Aus: Alzheimer Info 02/2005

Aus der Praxis des Alzheimer-Telefons

Gedächtnistraining für Menschen mit demenziellen Erkrankungen

Häufig werden wir am Alzheimer-Telefon nach Möglichkeiten des Gedächtnistrainings befragt. Genauer gesagt, welche Form des Gedächtnistrainings die richtige sei, um die Leistungsfähigkeit Demenzkranker möglichst lange zu erhalten. Einige Angehörige fragen, ob es hilfreich sei, z. B. aus einer Zeitung vorzulesen und anschließend nach den Inhalten aus dem Bereich der Politik, Weltgeschehen usw. zu fragen. Oder ob das Medium Fernsehen zum Gedächtnistraining genutzt werden könne. Diese Formen des Gedächtnistrainings sind aber für Demenzkranke leider nicht gut geeignet. Denn die Möglichkeit sich etwas zu merken, also Gedächtnis aufzubauen und es zu verbessern, ist durch die Krankheit zu stark eingeschränkt bzw. weitgehend verloren gegangen.

Unsere Tipps dazu:
Je nach Fortschreiten der Erkrankung kann das Kurzzeitgedächtnis bereits so stark beeinträchtigt sein, dass sich Ihr Angehöriger die aktuellen Geschehnisse nicht mehr einprägen kann. Das Fragen kann dann Druck bedeuten und die Fragen nicht beantworten zu können, führt leicht zu Enttäuschung und Frustration. Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Übungen den Betroffenen Spaß machen und dass sie Erfolgserlebnisse haben. Deshalb ist es unterstützender, wenn die Erinnerungen aktivieren werden, die im Langzeitgedächtnis abgelegt sind - außerdem stärkt es das Selbstwertgefühl des Angehörigen.

 

  • Wie wir heute wissen, sind Erinnerungen im Gehirn stark mit Sinneswahrnehmungen verknüpft. Z. B. kann ein bestimmter Geruch ganz spontan die Erinnerung an eine Begebenheit aus der Kindheit wachrufen, die schon lange verschüttet war. Sprechen Sie deshalb bei der Beschäftigung mit dem/der Kranken die verschiedenen Sinneskanäle an, das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten und Fühlen. Auf diese Weise können viele Anreize gegeben werden, die Erlebnisse aus dem Langzeitgedächtnis wieder hervorrufen.

 

 

  • Das Fotoalbum Ihrer Familie bietet sich an, mit Ihrem Angehörigen gemeinsam über Vergangenes zu sprechen und viele Ereignisse nachzuempfinden. Gestalten Sie das Album um, indem Sie unter die Fotos erklärende Texte schreiben, die Sie Ihrem Angehörigen vorlesen. So sieht er zum einem das Bild, hört eine Erläuterung und kann mit eigenen Erinnerungen das Geschehnis ergänzen. Ihr Angehöriger wird sich die Unterhaltung wahrscheinlich nicht mehr einprägen können, so dass Sie mit ihm gemeinsam das Fotoalbum immer wieder ansehen können.
  • Sprichwörter und Redewendungen wie z. B. Morgenstund' hat ..., auf Biegen und ..., Müßiggang ist aller ..., früh übt sich, ...... usw. sind seit der Kindheit bekannt und im Langzeitgedächtnis abgespeichert. Bitten Sie Ihren Angehörigen, die fehlenden Worte zu ergänzen. Durch die Sprichwörter können Erinnerungen an bestimmte Episoden wach gerufen werden (z. B. die Mutter, die immer schon vor dem Hahn aufgestanden ist...). Oder bei "Dick und Doof" erinnert sich Ihr Angehöriger vielleicht an die Filme aus den vierziger Jahren.

Auch Gedichte und Liedertexte, die in der Schule auswendig gelernt wurden, sind oft noch erstaunlich gut im Gedächtnis gespeichert. Nicht selten sind Demenzkranke hier ihren Kindern und Enkeln sogar weit voraus. Wenn Sie mit Ihrem Angehörigen Gedächtnisübungen durchführen wollen, sollten Sie folgende Regeln beachten, die auch allgemein für die Kommunikation mit Demenzkranken gelten:

  1. Nehmen Sie Blickkontakt auf.
  2. Sprechen Sie laut und deutlich. Benutzen Sie einfache und kurze Sätze.
  3. Achten Sie auf die Reaktionen Ihres Angehörigen. Am Gesichtsausdruck können Sie vielleicht erkennen, ob Sie verstanden wurden.
  4. Vermeiden Sie Fragen, die mit "warum" oder "weshalb" beginnen, stellen Sie Fragen mit "was", "wo" oder "wie".
  5. Warten Sie mit Geduld auf eine Reaktion, haken Sie nicht gleich nach.
  6. Geben Sie den aufkommenden Erinnerungen und Themen Raum. Es geht nicht um das Abarbeiten eines Programms ("heute fünf Sprichwörter"), sondern um das Aktivieren des Gehirns und des Gedächtnisses.
  7. Vorhandenes Wissen und Fähigkeiten sollten im Vordergrund stehen. Damit stärken Sie das Selbstwertgefühl Ihres Angehörigen und schaffen Erfolgserlebnisse.
  8. Konfrontieren Sie Ihren Angehörigen nicht mit seinen Defiziten. Das ist für ihn in der Regel schmerzlich und kränkend.
  9. Körperkontakt, über die Hand streicheln oder in den Arm nehmen, kann sehr hilfreich sein, wenn Ihr Angehöriger unsicher oder traurig ist.

Heike Müller-Schulz, Berlin

 

Literaturtipps:

 

  • Joppig, Wolfgang: Praxisreihe Altenpflege, Gedächtnistraining mit dementen Menschen. Bildungsverlag EINS 2004, ISBN 3-427-66100-8, 7,90 €

 

 

  • Powell, Jennie: Hilfen zur Kommunikation bei Demenz. Kuratorium Deutsche Altershilfe, KDA 2002, 100 S., 9,80 ?

 

 

  • Schmidt-Hackenberg, Ute: Anschauen und Erzählen. Vincentz-Verlag 2004, 48,00 €, 36 Bildkarten mit Erläuterungen und Begleitheft, Gedankenspaziergänge mit demenziell erkrankten Menschen. Das Bildmaterial und die Texte bieten eine gute Möglichkeit jahreszeitlich einen Spaziergang in die Vergangenheit anzutreten.

 

 

  • Schmidt-Hackenberg, Ute: Zuhören und Verstehen. Warum man im Januar Brezel aß und im Juli nicht zur Ruhe kam?. Vincentz-Verlag 2003, 210 S., 24,80 €. Hier findet man eine Sammlung von Lebenserfahrungen und -erinnerungen alter Menschen, die sie selber erlebt haben, zum Beispiel die Bedeutung der verschiedenen Fest- und Feiertage. Die Buchinhalte ermöglichen das Einfühlen in die Lebensumstände alter Menschen. Es bietet viele Anregungen zur Biographie-, Gedächtnis- und Erinnerungsarbeit.
  • Bundesverband für Gedächtnistraining: Ganzheitliches Gedächtnistraining, Anregungen für die geistige Aktivierung von Gruppen mit demenziell veränderten Menschen, Band 1. Verlag Susanne Gassen Reiskirchen 2002, 58 S., 18,00 ? www.bv-gedaechtnistraining.de

Spieletipps:

 

  • Damals, ein Memory mit großen Karten aus festem Karton und mit Motiven von 1900 bis 1950 zum Anregen von Erinnerung und Kommunikation. Wehrfritz GmbH, August-Grosch-Straße 28-38, 96476 Bad Rodach, ca. 30,00 ? www.wehrfritz.de

 

 

  • Fotokiste zur Biografiearbeit mit dementen Menschen. Vincentz-Verlag, ISBN 3-87870-925-0, 54,00 ? Das biografische Arbeitsmaterial der Fotokiste spricht Menschen mit Demenz über Schlüsselreize und Schlüsselbilder auf der Gefühlebene an. 30 Fotos mit aktuellen Alltagsmotiven dienen als optische Impulsgeber. Das umfassende Begleitbuch ?Leitfaden zur Biografiearbeit mit dementen Menschen? stellt Konzept, Anleitung und Erfahrungsberichte rund um die Fotos vor.
  • Sprichwortbox (Stefan Gutensohn): Gedächtnis- und Ratespiel. Vincentz-Verlag, ISBN 3-87870-926, 42,00 ? Ältere Menschen können oft mühelos einen Satzanfang zu einer kompletten Volksweisheit ergänzen. Die Sprichwortbox beinhaltet 400 Sprichwortkarten zum Spielen und Raten. Das Spiel fördert nicht nur die Kommunikation, sondern auch das Wohlbefinden der Mitspieler und Mitspielerinnen.

<<zurück zur Übersicht