Aus: Alzheimer Info 3/19

Einen anderen Menschen zu pflegen, ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Häufig nehmen pflegende Angehörige die eigenen Belastungsgrenzen nicht mehr wahr – die Pflege wird zunehmend zur Herausforderung. Wie gehen die Pflegenden damit um? Was kann helfen, schwierige Situationen zu meistern?

Mit der Pflege alleine

Ohne den größten Pflegedienst in Deutschland – die pflegenden Angehörigen – würde das Pflegesystem zusammenbrechen. Angehörige versorgen rund zwei Drittel der ca. 2,9 Millionen pflegebedürftigen Menschen. Nur etwa ein Drittel der Pflegebedürftigen, die zuhause leben, werden von ambulanten Pflegediensten unterstützt. Für die pflegenden Angehörigen wird es immer schwieriger, überhaupt einen Pflegedienst zu finden, der noch Kapazitäten frei hat. So sind sie häufig mit der Pflege sowie den vielen organisatorischen Fragen auf sich alleine gestellt. Die Anspannung wächst: Sorge und Angst sowie das Gefühl, hilflos und ausgeliefert der Situation gegenüberzustehen, lassen oft einen Tunnelblick entstehen. Durch tägliche Konflikte lastet auf den Angehörigen enormer Druck. Dieser begünstigt die Gefahr, dass Grenzen überschritten werden und es zu Gewalt in Pflegesituationen kommt. Dies kann das Erheben der Stimme sein oder ein körperlicher Übergriff des Pflegenden oder auch des Pflegebedürftigen. Pflegende Angehörige müssen in diesen Situationen mehr Unterstützung erhalten, bevor sie mit ihren Aufgaben überlastet oder überfordert sind.

Das Projekt „Gelassen – nicht alleine lassen“

Das Projekt „Gelassen – nicht alleine lassen“ setzt hier an: Es richtet sich an pflegende Angehörige von an einer Demenz erkrankten Menschen und legt den Fokus auf die Belastungen und Belastungsgrenzen, die durch die Versorgung im häuslichen Alltag entstehen. Die Befragungen zu Beginn des Projektes haben bestätigt, dass pflegende Angehörige unter einer sehr hohen körperlichen und seelischen Anspannung leiden. Individuelle Belastungsfaktoren (beispielsweise das Balancieren zwischen den Anforderungen der eigenen Familie und den Bedürfnissen des Erkrankten, fehlende Hilfe durch die Familie und das soziale Umfeld, eigene Erkrankungen) kamen bei vielen Angehörigen hinzu. Durch das Fortschreiten der Erkrankung nimmt das subjektive Belastungsgefühl der Pflegenden häufig zu.

Eine Teilnehmerin berichtete, welche Situationen sie besonders belasten: „Wenn meine Mutter traurig und depressiv ist, sie aber keine Hilfe akzeptiert. Wenn sie aggressiv und herausfordernd ist und wenn sie Wahnvorstellungen hat, dass zum Beispiel jemand im Haus ist und klaut, wenn ich ihr die Ängste nicht nehmen kann.“

Das Projekt entwickelt mit den Angehörigen Möglichkeiten zur besseren Selbsteinschätzung sowie Lösungsstrategien für Pflegesituationen, die als problematisch erlebt werden. Die Pflegenden sind während des Projektes aktiv beteiligt und bringen ihre Erfahrungen und Einschätzungen ein.

Ziele und erste Ergebnisse

Unterstützung und Hilfe für die Angehörigen müssen bei der Reduzierung der eigenen Anspannung beginnen. Eine gute Einschätzung der eigenen Kräfte ermöglicht einen gelasseneren Umgang mit schwierigen Pflegesituationen. So können kritische Situationen wahrgenommen und vermieden werden. Ebenso gelingt es Pflegenden auf diese Weise besser, selbst zu erkennen, dass ein Hilfs- und Beratungsangebot hilfreich sein könnte. Auch Wissen über Demenzen kann Anspannung reduzieren. Mithilfe von Schulungen sind besonders viele Angehörige erreichbar. Hier erhalten sie unter anderem grundlegende Informationen zum Thema „Vermeidung von Gewalt in der Pflege“.

Wenn Angehörige in die Lage versetzt werden, sich selbst zu helfen, so hilft dies auch den Pflegebedürftigen. Es ist wichtig, die psychische Widerstandskraft zu erhöhen und Lösungskompetenzen zu steigern. Mit einem Instrument zur Selbsteinschätzung sowie dem nötigen Wissen über die Erkrankung und herausfordernde Situationen sollen pflegende Angehörige das Rüstzeug erhalten, um zugewandt und liebevoll pflegen und gleichzeitig die eigene Gesundheit bewahren oder zumindest stabilisieren zu können.

Das dreijährige Projekt „Gelassen – nicht alleine lassen“ wird vom Landesverband der Alzheimer Gesellschaften NRW e.V. in Kooperation mit der Technischen Hochschule Köln durchgeführt und von der Stiftung Wohlfahrtspflege gefördert. Auch unser Symposium am 13. September im Landtag NRW widmet sich den pflegenden Angehörigen.

Ira-Maria Bredt, Kirsten Balcerzak, Monika Tolksdorf-Henkel
Landesverband der Alzheimer Gesellschaften NRW e.V.