Aus: Alzheimer Info 3/15

"Ja", sagte meine Mutter. Das war das einzige Wort, das sie ständig wiederholte, wenn ich sie im Pflegeheim besuchte. Sie war noch in dem so genannten „Ehepaar-Zimmer“ untergebracht, das sich auf der „normalen“ Pflegeetage befand. Mein Vater war dort kurze Zeit vorher verstorben.

Es war ihr anzumerken, dass die letzten gemeinsamen Stunden nach 56 Ehejahren viel Kraft gekostet hatten, denn ihre Demenzerkrankung verschlimmerte sich rasch. Ihr Bedürfnis, nachts zur Toilette zu gehen, wurde für das Pflegepersonal und für uns zum Alptraum. Mehrere Stürze, einer schlimmer als der andere, ließen sie schließlich im Rollstuhl sitzen. Mit der Bewegungsfähigkeit verlor sie auch Appetit, Sprache und Erinnerung.

Mit der Idee, einen Umzug in eine Demenz-Wohngemeinschaft zu wagen, konnte ich schließlich meinen Bruder und meine Familie überzeugen. Das stellte sich für uns alle als Glücksgriff heraus. Nach kurzer Eingewöhnung sprach meine Mutter wieder, ja, sie erkannte uns sogar. Sie erholte sich und freundete sich mit einer Mitbewohnerin an. Gemeinsam durchblättern sie Zeitschriften, plaudern oder genießen die Sonne.

Sorgfältige Beobachtungen halfen den Pflegekräften auf die Bedürfnisse meiner Mutter einzugehen. Zum Beispiel nahm ein kleinerer Teller ihr die Angst vor großen Portionen. Statt das Essen weiterhin zu verweigern, isst sie heute mit großem Appetit. Dem Drang nachts aufzustehen, begegneten die Pflegekräfte mit regelmäßigem Wecken zwecks Toilettengang. Meine Mutter schläft nun ruhig und gut.

Regelmäßige Treffen erleichtern es uns Angehörigen, mit der demenziellen Erkrankung besser umzugehen, denn es gibt immer etwas zu besprechen, zu organisieren, vorzubereiten oder die Ideen und Vorschläge des ambulanten Pflegedienstes umzusetzen.

Meine Mutter lebt nun seit zwei Jahren in der Wohngemeinschaft. Die direkte ruhige Ansprache, der feste Platz am Tisch und die liebevolle Art der Pflegekräfte brachten sie ins Leben zurück. Wenn wir heute durch die Stadt spazieren, hakt sie sich leicht bei mir ein. Ihre Medikamente konnten wir auf das Notwendigste reduzieren.

Das Allerschönste ist für mich: Meine Mutter genießt ihr Leben. Sie singt, lacht, tanzt und macht mit. Und wenn sie mal keine Lust dazu hat, ist das auch in Ordnung.

Heike Hübscher
Rösrath