Aus: Alzheimer Info 3/10

„Es ist mir oft alles zu kompliziert. Meine Tochter müht sich so. Muss ich das alles noch begreifen?“ fragt mich eine ältere Dame mit Demenz. Auch wir klagen oft, dass vieles so kompliziert geworden ist und wir manches nicht mehr verstehen. Doch, um mit Einstein zu sprechen, muss man die Welt nicht verstehen, um in ihr leben zu können. Wir fragen nach Normen, Regeln, Leitlinien und evidenzbasierten Interventionen, um „optimal“, „richtig“ und „ökonomisch“ Menschen mit Demenz zu begegnen.

Kann man, darf man da noch lachen?

Zweifelsohne sind wir oft erschüttert über die Auswirkungen der Krankheit auf die Betroffenen und ihre Angehörigen. Doch ist unser Blick etwas zu starr auf die Krankheit gerichtet und auf ihren angeblich schicksalhaften Verlauf. Kann man, darf man da noch lachen? Haben da Heiterkeit und Humor noch Platz? Jeder Mensch verfügt bis zum letzten Atemzug über Ressourcen und Fähigkeiten, die von den Auswirkungen einer Demenz überschattet sind, aber nie ganz verlöschen. Heiterkeit und Lachen, Frohsinn und Sinn für Humor sind Fähigkeiten, die einem mehr oder weniger in die Wiege gegeben sind, während des Lebens gepflegt werden müssen und bei vielen Menschen mit Demenz in unterschiedlicher Weise anzutreffen sind.

In der ersten Zeit meiner gerontopsychiatrischen Tätigkeit begegnete ich einer bettlägerigen Frau mit schwerer Demenz, die mich bei Berührungen oder Ansprache kurz anblickte und dann mit verschmitzten Augen vor sich hin kicherte. Diese Heiterkeit wirkte ansteckend! Jan Wojnar, ein mit Humor ausgestatteter Gerontopsychiater, berichtet, dass er eines Tages eine Patientin überreden wollte, ihre Medikamente zu nehmen. „Sie schaden mit Sicherheit nicht. Haben sie kein Vertrauen zu mir?“ „Pappalapapp!“ antwortete ihm diese. „Wenn Sie ein echter Arzt wären, würden Sie kranke Menschen behandeln, anstatt eine gesunde Frau zu belästigen!“ Ist das närrisch oder versteckte Weisheit?

Barbara Romero stimme ich uneingeschränkt zu, wenn sie meint, dass Menschen mit Demenz unsere Lehrmeister sein können! Man muss nur hinsehen, fühlen und verstehen! Auch Lachen kann man von ihnen lernen!

Nicht jedes Lachen ist Ausdruck von Humor! Humor ist eine Herzenssache, die nicht kränkend und beschämend ist, sondern kreativ. Das innere Kind darf trotz der Ungereimtheiten der Welt und trotz Missgeschicken des Alltags aufjuchzen. Lachen ist eine kurze effektive psychophysiologische Reaktion, Humor eine Persönlichkeitseigenschaft und hat eine psychosoziale ansteckende Wirkung.

Lachen ist Medizin - und hilft auch bei herausforderndem Verhalten

Gibt es auch noch nicht sehr viele wissenschaftlich erwiesene Effekte, so ist die Volksweisheit „Lachen ist die beste Medizin“ dennoch nicht aus der Luft gegriffen. Aus Untersuchungen geht hervor, dass Humor die körperliche und psychische Genesung unterstützt, das Abwehrsystem kräftigt, Selbstvertrauen und Selbstständigkeit fördert, Schmerzen lindert, Angst, Panik, Aggression und depressive Verstimmung verringert und eine wichtige Komponente zum gesunden Leben ist.

Da Demenz nicht nur eine organische Erkrankung ist, sondern auch von psychosozialen Faktoren abhängt, besteht eine Vielzahl von Möglichkeiten, Humor als Lebenselixier oder Therapeutikum einzusetzen. Der Sinn für Humor bleibt bei den meisten Kranken noch lange erhalten. Herzhaftes Lachen, das zudem ansteckt, ist keine Seltenheit. Zu beobachten ist, dass sich die soziale Atmosphäre durch Humorinterventionen verbessert. Sinnvoller Weise sind eher nonverbale Humorinterventionen (in Form von Gestik, Mimik, Körperhaltung, Sprachmelodie) einzusetzen und weniger sprachliche. Voraussetzung ist, dass Angehörige und Professionelle über eine gute Portion Humor verfügen und diesen pflegen. Gerade „herausforderndes Verhalten“ von Menschen mit Demenz erfordert eine humorvolle Begegnung. Humor ist in Beziehungen eine „Trotzmacht“ gegen Aggression! Wer lacht, dämmert nicht vor sich hin!

Klinik-Clowns fördern fröhliches aufgeschlossenes Klima

Klinik-Clowns, auch „Geri-Clowns“ genannt, verändern oft in erstaunlicher Weise das Verhalten von Menschen mit Demenz. Herausforderndes Verhalten verringert sich, Aufmerksamkeit und Interesse an der Umwelt erhöhen sich, und das Klima wird offener und heiterer. Auch Mitarbeiter profitieren davon. Eigentlich sollte in keinem Pflegeheim ein Klinik-Clown fehlen. Diese Künstler des Scheiterns verbünden sich in kreativer Weise mit den Menschen mit Demenz – auch „Scheiterer“ – und fördern so ein freundliches fröhliches aufgeschlossenes Klima. Menschen mit Demenz singen und tanzen gern! Ein Demenzforscher sollte unbedingt einmal Klinik-Clowns begleiten. Er könnte diese Krankheit vielleicht besser kennenlernen als aus dem Reagenzglas!

Gibt es auch noch kein „Zaubermittel“ gegen Demenz, so könnten durch Förderung des Humors von Demenzkranken und der sie Pflegenden zumindest einige Smily-Strahlen in die Dunkelheit der Situation kommen. Angehörige können lernen, komische Situationen zu erfassen und sich mit Humor gegen die Alltagsschwierigkeiten zu wappnen (z. B. täglich Anekdoten lesen, humorvolle Videoclips ansehen). Ein besonderes Mittel kann hierbei die „Rote Nase“ sein. Sie kann Erinnerungen an Fröhlichkeit, Offenheit und Verstehen auslösen und so tragische Situationen verringern. Es reicht nicht aus, mit Karl Valentin zu klagen „Mögen hätten wir schon wollen – aber trauen haben wir uns nicht dürfen!“ Menschen mit Demenz sollten wir nicht ständig nur wie „Pflegebedürftige“ behandeln, sondern wie Menschen, die auch ein Menschenrecht auf Heiterkeit und Humor haben!

Prof. Dr. Dr. Rolf D. Hirsch
Rheinische Landeskliniken, Bonn

 

So bringen Sie mehr Humor in den Alltag

  1. Finden Sie heraus, was Sie lustig finden, und begeben Sie sich aktiv in Situationen, die Sie zum Lachen bringen (Theater, Kino, Fernsehen, Zeitungen, Comics etc)!
  2. Behalten Sie eine spielerische Grundeinstellung bei der Arbeit (Das Leben ist zu wichtig, um es ernst zu nehmen)!
  3. Lachen Sie bewusst laut und herzlich!
  4. Schreiben Sie Witze auf und erzählen Sie sie weiter!
  5. Spielen Sie mit doppelten Bedeutungen von Wörtern im Alltag! Finden Sie für Cartoons neue Unterzeilen! Fragen Sie sich bei allem, was Sie erleben, was daran komisch ist!
  6. Finden Sie Inkongruenz im Verhalten bei Fremden und Kollegen und lachen Sie darüber!
  7. Schauen Sie sich Ihre eigenen Schwächen an und übertreiben Sie diese ins Groteske!
  8. Nehmen Sie sich im größten Stress einfach eine Minute Auszeit und lächeln Sie ohne Grund!