET- oder Nervenwasseruntersuchungen kann die Früherkennung eine Vorhersagegenauigkeit von über 90 % erreichen. Da diese Verfahren zum Teil sehr aufwändig und kostenintensiv sind, werden sie meist nur in spezialisierten Zentren durchgeführt.

Früherkennung – wofür?

In der Medizin dient die Früherkennung dem Zweck, eine Krankheit zu einem Zeitpunkt festzustellen und zu heilen oder zumindest ein weiteres Fortschreiten zu verhindern, zu dem noch keine oder nur eine sehr geringe Schädigung für den Patienten eingetreten ist. Eine Heilung der Alzheimer-Krankheit ist gegenwärtig nicht möglich. Auch das Fortschreiten von geringgradigen Symptomen zu einer Demenz lässt sich mit den uns zur Verfügung stehenden Medikamenten nicht hinauszögern oder verhindern. Es gibt Hinweise dafür, dass das Eintreten von Demenz und Pflegebedürftigkeit durch eine nichtmedikamentöse Behandlung bestehend aus körperlicher Betätigung und geistiger Aktivität hinausgezögert werden könnte. Dies ist jedoch nicht bewiesen und muss noch genauer untersucht werden. Ist unter diesen Voraussetzungen eine Früherkennung bei Alzheimer überhaupt sinnvoll? Überwiegen mögliche Vorteile die seelische Belastung, die mit dem Wissen verbunden ist, in der Zukunft an einer unheilbaren Krankheit zu leiden, seinen Beruf nicht mehr ausüben zu können und pflegebedürftig zu werden?

Aus unserer Sicht überwiegen die Gründe, die für eine Früherkennung der Alzheimer-Krankheit sprechen. Durch Früherkennungsmaßnahmen lassen sich gut behandelbare Ursachen von Gedächtnisproblemen wie beispielsweise Depressionen frühzeitig erkennen und anschließend behandeln. Durch eine frühe Diagnose wird Betroffenen auch die Möglichkeit gegeben, die Zeit, in der sie noch keine oder nur wenige Symptome haben zu nutzen, um sich Lebensträume zu erfüllen und sich Zeit für das zu nehmen, was ihnen wichtig ist.

Außerdem sind Betroffene jetzt noch in der Lage, z. B. mittels Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung, Vorkehrungen zu treffen für die Zeit, in der sie nicht mehr im Stande sein wer­den, selbst Entscheidungen zu treffen und über ihre weitere Behandlung und Betreuung zu bestimmen. Aus diesem Grund sollte auch mit den Angehörigen darüber gesprochen werden, welche medizinischen Maßnahmen man später wünscht, ob man z. B. künstlich ernährt oder im Falle eines Herz-Kreislaufstillstands wiederbelebt werden möchte. Auch die zukünftige Versorgung sollte frühzeitig geplant werden. Möchte man möglichst lange zu Hause leben, ist zu überlegen, woher man wenn nötig Hilfe z. B. im Haushalt oder bei der Pflege beziehen kann. Für den Fall, dass eine stationäre Pflege notwendig werden sollte, sollte man sich möglichst früh geeignete Einrichtungen anschauen und sich rechtzeitig auf Wartelisten in den bevorzugten Pflegeeinrichtungen aufnehmen lassen. Ansonsten ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass kurzfristig in keiner der favorisierten Einrichtungen ein Platz frei sein wird. All dies und noch mehr sollte nun geklärt werden.

Darüber hinaus ist es wichtig zu versuchen, die noch vorhandene Leistungskraft des Gehirns möglichst lange zu erhalten. Dies kann durch eine regelmäßige Forderung des Gehirns und durch eine Behandlung von Risikofaktoren für Krankheiten, die eine weitere Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit verursachen können, geschehen. Als Beispiele wären hier Bluthochdruck und Diabetes mellitus zu nennen. Dafür ist eine ausgewogene Ernährung, körperliche Betätigung und falls erforderlich auch eine medikamentöse Therapie notwendig. Auch der Alkoholkonsum sollte möglichst eingeschränkt werden. Für Patienten mit der erblichen, oft in der ersten Lebenshälfte auftretenden Form der Krankheit können zusätzlich auch Berufswahl und Karriereplanung sowie Familienplanung und Versorgung der Familie wichtige Argumente für eine möglichst frühe Diagnose darstellen.

Entscheiden sich Patienten oder Angehörige für eine Früherkennung, ist es wichtig, ihnen im Falle einer Alzheimerdiagnose ein umfassendes Unterstützungsangebot anzubieten. Außer einer hochwertigen medizinischen Versorgung sind die Patienten besonders auf Hilfe bei nichtmedizinischen Fragen, wie beispielsweise der Erstellung einer Vorsorgevollmacht, Beantragung einer Pflegestufe, Suche nach Betreuungsmöglichkeiten und Ähnlichem angewiesen. Abschließend muss nochmals betont werden, dass, auch wenn wir sie für sinnvoll halten, die Früherkennung die individuelle Entscheidung jedes einzelnen Patienten ist und nur auf dessen Wunsch und nach ausführlicher Aufklärung und Beratung stattfinden sollte.

Dr. Marion Ortner, Prof. Dr. Alexander Kurz
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München