Aus: Alzheimer Info 02/2002

Gewalt in der Pflege Demenzkranker

Unsere Gesellschaft reagiert - meist nur kurzzeitig und oft pharisäerhaft - sehr empört "Wie konnte das geschehen?", wenn sie von Misshandlungen gegenüber pflegebedürftigen älteren Menschen erfährt. Die Medien sind voll von Berichten über Missstände in Pflegeheimen. Obwohl heute jedem bekannt sein müsste, dass diese Lebensform Demenzkranken und ihren Angehörigen oft mehr Leid als Lebensqualität bringt und viele Einrichtungen - z.B. wegen Personalmangel - kaum noch eine Minimalpflege gewährleisten können, ist das gesellschaftspolitische Interesse, diese Missstände zu verringern, noch zu gering, um effektive Verbesserungen zu bewirken. Sind die "Täter" aber Familienangehörige, so ist die allgemeine Entrüstung noch größer. Betrachtet man die Situation, in der Gewalthandlungen in der Familie geschehen, oder spricht man mit dem vermeintlichen Täter, so öffnet sich manchmal ein Abgrund von Hilflosigkeit, Verzweiflung, totaler Überlastung, Scham, Einsamkeit und "Im-Stich-gelassen-sein". Hinzu kommt, dass familiäre Gewalteinwirkungen oft beidseitig sind. So beschimpft z.B. eine Demenzkranke ihre pflegende Tochter oder bezichtigt sie ungerechtfertigt eines Diebstahls. Die Tochter dagegen kann sich in einer sich zuspitzenden Krisensituation nicht mehr beherrschen, ihr "rutscht die Hand aus".

Eine Gewalthandlung innerhalb der Familie geschieht nicht einfach so. Jede hat ihre - meist jahrelang sich zuspitzende - Vorgeschichte und wird beeinflusst von einer Vielzahl von individuellen, inner- und außerfamiliären Faktoren. Wenn Vorzeichen von Gewalt - und sind sie auch noch so unterschwellig - nicht bewusst erkannt oder vertuscht werden, kommt es oft zur Gewalthandlung. Selten bleibt diese dann ein Einzelfall. Kommt Gewalt erst nur in einer speziellen Situation, z.B. beim Essenreichen vor, so kommen bald weitere Gewalthandlungen z.B. beim Waschen oder bei der Medikamentenverabreichung hinzu. Da der alte Mensch sich mit den ihm noch verbleibenden Möglichkeiten dagegen wehrt, z.B. vermehrt einnässt, schreit, schlägt, nehmen Häufigkeit und Intensität von Gewalthandlungen zu und werden als "alltägliche Notwendigkeit" interpretiert und aufrechterhalten. Der "Gewaltkreis" ist geschlossen. Alternativen sind nicht mehr möglich. Häufig sind Gewalthandlungen Endpunkte von sehr belastenden Beziehungen und Zeichen eines Erschöpfungszustandes von pflegenden Angehörigen. Sie sind auch Hinweise für Kontrollverlust, Ausweglosigkeit und Zukunftsangst.

Was verstehen wir unter "Gewalt"?

Unter Gewalt ist eine Handlung, ein Nicht-Handeln oder eine Drohung zu verstehen, die grundlegende menschliche Bedürfnisse (Wohlbefinden, Überleben, persönliche Identität und Freiheit) beeinträchtigt, einschränkt oder deren Befriedigung verhindert. Eine Gewalthandlung ist immer zugleich auch eine Übertretung von geltendem Recht und eine Menschenrechtsverletzung. Gewalt lässt sich nicht nur auf eine zielgerichtete körperliche oder psychische aktive Beeinträchtigung reduzieren. Eine Vielzahl von weiteren Misshandlungsformen sowie aktive oder passive Vernachlässigungen gehören ebenso hierzu. Alle diese Formen beziehen sich auf direkte Gewalt, die zwischen Personen ausgeübt wird. Viel unscheinbarer und dennoch mit massiven Folgen verbunden sind indirekte Gewalthandlungen auf struktureller (z.B. durch "Schreibtischtäter") und kultureller Ebene (z.B. gesellschaftlich geduldete "Altersdiskriminierung"), die oft als Begründung von sichtbarer Gewalt dienen. Diese Gewaltebenen verdeutlichen, wie schwierig es ist und wie hoch die Barrieren sind, Alternativen gegen Gewalt zu erarbeiten und diese dann umzusetzen.

Jede Gewalthandlung ist mehrdimensional und führt ohne Intervention von außen zu weiterer Gewalt. Kaum eine Gewaltform tritt allein auf. So ist z.B. körperliche Gewalt oft gepaart mit psychischer Gewalt, Vernachlässigung mit indirekter Gewalt, und Isolation mit kultureller Gewalt.

Es ist schwierig einzuschätzen, wie häufig Gewalt in häuslichen Pflegebeziehungen auftritt. Verlässliche Zahlen gibt es noch nicht. Betrachtet man die Gewalt gegenüber alten Menschen im familiären Bereich insgesamt, so werden Prävalenzen zwischen 4 - 10% angeführt. Berücksichtigt man Befunde über häusliche Pflege, so liegen diese Anhaltszahlen erheblich höher. Allerdings ist auch die Häufigkeit der Gewalthandlungen von Pflegeabhängigen gegenüber Pflegenden nicht wesentlich geringer.

Ursachen und Bedingungen von Gewalt in der Pflegebeziehung

Bei der Entstehung von Gewalt in der Pflegebeziehung können keine einfachen Ursache-Wirkungsbeziehungen aufgezeigt werden. Vielfältige Bedingungen spielen eine Rolle, wenn man das Phänomen Gewalt greifbar machen möchte. In der Literatur werden folgende wesentlichen Faktoren genannt, die sich wechselseitig beeinflussen können:

  • Belastungen durch die häuslichen Pflege (z.B. körperlich, psychisch, Überforderung, Scham vor Inanspruchnahme von Hilfen, unzureichende Hilfsangebote),
  • Schwierigkeiten in der Beziehungsdynamik (z.B. Konflikte bereits vor Eintreten der Erkrankung, rigide Interaktionsmuster, veränderte Beziehungskonstellationen),
  • Persönlichkeitsmerkmale von "Opfer" und "Täter" (z.B. psychische Störungen und Verhaltensstörungen des Kranken, "Helfersyndrom" des Angehörigen),
  • Soziale Unterstützung und allgemeine Lebensbedingungen (z.B. finanzielle Probleme, enge Räumlichkeiten, wenig professionelle Hilfsangebote).

Keiner der genannten Faktoren kann allein die Entstehung von Gewalt in der Pflegebeziehung erklären und vorhersagen. Ihr Zusammenwirken erhöht jedoch das Risiko von Gewalt in der Pflegebeziehung und macht präventive Maßnahmen notwendig, um einem Eskalieren vorhandener Probleme in der Betreuung vorzubeugen.

Prävention von Gewalt in der Pflegebeziehung und Interventionsmöglichkeiten

Gewaltausübung in der Pflege ist in der Regel eine Reaktion auf Überforderung oder mangelnde Unterstützung. Schuldzuweisungen und Verurteilungen mögen zwar in bestimmten Fällen berechtigt sein, helfen den Betroffenen aber nicht weiter und verhindern viel häufiger, dass Angehörige, die sich selbst in einem Gewaltkreislauf verstrickt sehen, Hilfe suchen. Berichte in den Medien, die extreme Beispiele von Gewalt darstellen und verurteilen, decken zwar sicherlich Missstände auf, haben jedoch auch den Nachteil, dass sie eine öffentliche Atmosphäre von unreflektierter Verachtung gegenüber solchen Menschen schaffen können. Statt Verurteilungen sind Maßnahmen gefordert, die Risiken von Gewaltanwendung reduzieren oder Hilfen für Betroffene anbieten. Ansatzpunkte zur Prävention und Intervention können sein:

  • Beratung im Vorfeld der Pflege,
  • Sensibilisierung von professionellen Berufsgruppen,
  • Aufklärung über dementielle Erkrankungen,
  • Hilfen zum Umgang mit problematischen Situationen in der Pflege,
  • Lockerung der Dichte der Pflegebeziehung,
  •  Entlastungsangebote für Angehörige,
  • Beratung und therapeutische Angebote,
  • Überdenken der öffentlichen Wertorientierung.

Ausblick

Gewalt in der häuslichen Pflege ist immer noch ein Tabuthema, auf das die Öffentlichkeit mit großer Entrüstung reagiert. Ein reflektierter Umgang mit diesem Thema könnte helfen, betroffenen Familien die Hilfen und Unterstützung zukommen zu lassen, die sie benötigen. Schilderungen beim Bonner Notruftelefon "Handeln statt Misshandeln - Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter e.V." belegen, dass Nachbarn, Hausärzte, Medizinischer Dienst und Pflegedienste häufig Hinweise auf Gewalthandlungen oder destruktive Umgangsformen wahrnehmen. Doch nur in Ausnahmefällen wird diesen nachgegangen. Die Regel ist eher zu schweigen oder sich nicht zuständig zu fühlen. Unterstützt wird dieses "Nichtstun" durch Gesetze, die die Familie unter den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung stellt und eine Einmischung von außen kaum zulässt (GG Art. 6). Damit ist jedoch niemandem in der betroffenen Familie geholfen. Vielmehr verstellt es Pflegepersonen und Patienten die Möglichkeit, mit Hilfe von außen die Situation zu verändern.

Eine Enttabuisierung des Themas "Gewalt in der Pflege" kann es Angehörigen leichter machen, über ihre Erfahrungen und Probleme zu berichten. Es wäre von großem Nutzen, wenn in Zukunft nicht vorschnelle Verurteilungen und Schuldzuweisungen die Diskussion in der Öffentlichkeit bestimmen würden, sondern der Austausch über Hilfs- und Entlastungsmöglichkeiten.

Professor Dr. Dr. Rolf D. Hirsch, Bonn


Gewalt gegen Demenzkranke

Strukturell

(wirkt direkt oder indirekt)

mangelhafte Lebensräume, unzureichende Kontrollinstanzen, Vorenthalten von Lebensqualität, unzureichender Personalschlüssel, unnötige Einrichtung von Betreuung, ...

Kulturell

(wirkt direkt oder indirekt)

Akzeptanz von Gewalt, Vorurteile gegen das Alter, Pflegeverpflichtung für Frauen, Scham der Opfer vor der Öffentlichkeit, starre intergenerative Beziehungsmuster, ..

Personell

(wirkt direkt)Symptome nicht ernst nehmen, beschämen, bloßstellen, drohen, sexuell belästigen, ...

 

Professor Dr. Dr. Rolf D. Hirsch ist Chefarzt der gerontopsychiatrischen Abteilung der Rheinischen Landeskliniken Bonn sowie Gründer der Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter e.V. ?Handeln statt Misshandeln? (HsM), Goetheallee 51, 53225 Bonn, Tel. 0228/636322. Er ist Mitherausgeber der Bonner Schriftenreihe "Gewalt im Alter", 9 Bände, 8€ bzw. 11€ pro Band, zu beziehen über den Verein "Handeln statt Misshandeln".

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