Aus: Alzheimer Info 4/08

Es gibt zahlreiche medikamentöse Strategien, von denen man hofft, dass sie das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit verlangsamen können. Dazu zählt die Verminderung des Gehalts von Homozystein im Blut, einer in der Nahrung nicht vorkommenden Aminosäure. Homozystein kommt bei Patienten mit Alzheimer-Krankheit in erhöhter Konzentration vor und trägt möglicherweise zum Untergang von Nervenzellen bei. Die Homozystein-Konzentration lässt sich durch die Gabe von Folsäure, Vitamin B6 und Vitamin B12 absenken.

Kann eine einfache und gut verträgliche Behandlung mit Vitamin-Nahrungszusätzen tatsächlich etwas gegen die Alzheimer-Krankheit ausrichten?

Zu dieser Frage wurde am 15. Oktober 2008 im renommierten Journal of the American Medical Association (JAMA) eine Studie veröffentlicht, deren Ergebnisse die Diskussion über den Nutzen einer Vitaminbehandlung zur Vorbeugung gegen die Demenz im Alter erneut anheizen. An der Untersuchung nahmen 409 Patienten mit leichtgradiger bis mittelschwerer Demenz bei Alzheimer-Krankheit teil. Die Autoren der Studie berichten, dass die hochdosierte Behandlung mit Vitamin B über 18 Monate (Kombination aus 25 mg Vitamin B6, 1 mg Vitamin B12 und 5 mg Folsäure) zwar die Homozystein-Blutspiegel deutlich senkte, aber im Vergleich zu einem unwirksamen Scheinpräparat keinen Einfluss auf das Fortschreiten der Symptome hatte. Mit den Worten des Projektleiters Paul Aisen geben diese Ergebnisse "eine sehr deutliche Antwort, dass diese Vitamine nicht genommen werden sollten, um die Alzheimer-Demenz zu behandeln. Sie sind unwirksam."

Die aktuelle Studie fügt sich nahtlos in eine Reihe von Untersuchungen, die auch für die Vitamine C und E keine Wirksamkeit gegen die Alzheimer-Krankheit nachweisen konnten. Von ihnen hatte man eine Verlangsamung des Nervenzelluntergangs erhofft, weil beide in der Lage sind, reaktionsfreudige Sauerstoffbruchstücke abzufangen. Solche zellschädigenden Bruchstücke entstehen bei der Alzheimer-Krankheit vermehrt im Hirngewebe. Alle bisherigen Studienergebnisse deuten aber darauf hin, dass weder Vitamin C noch Vitamin E noch die Kombination aus beiden einen nennenswerten Einfluss auf den Verlauf der Alzheimer-Krankheit haben.

Außerdem sind Vitamine nicht so harmlos, wie man im Allgemeinen annimmt. Die Einnahme von mehr als 400 mg Vitamin E täglich ist bei älteren Menschen mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von Hirnblutungen verbunden. Vitamin C über 2 g täglich kann bei eingeschränkter Nierenfunktion zur Bildung von Nierensteinen führen.

Muss man aus diesen Studien den Schluss ziehen, dass Nahrungszusätze oder die Ernährung selbst für die Behandlung oder Vorbeugung der Alzheimer-Krankheit überhaupt keine Rolle spielen?

Eine solche Folgerung wäre voreilig. Bisher ist nur bekannt, dass Vitamine den Verlauf der Krankheit nicht beeinflussen können, wenn sie bereits zu einer Demenz geführt hat. Nicht geklärt ist dagegen, ob die langfristige Einnahme von Vitaminen im Zustand geistiger Gesundheit dem Auftreten einer Demenz entgegen wirken kann. Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen der Art der Nahrung und dem Auftreten sowie dem Verlauf der Alzheimer-Krankheit haben positive Hinweise ergeben. Eine "mediterrane" Ernährung, die viel Gemüse, kalt gepresstes Olivenöl, wenig rotes Fleisch und wenig Alkohol enthält, scheint das Risiko für die Alzheimer-Krankheit zu vermindern. Der regelmäßige Genuss von Fisch und von ungesättigten Fettsäuren ist bei Alzheimer-Patienten mit einem langsameren Fortschreiten der Symptome verbunden. In einer vor kurzem abgeschlossenen Studie hat sich gezeigt, dass ein Cocktail aus Omega-3-Fettsäuren, Cholin, Phospholipiden, B-Vitaminen und oxidationshemmenden Substanzen bei den Patienten sogar zu einer Verbesserung der Gedächtnisleistung führt.

Fazit

Zusammenfassend kann die Einnahme von hochdosierten Vitaminen gegenwärtig nicht zur Behandlung oder Vorbeugung der Alzheimer-Krankheit empfohlen werden. Vitamine sollten nur bei nachgewiesenen Mangelzuständen als Nahrungsergänzung und in keiner höheren als der empfohlenen Dosierung eingenommen werden. Zur Wirksamkeit von Vitaminen in Verbindung mit anderen Nahrungsergänzungsstoffen bedarf es weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen. Empfehlenswert im Hinblick auf die Gesunderhaltung von Körper und Geist im Alter sind eine gesunde und ausgewogene Ernährung sowie ein aktiver Lebensstil.

Dr. Robert Perneczky
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Technische Universität München

Literatur:
P. S. Aisen et al.: High-dose B vitamin supplementation and cognitive decline in Alzheimer disease. A randomized controlled trial. JAMA 300:1774-1783, 2008