Aus: Alzheimer Info 3/15

Birgitta Neumann hat 2009 mit dem Verein „Leben wie ich bin – Selbstbestimmtes Wohnen für Menschen mit Demenz e.V.“ eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz in Potsdam gegründet. Sie ist hauptamtlich tätig für die Alzheimer-Gesellschaft Brandenburg.

Frau Neumann, wie kam es zur Gründung des Vereins „Leben wie ich bin“ und der Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz?

Birgitta Neumann: Nach einer Informationsveranstaltung der Alzheimer-Gesellschaft Brandenburg fand eine Gruppe von Angehörigen zusammen, die sehr an der Gründung einer selbstorganisierten WG interessiert war. Ich gehörte dazu, weil ich unzufrieden mit der Betreuung meines inzwischen verstorbenen Vaters im Heim war. Wir haben dann den Verein „Leben wie ich bin e.V.“ gegründet. Der Verein tritt als Hauptmieter gegenüber dem Vermieter unserer Räume auf. Nach einigen bürokratischen Schwierigkeiten, z. B. wegen des Brandschutzes, startete die WG im Oktober 2009, und in kurzer Zeit waren alle acht Zimmer belegt.

Sie sprechen von einer „selbstorganisierten“ WG. Was bedeutet das?

Die Angehörigen bzw. rechtlichen Betreuer derer, die bei uns einziehen, bilden ein Gremium, das alle wichtigen Entscheidungen trifft, etwa die Auswahl des ambulanten Pflegedienstes oder den Einzug neuer BewohnerInnen. Eine Bedingung ist, dass alle Angehörigen sich bereit erklären, mitzuarbeiten und einen bestimmten Verantwortungsbereich zu übernehmen. Wenn also die Tochter in München lebt, kann die Mutter nur bei uns einziehen, wenn sie eine Interessensvertretung vor Ort organisieren kann.

Solch eine WG ist ja eine ungewöhnliche und demokratische Angelegenheit. Bereiten Sie Angehörige darauf vor?

Ja, es klappt nur, wenn alle Angehörigen eine Einführung bekommen, die bei uns acht Themenbereiche umfasst. Es muss allen klar sein, dass eine WG etwas ganz anderes ist als ein kleines Heim. Das Verhältnis von Mietern (den Erkrankten), Angehörigen, Vermieter und Pflegedienst muss verdeutlicht werden, ebenso die Finanzierung; auch der Umgang mit dem Verhalten Demenzkranker und der Umgang mit der Gabe von Medikamenten. Es gibt zwei gewählte Angehörigensprecherinnen, die u.a. die Kommunikation mit dem ambulanten Pflegedienst übernehmen.

Wie ist die Arbeitsteilung?

Wir einigen uns auf Verantwortungsbereiche. Nicht der Pflegedienst besorgt und schmückt den Weihnachtsbaum, sondern das muss jemand von uns übernehmen. Ebenso organisieren die Angehörigen Geburtstagsfeiern und Ausflüge, laden mal einen Musiker ein, kümmern sich um Renovierungen und Reparaturen usw. Manchmal werden wir von Ehrenamtlichen unterstützt, z. B. bei Ausflügen.

Wie wird die Auswahl neuer Mieter entschieden?

Das machen die Angehörigen gemeinsam mit Vorbereitung durch mich als Moderatorin. Interessenten stellen sich persönlich vor, wir gewinnen einen Eindruck und entscheiden. Das ist auch deshalb wichtig, weil dann alle mittragen, dass z. B. jemand mal etwas schwierig ist.

Welche Rolle spielen Sie als Moderatorin?

Ich koordiniere, bin bei den Sitzungen des Angehörigengremiums dabei und vermittle, wenn Probleme auftreten. Ferner mache ich die Einführungen für die Angehörigen und auch für die Mitarbeiterinnen des ambulanten Dienstes. Einmal in der Woche schreibe ich eine Rundmail an alle Beteiligten. Das übernehme ich ehrenamtlich.

Wie ist es mit der Auswahl des ambulanten Pflegedienstes?

Mehrere Pflegedienste haben sich vorgestellt und wir haben einen davon ausgewählt. Die Betreuung in einer WG unterscheidet sich erheblich von der üblichen Tätigkeit eines ambulanten Dienstes. In der WG geht es ganz stark darum, einen gemeinsamen Alltag mit Demenzkranken zu leben und zu gestalten. Deshalb machen wir auch für die Mitarbeiterinnen des Pflegedienstes eine Einführung und regelmäßige Fortbildungen.

Den Mitarbeiterinnen macht die Arbeit in der WG Freude, ist aber auch anstrengend und fordernd. Da der Gesundheitszustand der Mieter sich mit der Zeit verändert, muss auch die Gestaltung des Alltags immer wieder überdacht und verändert werden.

Wie viele Mitarbeiterinnen sind tätig?

Der ambulante Dienst stellt insgesamt zehn Mitarbeiterinnen, am Tage sind jeweils zwei anwesend, nachts eine.

Wie hoch sind die Kosten?

Die Kosten sind etwa so hoch wie in einer stationären Pflegeeinrichtung. Der Betreuungsschlüssel ist wesentlich besser als im Heim, um eine wirklich personenzentrierte Alltagsgestaltung umzusetzen. Deshalb können ambulant betreute Wohngemeinschaft, die dieses Prinzip ernst nehmen, nicht kostengünstiger sein.

Im Land Brandenburg gibt es etwa 200 ambulant betreute WGs, überwiegend für Menschen mit Demenz. Haben Sie uns eine typische WG vorgestellt?

Sicherlich nicht. Unsere WG gehört zu den relativ wenigen „selbstorganisierten“ WGs im Sinne des Brandenburgischen „Pflege-, Wohn- und Betreuungsgesetzes“. Die meisten sind „trägerorganisiert“, d. h. hier bestimmt ein ambulanter Pflegedienst, wobei die Mitwirkung des Angehörigengremiums unterschiedlich ausgeprägt ist. Genau wie bei den Pflegeheimen gibt es bei den WGs welche mit guter und welche mit weniger guter Qualität

Vielen Dank für diesen Einblick in das selbstorganisierte Leben!

Das Interview führte 
Hans-Jürgen Freter
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz, Berlin

Webseite der WG: www.leben-wie-ich-bin.de 

Hier kann auch das Praxishandbuch „Es selbst in die Hand nehmen!“ kostenlos heruntergeladen werden (Druckfassung vergriffen) und ein Film über die Wohngemeinschaft angesehen werden.