Aus: Alzheimer Info 4/15

Gespräch mit Maren Kochbeck: "Jemand muss Verantwortung übernehmen"

Maren Kochbeck leitet die Selbsthilfe-Kontaktstelle Frankfurt. Sie begleitet seit acht Jahren Gesprächsgruppen für Menschen mit beginnender Demenz, aktuell „Gemeinsam Mutig – Selbsthilfegruppe von Menschen mit Demenz“. Viele Jahre hat sie Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen beraten.

Frau Kochbeck, welche Unterstützung brauchen Menschen mit Demenz, die allein im eigenen Haushalt leben?

Maren Kochbeck: Menschen mit Demenz, die alleine leben, brauchen besonders jemand, der mitdenkt, der den ganzen Menschen im Blick hat und Verantwortung mitübernimmt. Das sind oft nur kleine, aber wichtige Hilfen, z. B. an die Medikamente zu erinnern, auf Termine mit Arzt oder Frisör hinzuweisen, daran zu denken, dass der Ausweis verlängert werden muss. Oder auch: Wer macht den Vogelkäfig sauber, wer kümmert sich um das Haustier?

Ambulante Dienste sorgen meist gut für die Unterstützung bei Körperpflege und Einkauf, fühlen sich aber für die vielen kleinen Angelegenheiten des Alltags häufig nicht zuständig.

Sind das Aufgaben, die Ehrenamtliche übernehmen können?

Ehrenamtliche, die gut auf die Betreuung von Menschen mit Demenz vorbereitet sind, sind eine sehr wertvolle Hilfe. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Ehrenamtlichen gerne ein oder zwei Mal in der Woche eine bestimmte Aufgabe übernehmen, aber keine umfassende Verantwortung tragen möchten.

Es geht also um Mitdenken und die Übernahme von Verantwortung – das ist eine hohe Anforderung.

Ja, es gilt vieles im Blick zu haben. So haben wir eine Dame, die Schwierigkeiten mit ihrem Hörgerät hatte, immer wieder in das Fachgeschäft begleitet. Jemand anderes hatte Probleme mit dem Mietvertrag, oder eine Heizungsreparatur musste in die Wege geleitet werden. Dabei sollte man sehr behutsam sein und etwa sagen: „Darf ich Sie daran erinnern, dass …“.

Für die angesprochenen Angelegenheiten sind aber doch auch die rechtlichen Betreuer zuständig?

Eigentlich schon, doch die meisten haben nur wenig Zeit, sich um alltägliche Probleme zu kümmern. Auch bei den ambulanten Diensten ist dies eher eine Ausnahme. Und die Angehörigen wissen oft nicht Bescheid, da die Erkrankten häufig als eine Art von Selbst-Schutz versuchen zu vertuschen, wenn etwas schief gegangen ist. Sie fürchten dann gleich viel zu viel Hilfe zu bekommen und nicht mehr selbstständig handeln zu können.

Welche Rolle spielt das Heim als Alternative zum Alleinleben?

Viele fürchten im Heim ihre Selbstständigkeit zu verlieren und bevormundet zu werden. Außerdem ist es für manche Betroffene auch ein schlimmer Gedanke, dass die Kinder eventuell einen Beitrag zu den Heimkosten zahlen müssten, auch wenn ich erkläre, dass es hohe Schonbeträge gibt.

Wobei man dazu sagen muss, dass eine umfassende Versorgung zu Hause nicht unbedingt günstiger ist als ein Heimplatz! Paradox ist allerdings, dass Betroffene, die durchaus Geld haben, oft unterversorgt sind, weil sie ihre Ersparnisse nicht angreifen wollen.

Was sagen die Angehörigen?

Häufig machen sie sich Vorwürfe, nicht genug zu tun. Eine besondere Herausforderung ist es, wenn aus der Vergangenheit noch emotionale Themen offen sind. Oft wissen die Angehörigen nicht, was nötig wäre, welche Unterstützung es gibt, und sind vorwiegend mit der Regelung alltagspraktischer Dinge beschäftigt. Dabei bleibt wenig Zeit, entspannt miteinander zu sprechen oder einen Spaziergang zu machen.

In Zukunft wird die Zahl der allein lebenden alten Menschen mit und ohne Demenz weiter steigen. Was sollte getan werden, um ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen?

Meiner Meinung nach sind persönliche, aber auch nachbarschaftliche und professionelle Netzwerke von sehr großer Bedeutung. Und wir alle sollten nicht davor zurückschrecken, unsere Unterstützung anzubieten, ohne dabei übergriffig zu sein.

Das Interview führte
Hans-Jürgen Freter
Deutsche Alzheimer Gesellschaft, Berlin